Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 39 (23.9.1884)
- Date
- 1884-09-23
- Page
- Seite 616 (sequence 4)
- Language
- German
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616 die Socialdemokraten unternommen haben'.'. Er berechtigt Siege man Unwahrheit und Unrecht tagtäglich in Anwendung hierdurch zu dem Schluffe, daß die antisemitische Agitationj bringt. Wir haben da Parteien, welche „Freiheit, Wahrheit außer Mode und Geltung gekommen, so daß er für seine; und Recht" zu ihrer Devise genommen haben, und deren Gönner und Freunde seine Lanze nur gegen den Fortschritt, Organe auf jeder Seite von Haß und Borurtheil überfluthen, und die Socialdemokratie gerichtet haben will. Die Börsen- Haß, der ärgste Feind der Wahrheit und des Rechts, Vordiffercnzen, die doch niemals allein von Juden betrieben urtheil, das in seinem Gebunden- und Verblendetsein der werden, zu vertheidigen, ist nicht unsre Sache. Sie sind Freiheit die stärkste Feffel anlegt. Ueberhaupt läßt es sich aber doch nur Borwand, um den ganzen Getreidehandel nicht verkennen, daß wir in eine Zeit der Sophistik gerathen vcrurtheilen zu können, mit dessen Verschwinden allerdings die Grundbesitzer die höchsten Preise für ihr Getreide erzielen könnten. Doch ist dies nur ein Phantom, denn die Grundbesitzer selbst können den Getreidehandel nicht entbehren, und wie würde es erst in Jahren des Mißwachses ohne Getreidchandel stehen? — — Ties ist Alles, was Stöcker in seiner überaus langen Rede Antisemitisches vorsind. Jene griechischen Sophisten, die sich selbst rühmten, jede Sache, jede Meinung vertheidigen und erweisen oder auch widerlegen und verurtheilen zu können, die heute Dieses, morgen Jenes als wahr und recht behaupteten, heute verwarfen, was sie gestern gerühmt — diese waren doch nur Kinder gegen unsre heutigen Parteiführer und Literaten. Sie führten ihre Wortkämpse nur umgeben von einer kleinen brachte, und womit er zwar den Beifall seiner Anhänger, l Schaar Zuhörer aus, während unsre heutigen Wort- und aber auch den stürmischen Widerspruch der anwesenden Social-! Schriftheldcn durch die Presse in ungeheuren Kreisen von demokratcn hervorries. Stöcker schloß die Versammlung; Lesern oder in zahllosen Versammlungen sich vernehmen schnell: aber vor dem Versammlungssaale entspann sich eine arge Prügelei, in welcher die Christlich-Socialen empfanden, daß die Stöcker'sche Agitation nur einen sehr beschränkten Kreis in der Berliner Bevölkerung inne habe. Wir können also wohl voraussetzcn, daß der Antisemitismus in weiterem Verlauf der Wahlagitation noch einige Mal sich vcrspürbar machen, daß noch einige Versuche, ihm einen Einfluß zu gewinnen, geschehen werden. Sicher aber ist es, daß er bei der Berliner Bevölkerung nur noch in geringem Maße vorhanden ist und zwar als politisches Moment. Ob auch in socialer Beziehung, ist eine andere Frage, die zu beantworten wir jetzt nicht im Stande sind. laffen und ihre Wirkung auf alle Schichten des Volkes üben. Man braucht nur die Diatriben zu lesen, oder zu hören, welche die Redner oder Schreiber zweier entgegengesetzten Parteien sich an den Kopf schleudern, die verleumderischen Borwürfe, die sie einander ungezügelt machen, um zu wissen, daß beiden Seiten die Wahrheit nicht theuer ist, die Gerechtigkeit sehr entbehrlich scheint. Da auf allen Gebieten des Lebens und der Wiffenschast gegenwärtig die entgegengesetztesten Principien und Ansichten aufgestellt und ins Feld geführt werden, so kommt es den Streitenden nicht darauf an, dieselben allein mit gründlich erforschten Wahrheiten und sorgfältig untersuchten Thatsachen zu stützen und zum Siege zu verhelfen, sondern Hypothesen leichtfertigster Art, falsche Behauptungen, künstliche Gruppirung der Fakten und Zahlen werden zur Hülfe herbeigezogen, um die eigene Ansicht als die allein richtige und die gegnerische als trügerisch und heimtückisch hinzustellen. Man wird nicht irregehen, wenn man als die Wurzel dieser traurigen Verirrungen den Ehrgeiz, die Herrschsucht und die Habgier als die unser Geschlecht überwältigenden Leidenschaften ansicht. Da die Sucht, sich aus der Masse hervorzuheben und auszuzeichnen, Ehren, Ein Siin-enbelrenntniß für unsre Zeit. Die schwerste und allgemeinste Sünde unsrer Zeit be-! ruht in dem Mangel an Wahrheitsliebe und Aufrichtigkeit. Es hat zu aller Zeit unter den Menschen Parteien gegeben, die in ihrem Streite die Vorzüge der eigenen und die Fehler der anderen Partei übertrieben und sich wenig Gewissen daraus machten, alle möglichen Mittel zur Be-! Stellen und Reichthümcr zu erlangen, die meisten Menschen kämpfung der Gegner zu verwenden. Aber niemals ward in; unsrer Zeit eingenommen hat, so sind sie dazu gekommen, den Kämpfen der Menschen die Sünde der Lüge, der Ver- Wahrheit und Gerechtigkeit aus den Augen zu setzen, und leumdung, der mit Bewußtsein ausgesprochenen irrigen, den auf allen Wegen, die sich ihrem erfinderischen Geiste dar- Gegner anschwärzcnden Behauptungen so allgemein, in so bieten, ohne Anbetracht ihrer Sittlichkeit, in die Höhe zu unübersehbaren Maßen getrieben, wie in unsrer Zeit. Wer; flrcbctt, Ansehn, Macht und Güter zu erlangen. Da kann dies als ein Borurtheil ansehen wollte, brauchte nur die es denn nun auch nicht auffallen, daß auch in Handel und ungeahnte Ausdehnung in Betracht zu ziehen, welche die Verkehr, auf gewerblichem, industriellem und finanziellem Ge- Tagespresse, die Flugblätter und Broschüren im letzten halben! biete dieselben Passionen heimisch geworden, und so viele Jahrhundert gewonnen haben, von denen der größte Theil im j schädliche Wirkungen hervorgebracht haben. Was sonst er- Dienste der verschiedenen Parteien arbeitet und zu deren j achtet wird, daß die Erkenntniß der Sünde der Weg zur