Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 39 (23.9.1884)
- Date
- 1884-09-23
- Page
- Seite 614 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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614 sernung, in welcher das Menschliche vom Göttlichen steht,j für abgeschlossen und die von derselben gegebenen Satzungen aus dem Bewußtsein des Menschen nicht schwinden. Wie sehr daher der mosaische Kultus die Annährung des Menschen an Gott durch alle seine Mittel zu erleichtern und zu fördern strebt, so sorgte er doch dafür, zu erkennen zu geben, daß diese Annäherung immer eine bedingte und beschränkte bleibt, so daß der Mensch selbst in seiner höchsten religiösen Erhebung sich mit Gott nicht gleichstellcn, nicht in ihn aufzugehen wähnen möge. Diese Vermittelung geschieht auf zwei Wegen; der eine ist, daß Gott durch den reinen Gvttesbegrifs und seine Cvnsegucnzen den Menschengeist befruchtet und in der Entwickelung seiner Intelligenz und und Institutionen für unabänderlich. Doch die Entwickelung stand nicht still. Was in der Mischnah und Gemara als Diskussion, also auch als diskutirbar, was in ihnen an verschiedenen Meinungen und Beschlüssen gegeben war, mußte zu einer Entscheidung, zu einer gesetzlichen Gültigkeit gebracht werden. Jahrhunderte währte cs, bevor man hier zu einem Resultat kam und abermals wurden diese Codices für unantastbar und die in ihnen zusammengestellten Vorschriften für unveränderlich erklärt. Doch der Geist Gottes in seiner Einwirkung auf den Menschcngcift und in der Fügung der geschichtlichen Verhältnisse steht nicht still und geht über diese seiner Sittlichkeit unmittelbar vorwärts leitet. Es gej Schranken hinweg, mit welchen man das geistige und sittliche schieht dies durch zwei Mittel: durch die Erleuchtung seiner! Leben ummauern wollte. Und so kam eine Zeit, wo auch Erkenntniß und durch die thatsächliche Fügung der Geschicke | das Iudcnthum abermals durch den Eintritt in die allgeim Leben der Gesammthcit und der Einzelnen. Der andere > meine Culturbewegung und in die wellhistorischen Erschei- Wcg ist: daß der Mensch durch gottesdienstliche Handlungen nungcn von innen heraus gcnöthigt ist, sich auf dem heiligen sich aus seinen materiellen Zuständen löst, sich von seinen Boden der Offenbarung und seiner geschichtlichen Entwickelung Fehlern läutert und in seiner Gedanken- und Gefühlswelt sich zu Gott erhebt. Hier ist cs, wo das Wort des Propheten sich erfüllt: Gott ist nahe allen denen, die ihn suchen. Eine zweite erhabene Idee, die gerade in dem mosaischen Heiligthume bedeutsam hervortritt, ist die, daß die göttliche Offenbarung durchaus nicht abgeschlossen ist, sondern fort und fort auf den Menschengeist wirkt, ihn innerhalb seiner geistigen Entwickelung und seiner geschichtlichen Verhältnisse begleitet und vorwärts führt. Lehre und Gesetz sind schriftlich gegeben und sollen in dieser Gestalt unangetastet bleiben; aber zugleich wird die Fortentwickelung beider verheißen. Wie es in der h. Schrift eine neue Gestalt zu schaffen, wie es früher die Propheten, die Talmudisten und die Codisikatorcn gethan. So hat das Iudcnthum den Buchstabengläubigen und den Starrgläubigcn immer wieder Unrecht gegeben, und wie die Pharisäer die Buchstabengläubigen Sadducäer überwanden, und die Karäer aus ihrer kleinen Minorität nicht herauszukommen vermochten: so behält auch in unserer Zeit der Geist der Entwickelung die Obmacht, wenn er sich von den Fundamenten und dem Wesen der Religion nicht entfernt, sondern von ihnen durchdrungen ist. Dies hat uns schon das mosaische Heiligthum in seiner Symbolik klar vor Augen gestellt. Gerade hierin heißt: „Propheten aus deiner Mitte werde ich erstehen lassen",! liegt die Bedeutung des richtigen Verständnisses. Ganz all» so ist die h. Lade als das Symbol der gegebenen und der^ gemein gefaßt, kommt hier der Gedanke zum Ausdruck von fortdauernden Offenbarung aufgestellt. So tritt hier Wort i der ewigen Wahrheit und Unveränderlichkeit einer-, und dem und Symbol jener Irrung entgegen, welche im Judenthum! Wandelbaren andererseits, das nach den Veränderungen im wie in anderen Religionen sich so häufig geltend gemacht ■ Lause der Zeiten sich anders entwickelt und anders gestaltet. hat und die Geister zum größten Schaden ihrer und der! _ Religion überhaupt beherrschen wollte und beherrschte, nämlich, daß das niedergeschriebene Wort und die auf dasselbe gegründeten Institutionen unveränderlich seien und die letzteren sich streng an dasselbe anschließcn und nun eben auch unanver Berliner Antisemitismus. i. Die Wahlbewcgung für den nächsten Reichstag ist belastbar seien. Die Geschichte des Judenthums selbst l>at | rett-S in Fluß gekommen, ganz besonders in der Reichshauptdies widerlegt. Tie Propheten folgten auf den Mosaismus! stadt. Tic Conservativen, die Socialdcmokraten, die Deutsch¬ und gaben diesem unverkennbar eine weitere Entwickelung.! freisinnigen (Fortschritt) und schließlich die Christlich-Socialen Man erklärte die Prophetie für abgeschlossen, und nun ent-! Stöcker's haben bereits ihre Wählerversammlungen und Wahlfaltetete sich erst recht die Tradition und unter deren Mantel reden begonnen; nur die Nationalliberalcn haben keinen wurde eine neue Gestaltung des religiösen Lebens geschaffen, Boden in Berlin, und betreiben ihre Agitation nur im übrigen die von Mosaismus und Prophetismus vielfach verschieden Deutschland möglichst lebhaft. Bleiben wir bei Berlin stehen, war und in Institutionen sich ausprägte, welche der Mosais- Es drängt sich hier die Frage ans, welche Rolle spielt gegenmus und der Prophetismus nicht kannten; wir erinnern nur!wärtig in Berlin der Antisemitismus? Wir sind zu dieser beispielsweise an den Gebetkultus. Auch dann, als der Frage berechtigt, da ja der letztere vorzugsweise hier wie in Talmud niedergeschrieben war, erklärte man die Tradition Ungarn ein Wahlagitationsmittel sein sollte und war, und