Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 39 (23.9.1884)
- Date
- 1884-09-23
- Page
- Seite 624 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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624 aus der h. Schrift vor." — „Nun, nach meinem bischen Verstand, meinte der Farmer, erhört das der liebe Gott so gut, wie wenn noch zwanzig oder dreißig mitbeten!" — „Das verstehst Du nicht recht, Freund; es hat doch noch eine ganz andere Weise, wenn wir im Verein mit unsren Glaubensgenossen die heiligen Ceremonien begehen, die Bußpsalmen und die Lobgesänge anstimmen, und nicht in demselben Raume, in welchem man das ganze Jahr seinen Beschäftigungen obliegt. Aber es ging doch nicht anders, und so mußten wir uns darein fügen. Diesmal aber mach' ich eine Ausnahme, und habe mich auf den Weg nach Fiercoin gemacht, dem nächsten Städtchen, wo eine Anzahl Glaubensgenossen wohnen und gemeinsamen Gottesdienst halten." — „Ei, da hast Tu Dir eine schwere Arbeit auferlegt; das sind ja noch zwei große Tagemärsche von hier und sehr beschwerliche über das Gebirge. Und weshalb diese Ausnahme, und weshalb schleppst Du Deinen Knaben mit; ich bezweifle sogar, daß Du ihn dahin bringst." — „Der Knabe aber ist eben die Ursache. Mein Benjamin wurde vor einigen Wochen dreizehn Jahre, und da ist es meine Baterpflicht, daß er vor das heilige Gesetz trete, und sich zum Glauben seiner Väter bekenne, und das kann er nur in der Mitte der Gemeinde." — Der Farmer schüttelte bedenklich das Haupt und fuhr dann fort zu fragen: „Warum hast Du aber Dein Pferd nicht genommen?" — „Weil die Stute vorige Nacht ein Fohlen geworfen, ein schönes, kräftiges Fohlen." — Der Freund sann einige Zeit nach; dann sagte er: „Selke, das hat sein Bedenken; doch ich will dir helfen. Ich gebe Dir mein Maulthicr mit auf den Weg, und da ich gerade Zeit habe, werde ich morgen nach Deinem Hause gehen, um nach dem Pferde und dem Fohlen zu sehen; denn ich glaube nicht. ich habe Gottlob nichts geheim zu halten, oblgleich die Erinnerung manche Wunde des Herzens wieder aufreißt." Selke hob alsbald seine Lebensgeschichte an, welcher Heinrich und seine Frau aufmerksam lauschten. Ich ward in einer kleinen Stadt der Provinz Posen geboren, in welcher mein Vater einen ganz ergiebigen Handel betrieb. Nach einiger Zeit ließen sich jedoch Concurrenten daselbst nieder, welche ihm das Geschäft verdarben. Wie er übrigens ein muthiger und entschlossener Mann war, und die Gelegenheit sich ihm günstig darbot, kaufte er ein kleines Gut in der Nähe des Städtchens und wir wurden mit einem Male Landwirthe. Nun, das war gar nicht übel. Mein Vater hatte sich durch vielfache Beobachtungen Berständniß der Wirthschaft erworben und unermüdlicher Fleiß, Ordnung und Sparsamkeit, verbunden mit einigen guten Jahren, brachten uns langsam in die Höhe. Meine Mutter, eine ebenso tapfere Frau, half nach allen Seiten hin, und so sah mein Vater, der mit einem Knecht und zwei Pferden arbeitete, unsre Zukunft gesichert. Aber langsam ging es doch. Denn ich will es nicht leugnen, die Borschriften unsres Gesetzes waren etwas hinderlich, und mein Vater war ein so strenggläubiger Jude, und das waren wir damals in jener Gegend noch alle, daß er unter keiner Bedingung auch nur ein Strichelchen nachgegeben hätte. Darin lag nun eigentlich das Uebel nicht, sondern vielmehr daß wir neben unsren Sabbathen und Festtagen auch noch die Sonntage und katholischen Feiertage, deren es damals sehr viele gab, halten mußten und somit einen sehr großen Theil der Arbeitszeit verloren. Die dort besonders gepflegte Schweinezucht konnten wir selbstverständlich nicht betreiben, und hierzu kam, daß mein Vater streng die jüdische Satzung beobachtete, von jegdaß Deine Frau diese Thiere in ihrer Lage richtig zu be-! lichem Ertrage den zehnten Theil den Armen zu spenden, schicken versteht. Dafür läßt Du mir das Fohlen ab, denn Hierdurch erlangte er den Ruf eines sehr mildthätigen Mannes, ich habe Lust ein solches aufzuziehen. Uebcr d.en Preis der beim Wohlthun auch keinen Unterschied nach dem Bewerben wir einig." — Selke drückte dem treuen Freunde die Hand und gab hiermit seine Einwilligung zu dem Gesagten und seinem Danke kräftigen Ausdruck. Tie Frau des Farmers brachte den beiden Freunden ein steifes Glas Grog, und hob Heinrich von Neuem an: nun wohl fünf Jahre. Ich mit Frau und zwei kleinen als sie cs behaglich geschlürft, „Höre, Selke, wir kennen uns kenntniß zuließ. Aber als er plötzlich von einer schweren Krankheit ergriffen und hingerafft wurde, zeigte sich seine Hinterlaffenschaft gering und es gehörte von meiner Seite kein kleiner Muth dazu, in die Wege des geliebten Todten einzutreten. Ich war kaum achtzehn Jahre; da aber meine Mutter unter keiner Bedingung das Gütchen hätte verlaffen weiß noch sehr gut, wie Du! wollen, so fügte ich mich, und setzte alle meine Kräfte daran, Kindern in die Wildniß ge-! die Wirthschaft weiter zu führen. Die Jahre vergingen und kommen und Tu über meine Farm nach dem Lande gingst,! ich hatte mich in dieses Leben ganz eingesponncn. Meine heute nicht,! Mutter starb; ich heirathete ein liebes, treues Mädchen und das Du Dir erworben. Doch weiß ich noch was Dich hierhergeführt, und doch sollte so Freunden nicht verborgen bleiben. Wenn es Dich also nicht genirt, so erzähle es mir jetzt. Wir haben noch eine gute Stunde vor uns und es ist Alles so friedlich und behaglich, daß eine gute Erzählung Einem wohlthun wird." — „Ich will Deinem Verlangen gern genügen, Freund; etwas unter mir wurden zwei Kinder geboren. Aber die Zeiten hatten sich geändert. Mein Vater und auch ich hatten mit unseren Nachbarn in Frieden gelebt. Damals waren die Bewohner des Städtchens und alle Grundbesitzer noch Polen; die reichen adligen Herren kümmerten sich um uns nicht, und die nächst wohnenden Bauern hatten unsere Hülfe so oft in Anspruch