Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 39 (23.9.1884)
- Date
- 1884-09-23
- Page
- Seite 625 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227501-3227541--42048-3310572- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
625 zu nehmen, daß sie es durch ein freundliches Benehmen vergalten. Jetzt aber waren die Deutschen im Lande immer weiter vorgerückt; viele große und kleine Güter gingen in ihre Hände über und in den Städten siedelten sie sich zahlreich an. Hiedurch war die Bevölkerung in zwei Parteien getheilt, die sich heftig haßten und auf jede nur irgend erlaubte Weise einander bekämpften. Da kain nun die Verfassung hinzu; es mußten Volksvertreter gewählt werden, und jede Partei wollte die andere dabei besiegen. Ta standen wir Juden nun in der Mitte, Unserer Sprache nach waren wir Deutsche; aber wir hatten doch die Gastfreundschaft der Polen zu lange genossen, um uns leichten Herzens von ihnen trennen zu können. Dabei dachten wir: die Deutschen werden in dem preußischen Landtage doch so sehr die Mehrzahl haben, daß es ihnen nicht darauf ankommen sollte, ob die Polen einige Vertreter mehr hineinbringen würden. Das waren heiße Zeiten, diese Wahlkämpfe, und die Folgen blieben nicht aus. Da ich mich endlich entschlossen hatte, mit den Deutschen zu wählen, weil sie mir gar zu sehr auf dem Halse saßen, so hatte ich mir dadurch die Feindschaft der Polen in unversöhnlichem Maße zugezogen. Hatte ich aber darauf gerechnet, von den Deutschen geschützt zu werden, so sah ich mich bald getäuscht. In diesen wurde allmählig ein Judenhaß wach, den ich mir heute noch zu erklären vermag, da, in meiner Gegend wenigstens, gar kein Grund dafür vorlag. Beneideten sie mich um mein Gütchen, das ich im Schweiße meines Angesichts bearbeitete? Glaubten sie, ein Jude dürfe so etwas gar nicht besitzen und den Landbau nicht betreiben? . . . Kurz, nachdem die Wahlen vorüber waren, gingen die Plackereien gegen mich von allen Seiten los. Keiner meiner polnischen Nachbarn crwicdcrten meinen Gruß oder betrat mein Haus, und die Deutschen wandten mir den Rücken zu und wollten mich nicht kennen. Das wäre noch zu ertragen gewesen. Aber es ward schlimmer. Man schnitt mir die Wege zu meinen Feldern ab, mit der Behauptung, es seien Privatwege, die in der Gewalt des Besitzers stehen ich hätte langwierige Processe erheben müssen, deren Kosten ich nicht tragen, deren Ausgang ich nicht abwarten konnte. So mußte ich die größten Umwege machen, um zu meinem Eigenthum zu kommen. Man machte mir mein Gesinde abwendig, indem man ihnen im Beichtstühle die Hölle heiß machte, weil sie bei einem Inden dienten. Endlich ging mir bald hier, bald dort ein Heu- oder Getreideschober in Feuer auf. Man weiß ja, wenn sich einmal des blödsinnigen Volkes die Verfolgungssucht bemächtigt hat, ohne zu wissen, warum? und von Herren und Geistlichen bestärkt, so glaubt es geradezu eine Plicht zu erfüllen, wenn es seine Opfer bis auf's Blut peinigt. Dahin ließ ich cs nun nicht kommen; ich sah ein, daß meine Stellung dieser Gegend unhaltbar sei, und daß ich der Uebcrmacht weichen müsse. Ohne mich zu beklagen. oder über die erfahrenen Unbille Lärm zu machen, verkaufte ich ganz im Stillen mein Gut recht vortheilhaft, und verließ, wenn auch mit tiefem Schmerze, der mir so thcuer gewordenen, vom Vater ererbten und mit dem Schweiße meiner besten Jugcndjahrc gedüngten Boden. Ueberdrüssig der Polen wie der Deutschen, beschloß ich jenseits des Oeeaiis eine neue Heimath zu suchen. Sie zu finden wurde mir nicht leicht. Trotz aller Vorsicht siel ich zuerst in die Hände eines Schwindlers, und als ich das Land, das ich erkauft hatte, und das mir so außerordentlich angepriesen worden, betrat, erkannte ich sofort, daß ich mich ebenso schnell von dannen machen müßte, als ich voll Sehnsucht und Hoffen gekommen war. Sumpfig, den Ueberschwemmnngen des Flusses ausgesetzt, vermochte cs nur Fieber und Tod den Ansiedlern zu bieten. Glücklicher Weise hatte ich von vornherein mein kleines Vermögen in zwei Hälften getheilt, und nur die eine für den Ankauf verwendet. Ich ließ nun Frau und Kinder bei einer Verwandten in Rew-Orleaus und suchte selbst das Eldorado auf, in welchem ich mich niederlassen könnte. So kam ich auf meiner Wanderung endlich zu Dir, Heinrich, und durch Dich fand ich, was ich suchte: Schwere Arbeit, aber gesicherten Erfolg! Ta hast Tu meine Geschichte und nun erwarte ich auch die Teinige. Ich bin nicht so ermüdet, um nicht auch Deine Erlebnisse anhören zu können. — Meine Schicksale, hob Heinrich au, sind bald erzählt: es ist genug, wenn ich Dir sage, daß ick, der Sohn eines armen Kossäten in Mecklenburg bin. Die Leibeigenschaft war dem Namen nach aufgehoben, in der That aber unverändert herrschend. Das Land gehörte dem Großgrundbesitzer und die daraus ansässig waren, behandelte er nach seinem Belieben. Mein Vater war in seiner Art ein kluger Kopf, that mich deshalb in die Stadt und wollte einen freien Handwerker aus mir machen. Darüber starb er aber hin und ich mußte nach Hause und kam so unter die Zuchtruthe unseres Tyrannen. Als ich herangewachsen war, bemühte ich mich, zuerst durch Fleiß und Gehorsam die Gunst des Wirthschaftsinspektors und dann die des Herrn zu gewinnen. Es half , mir dies aber wenig, und so kam es, daß wegen eines klci-! neu Vergehens der Herr Baron mir mit der Peitsche eins! über deu Rücken zog. Bor 25 Jahren konnte deshalb dem Baron nichts zu Leide geschehen; ob es jetzt noch so ist, weis; ich nicht. Ich aber damals 22 Jahre alt, wandte diesem schönen Lande den Rücken, ging nach Hamburg, arbeitete meine Uebersahrtskosten ab und war dann ein freier Braun in der großen amerikanischen Republik. "Ans dem Schiffe befand sich eine deutsche Handwerkerfamilie aus einem mecklenburgischen Städtchen. Als Landsmann wurde ich mit ihr bald bekannt, und der Vater hatte nichts einzuweuden, als ich mich mit seiner ältesten Tochter versprach." Der Er Zähler unterbrach sich und reichte seiner neben ihm sitzenden