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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-09-30 · Heft 40 (30.9.1884) · p. Seite 630

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 40 (30.9.1884)
Date
1884-09-30
Page
Seite 630 (sequence 2)
Language
German
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630 23dt im Gegensätze stand. Dann zog dieser Stamm wieder in eine weite Wüste, wo es sür ihn nur selten Stationen der Ruhe und der Sicherheit gab. Dennoch ist es für ihn keine Zeit, sich der Verzagtheit oder der Trauer zu ergeben. Muthig vorwärts! Treu und consequent ausgeharrt! Unbillen und Angriffen kräftig widerstanden! Das sind die Devisen, welche unsere Geschichte uns übergiebt, und durch Alles hindurch die religiöse Freude und Befriedigung zu empfinden und die innere Einheit der Ueberzeugung und der Gefühle als köstliches Erbgut bewahren, das ist, was jener Grundzug unserer Religion uns noch heute ins Herz schreibt. Oer Berliner Antisemitismus, n. Je mehr die Wahlbewegung in Fluß kommt, desto hitziger wird der Hosprediger Stöcker, desto mehr spitzt sich aber der antisemitische Kampf zum Wahlkampf für den ersten Berliner Reichstags-Wahlkreis zu. Tenn im zweiten hat Stöcker die Conservaliven gewissermaßen genöthigt, ihn Birchow gegcnüberzustellen, und da kann denn die Judenhetze nur ganz beiläufig gestreift werden. Im ersten Wahlkreise stellt man Prof. A. Wagner dem bisherigen Vertreter des Kreises Ludwig Löwe gegenüber: da liegt die Sache auf der Hand. Am 12. d. nun hielt Stöcker vor seinen Christlich-Sozialen eine Lobrede auf Wagner. Hier sagte er unter Anderem: „Wir wollen nicht die Personen angreisen, sondern die zerstörenden Principien der Gegner: die Anmaßung der Juden und die frevelhafte Empörung gegen König und Vaterland. Wie soll auch ein internationales Judcnthum Gefühl sür die Größe deutscher Nation haben! Wir haben im ersten Wahlkreis auf der einen Seite einen Juden, der nichts von Volkswirthschaft versteht und an dem Ruin der Nation arbeitet, aus der anderen Seite einen gefeierten Nationalökonomen. Es ist eigentlich schimpflich, daß man es wagt, Herrn Löwe überhaupt aufzustellen. Ein Jude kann überhaupt Christen nicht vertreten! (Beifall.) Ich hätte ja nichts dagegen, wenn sich 50 000 Juden in Berlin durch 5 Abgeordnete vertreten ließen, die man bei Gesetzen, wie das Wucher- Aktiengesetz, zu den Berathungen hinzuzöge (Heiterkeit). Eine Wahl Lomes wäre eine Verirrung des Verstandes; aber nichtsdestoweniger ist der Candidat zu berücksichtigen und es muß gegen ihn gekämpft werden. Professor Wagner auf der anderen Seite ist ein volkswirthschaftlicher Gelehrter, der seine Ueberzeugung überall mit Kraft und Schärfe vertreten hat, nichtsdestoweniger aber an der Hand der Verhältnisse immer weiter lernt und nicht flehen bleibt, wie der Fortschritt." Die wohlseilen Phrasen des Herrn Stöcker sind wohl kaum noch einer Beachtung Werth. Gewiß ist, daß das deutsche Volk Vertreter wie Stöcker und Wagner nicht haben will, sonst würden sie in ihrer Art nicht die einzigen geblieben sein. Die Ueberzeugungstreue des Prof. Wagner erscheint in einem eigenen Lichte, wenn man die Wandelungen überschaut, die durchgemacht zu haben man ihm vorwirft. Nun, wenn er jetzt „gelernt" hat, Antisemit zu sein, so lernt er vielleicht recht bald, es wieder nicht zu sein. Stöcker sagte hierüber: „Auch in der Judcnfrage ist Pros. Wagner, der früher rechtsnationallibcral war, erstarkt, so daß die Gegner sogar sagen, er ist mir schon über. (Heiterkeit.)" Das ist eine Art zu empfehlen, die einem charakterfesten Mann höchst unangenehm sein würde. Wenn der eigene Freund einem Gelehrten, der aus wiffenschaftliche Autorität Anspruch macht, so viele Veränderlichkeit nachsagt, wie hier Stöcker dem Wagner, so würde er ihn bei jeder anderen Zuhörerschaft gewaltig kompromittiren. Tie Knappschaft, die Wagner dem Stöcker in der Judenhetzerei leistet, scheint dem letzteren doch keine Sorge zu machen: er weiß, es kommt ihm darin so leicht keiner „über". Dies bewies er in den Phrasen, die er noch weiterhin los ließ, z B.: „Unser Volk kann, wenn cs bei Sinnen ist, nicht einen Reformjuden, sondern nur einen ehrlichen deutschen Mann wählen." Hoffentlich überläßt das deutsche Volk dem Herrn Stöcker, was er für „bei Sinnen" hält, und wählt so, daß Stöcker lieber „von Sinnen" kommt. Von deutsch-freisinniger Seite blieb man Herrn Stöcker nichts schuldig. Am 13. d. schon fand eine Versammlung im 1. Berliner Reichstagswahlkrcise statt, in welcher der Abg. Träger jene Rede in allen Punkten geißelte. Er sagte unter anderem, nachdem er die Verfolgungen geschildert, denen gegenwärtig die deutsch-freisinnige Partei ausgesetzt sei: „Jetzt ist es Aufgabe jedes Einzelnen, seinen überzeugungstreuen Muth und seine Anhänglichkeit an unsere Sache zu bewähren. Tie Parole ist für jeden einzelnen Wähler und für jeden Wahlkreis gegeben; für diesen Wahlkreis heißt sie: Ludwig Löwe. (Lebhafter Beifall.) Der Name selbst bedeutet ein ganzes Programm und Ludwig Löwe ist so eng mit dem Volke und mit seinen Wählern verknüpft, daß es eigentlich nicht nöthig ist, seine Bedeutung im Parlamente noch näher klar zu legen. (Beifall.) Trotzdem ist es eine auffallende Erscheinung, daß gerade der Wahlkreis Ludwig Lowe's immer mit zu den gefährdetsten gilt und sich eine Agitation der Gegner gerade in diesem Wahlkreis breit macht, wie sie gehässiger und giftiger kaum gedacht werden kann. (Sehr wahr!) Diese Agitation richtet sich nicht so sehr gegen die Person Ludwig Löwe's oder sein Partei-Programm, sondern gegen seinen jüdischen Glauben, und an diesen zufälligen Umstand knüpft sich jene verderblichste und verwerflichste Strömung dieser Zeit, die als die traurigste Erscheinung dieses Jahrhunderts gelten muß. (Beifall.) Es ist dies dieselbe Strömung, die in der Rückkehr zu abgestorbenen Verhältnissen

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