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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-09-30 · Heft 40 (30.9.1884) · p. Seite 631

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 40 (30.9.1884)
Date
1884-09-30
Page
Seite 631 (sequence 3)
Language
German
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das einzige Heil zu erblicken sich erkühnt. Wie eine solche Strömung im Lichte der elektrischen Sonne, im Jahrhundert der Eisenbahnen und der Telegraphie sich breit machen kann, ist absolut unbegreiflich." (Beifall.) Im weiteren Verlaufe äußerte er sich: „Herr Stöcker fragte weiter: Wie soll auch ein internationales Judenthum für die Größe des Vaterlandes Verständniß haben?" und er weise darauf hin, daß der Jude Ludwig Löwe Nichts von Volkswirthschaft versiehe und am Ruin der deutschen Nation arbeite. (Heiterkeit.) Er behaupte, eine Wahl Löwe's wäre eine Verirrung des Verstandes :c. rc. (Große Heiterkeit.) In der That sei es lächerlich und traurig zugleich, daß am Ende des 19. Jahrhunderts solche Worte gesprochen werden könnten und auch gläubige Hörer fänden Es sei schmachvoll, daß ein derartiger confessioneller Hader in einem Lande geschürt werden könne, wo die allgemeine Wehrpflicht herrsche, wo Juden neben Christen gegen den Feind marschiren, um das Vaterland zu vertheidigen, wo Juden und Christen ohne Unterschied mit dem eisernen Kreuze geschmückt worden seien und die feindlichen Kugeln Juden und Christen gleichmäßig dahin gerafft hätten! (Stürmischer Beifall.) „Wir halten die Gewiffensfreiheit und die Freiheit der Ueberzeugung für das höchste Gut in einem freien Staate und wir wählen Ludwig Löwe, nicht obgleich er ein Jude ist oder gar weil er ein Jude ist, sondern weil er Ludwig Löwe ist! (Lebhafter Beifall.) Wir verehren ihn als den überzeugungstreuen, tüch-; tigen Mann, der sich aus kleinen Anfängen, aus eigener; Kraft emporgearbeitet hat, als einen Mann des praklischen Lebens, dessen Fabrik einen solchen Ruf sich erworben hat, daß die Regierung sich mit dem Gegner auf politischem Gebiete in Verbindung gesetzt hat, und in welcher sich die Arbeiter außerordentlich wohl fühlen. (Stürmischer Beifall.) Ein solcher Mann dürfte doch von Volkswirthschaft etwas verstehen, dagegen ist von Herrn Stöcker zu behaupten, daß seine Thätigkeit für das arbeitende Volk über das Gebiet der Versprechungen nicht hinausgekommen ist." (Sehr wahr!) Träger schloß mit der Aufforderung, daß niemand bei der Wahl fehle. — Freudig begrüßt, nahm alsdann Ludwig Löwe selbst das Wort. Wie es sich von selbst versteht, mußte L. über sich selbst sprechen und wies besonders darauf hin, wie er der Geburt, der Erziehung und dem Charakter nach ein echter Berliner sei. lieber seinen Gegner sagte er: „Wer so tief steht, daß er seine Gegner schmähen muß, um zu beweisen, daß er doch der rechte Kerl ist, der kann eigentlich schon nicht tiefer sinken! (Bravo!) Auf derartige Jnvection zu antworten, wie sie jetzt an bekannter Stelle an der Tagesordnung sind, muß jedem anständigen Menschen widerstreben. Ich bedaure das Publikum, welches solche geistige Nahrung schmackhaft findet, und ich bedaure den Redner, der solche Farcen auffübrcn muß, die man besser und bequemer im Circus sehen kann. (Stürmischer Beifall.) Es gicbt hier eine Persönlichkeit, die, wie es scheint, nicht leben kann, wenn sie nicht andern Leuten Unwahrheiten nachsagt oder anderen Leuten die Worte im Munde verdreht." (Sehr gut!) Gegen Schluß seiner Rede erhob sich Löwe zu einem wahrhaft edlem Schwünge und erntete dafür einen stürmischen Beifall. Nun, ein Antisemitismus, der sich auf einen städtischen Wahlkreis beschränkt, und sich auch hier nur zwischen zwei Candidaten abspielt, weil der eine derselben seines Bekenntnisses wegen einen Anhalt dazu bietet, ist nicht gefährlich. > Daß wir mit obiger Bemerkung Recht haben, ergiebt sich! z. B. aus dem vierten Berliner Wahlkreise, wo ebenfalls ein : Jude Paul Singer, Candidat der Socialdemokraten, dem Abg.! Träger von der deutsch - freisinnigen Partei gegenübersteht. I Hier macht sich mit keinem Worte der Antisemitismus verlautbar, denn beide Männer sind eben solche, welche die Pflichten des Charakters, nach welchen sie streben, kennen, und ihre Parteien, so turbulent sie beim Zusammenstoß sind, haben von antisemitischer Allüre nichts an sich. (Siehe auch unsre Zeitungsnachrichten aus Berlin.) Die Rumänischen Juden. in. Leider werden die rumänischen Juden noch lange nicht von der Tagesordnung verschwinden. Denn nicht allein, daß die rumänischen Gesetzgeber auf immer neue Beschränkungen und Mittel zur Unterdrückung gegen die Juden sinnen, so überhäuft man sie auch in der Tagespresse mit Berläumdungen und Schmähungen, womit man zugleich die unsinnigen und tyrannischen Maßregeln der rumänischen Regierung rechtfertigen und beschönigen will. Daß sich hierzu auch deutsche Federn hergeben, haben wir in Nr. 34 an einem „Hetzartikel der Köln. Ztg." gezeigt. Derartige Jnvectiven erfordern natürlich Entgegnungen, und so muß die Tiscussion fortgesetzt werden, so unliebsam sic an sich auch ist. Der „Specialberichterstatter" der K. Z. hat eine ausführliche Antwort von Herrn vr. Finkelstein, Militärarzt der Reserve in Jassy, erhalten, welche in der „Frankfurter Zeitung" vom 12. und 15. September enthalten ist. Der Verf. weist jenem Berichterstatter nach, daß er die Verhältnisse des rumänischen Landes und Volkes gar nicht kenne, und sich auch nicht die Mühe gegeben, sie kennen zu lernen, daß er seine Notizen von unwissenden Parteigängern sich verschafft hat, und daß er deshalb von allen Schichten des rumänischen Volkes Unwahres und Verleumderisches berichte. So sei seit 20 Jahren unter den rumänischen Bojaren ein Geschlecht ausgewachsen, das besonnen, thätig, aller Verschwendung abgeneigt, seinen Großgrundbesitz bearbeite; daß der rumänische Bauer durchaus jo*

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