Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 39 (23.9.1884)
- Date
- 1884-09-23
- Page
- Seite 626 (sequence 14)
- Language
- German
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626 Frau die schwielige Rechte, die sie mit freundlichem Lächeln drückte. „Von meinen Kreuz- und Tucrzügen durch das weite Unionsland will ich nichts weiter berichten. Um von Staat zu Staat, von County zu County zu kommen, kostete es oft ein halbes Jahr Arbeit, um mit den Ersparnissen eine gute Strecke weiter zu kommen. Ein günstiges Geschick führte mich hierher, wo ich alle Verhältnisse für meinen Zweck angemessen fand, selbst die weite Entfernung von den Menschen, die mir im Ganzen keine Liebe eingeslößt hatten. Nach zwei Jahren unermüdlicher Arbeit und harten Kampfes gegen alle Schwierigkeiten, sah ich meine Zukunft gesichert und holte meine Frau hierher. — Tu siehst, Selke, es hatten die Zustände, die uns beide aus dem deutschen Vaterlande trieben, immerhin einige Aehnlichkeit. Möchten sie sich dort daselbst bald ändern. Was die deutschen Einwanderer, von denen ich dann und wann einige traf, mir davon erzählten, war nicht eben im Stande, große Hoffnungen zu erwecken. Sie zanken und streiten sich dort viel zu viel, um ihre Kräfte zu irgend welchem gemeinsamen Ziele vereinigen zu können. Doch nun laß uns unser Lager aufsuchen; Du hast morgen wieder einen harten Tagesmarsch zurückzulegcn." (Fortsetzung folgt.) Vermischtes. Lady Russell und ihre jüdischen Lehrer. Ter Lady William Russell, der Mutter des jüngst verstorbenen Lord Ampthill und des Lord Russell, widmet I. Walter von Karlsbad aus in der „N. F. Pr." ebenso freundliche wie interessante Erinnerungen. Lady Russell, eine passionirte Besucherin der Sprudelstadt, galt nicht nur für hoch gebildet, sondern auch für gelehrt; sie trieb Griechisch und Lateinisch, las die Classiker im Urtexte und lernte hier sogar Hebräisch und das Schachspiel. Tie Lehrmeister für den Pentateuch und für das Spiel waren zwei polnische Juden — Beide Originale, welche durch würdiges Wesen und hohes Alter imponirten und in der Badcgesellschaft bekannt und gesucht waren. Saphir — der Lehrer der hebräischen Sprache — war ein kleines Männchen, die Beinchen stets in blank spiegelnden Kanonenstiefeln, das Haupt mit einem schwarzen Sammtkäppchen bedeckt, aus dem die silberweißen Locken voll und üppig bis auf die Schultern flutheten, ein schneeiger, lang herabwallender, sorglich gepflegter Bart gaben ihm das Ansehen eines Patriarchen. Er war seines Zeichens „Graveur", recto ein Edelsteinschneider ersten Ranges, dessen Arbeiten Meisterstücke der Kunst und weit und breit gesucht waren. Die Edelsteinschneidekunst — welche ja in früherer Zeit von den Juden mit Vorliebe gepflegt wurde und durch sie eine Renaissance erlebte — war. wie der Edelsteinhandel, in dieser Familie erblich seit Generationen, und als die Juden seinerzeit gezwungen wurden, einen bürgerlichen Namen anzunehmen, als man ihnen einen solchen aufoctroyirte, erhielt diese Familie den Namen Saphir. Es besinden sich Kunstwerke Saphir's am kaiserlich russischen Hofe, welche die Kaiserin, als sie unter dem Namen einer Gräfin Romanow 1837 hier weilte, erhandelt hatte. Der Lehrer im Schachspiele hieß Bondi. Er hatte ein Linnengcschäft; sein Verkaufsgewölbe — seine Boutique — wie man hier sagt, war auf der „alten Wiese", in einem der vornehmsten Häuser. Er bekümmerte sich aber spottwenig um das Geschäft, besorgte nur die Einkäufe in Rumburg und überließ den Verkauf seiner schönen, vielumworbcnen Tochter, während er tagelang mit irgend einem vornehmen Gaste beim Schachbrette saß. Dieses Spiel war damals nicht so populär wie heute, seine Verehrer bildeten mehr eine stille Gemeinde, die sich fürnchmlich aus Gelehrten, hohen Herren, Militärs :e. recrutirte, in der aber Bondi den Ruf eines Steinitz oder Horwitz genoß. Tie Boutique war in zwei ungleiche Hälften gctheilt; während die schöne Tochter in dem kleineren vorderen Theile die feinen Linnen abmaß, saß Vater Bondi in der geräumigen rückwärtigen Hälfte, welche ihr Licht von einem Hofe erhielt, bei der Schachpartie als Partner gegenüber dem Grafen Tatischew (russischer Gesandter in Wien) oder dem Grafen General Balmain, dem russischen Connuiffär während Napoleon's Gefangenschaft auf St. Helena, den Sir Walter Seott, der englische Historiker, so scharf anklagte; Beide auserlesene Spieler und umgeben von einer Schaar auserlesener Zuschauer: Jevr Buch, der berühmte Geologe, der Nestor der böhmischen Gelehrten; der greise Graf Caspar v. Steruberg, der Alle überragende, monumentale Ludwig Spohr, der berühmte russische Rcitergeneral de Witt, Fürst P. Eszterhazy; in späteren Jahren waren Schelling und Mozart Sohn die täglichen Spielgenoffcn des Meisters Bondi. Ein (jui pro ijuo. Unlängst verbreiteten die antisemitischen Blätter in Ungarn das Gerücht, ein gewisser Jude, Namens Heinrich Hoffmann in der Stadt Albert, hätte seine alte Mutter ermordet und seinem Vater einen Finger abgebiffen. Daraus dedueirten die Antisemiten sofort, daß ein so grausames Volk Ausrottung verdiene, als ob unter Nichtjuden die grausamsten Mordfälle, Vater,- Mutter- und Gattenmorde gar nicht beständig Vorkommen. Aber nicht lange dauerte der Triumph der Antisemiten, denn schon mußten die Blätter ihre Notiz dahin berichtigen, daß der betreffende Muttcrmörder kein Jude, sondern von Geburt ein Christ sei und zu den heftigsten Antisemiten der ganzen Gegend gehöre.