Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 38 (16.9.1884)
- Date
- 1884-09-16
- Page
- Seite 609 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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609 genossen, und zwar 167 Personen männlichen und 249 Personen weiblichen Geschlechtes, darunter 51 Kinder unter 14 j Jahren. i Nach dem darauf folgenden Berichte des dirigirendenj Arztes Herrn Sanitätsrath vr. Hirschfeld gab es in den zehn Jahren nur wenige chronische Krankheiten, die im jüdischen Kurhospitale nicht vertreten gewesen wären, weil glücklicher Weise mittelst unserer vereinten Bäder alle diese Krankheitserscheinungen sich bessern und heben lassen. Sool- und Seebäder zusammen bilden eine Stufenfolge, innerhalb welcher sich namentlich für jede Erscheinung von Schwäche eine; zur Heilung geeignete Badesorm vorfindet. Die Aerzte wären' hier in Colberg in der Lage, prüfend vorzugehen und zwischen Soole und See, je nach dem Befinden, zu wählen und zu wechseln. Die Erfolge seien meist am größten und promptesten, wenn die Blutblässe und Nervosität ohne weitere organische Störungen einhergeht. Der Gesundheitszustand innerhalb des Curhospitals war die zehn Jahre hindurch, von den Leiden, um derer willen die Kranken herkamen, abgesehen, und die fast immer gebessert, wenn nicht gehoben würden, ein ganz vortrefflicher. Todesfälle kamen gar nicht vor, kaum je eine ernstere hier erst erworbene Krankheit. Lorrefpou-enz. Vom Rheine im September. Aus dem Leben eines Lehrers. Der Artikel: „Einige Fragen und Bemerkungen" in Nr. 35 der Allg. Ztg. d. Jdths. schließt mit dem lebhaften Wunsche, auch andere Stimmen über diesen hochwichtigen Gegenstand zu vernehmen. Da die Erfahrung immer die beste Lehrmeisterin ist, so erlaube ich mir einen recht tiefen Griff in meine eigne Erfahrung zu thun und tbeile Ihnen hierdurch das Resultat mit. Aber besser und richtiger wird sich das Resultat ergeben, wenn ich die Thatsachen einfach selber sprechen lasse. Mein Freund M. ist ein sehr tüchtiger Elemcntarlehrer. Als junger Mensch von 19 Jahren trat er seine erste Stelle an, welche er nach 6 Jahren verbesserungshalber verließ. Am zweiten Orte angekommen, traf er eine sehr große Schule beinah 50 Kinder, an, welche aber sehr vernachlässigt und verwildert war. Als unser Freund sechs Wochen dort war, hielt der Schulinspector die erste Revision ab, wobei er äußerte: „Nein! das hätte ich kaum für möglich gehalten in so kurzer Zeit, als ich das letzte Mal bei Ihrem Vorgänger hier war, war's — entschuldigen Sie den Ausdruck — die reine Judenschule; aber jetzt ist's eine geregelte Schule." Aber unser Freund hatte jetzt schon einen Feind in seiner Gemeinde. Es sind dort nämlich zwei jüdische Wirthe. Der Zufall wollte es, daß er bei seinem ersten Dortsein bei dem Wirthe A. einkehrte, woselbst er auch später sein erstes Glas Bier als dortiger Lehrer trank. Sofort ließ ihm der andere Wirth B. Grobheiten sagen. Die Folgen davon waren, daß unser Freund dessen Wirthschaft nie besuchte. Sofort ging nun dieser gute Mann an, gegen den Lehrer zu wühlen, brachte aber nichts fertig, zumal der letztere bei den Behörden sich immer beliebter machte. Einige Jahre später mußte der evangelische Lehrer seiner Militärpflicht genügen, und man gab die Verwaltung seiner Schule dem jüdischen Lehrer gegen extra Vergütung, während der katholische Lehrer sie hätte umsonst verwalten müssen. Zur selben Zeit stellte unser Freund den Antrag, die Gemeinde, welche Korporationsrechte besitzt, möge ihre Schule zur öffentlichen erklären; allein sie that es nicht aus Furcht, der Lehrer würde dann definitiv angestellt. So; gings einige Jahre fort unter fortwährenden Wühlereien, Hetzereien und Anzeigen bei den Vorgesetzten seitens des erwähnten Feindes. Unser Freund, der nur immer von drei zu drei Jahren angestellt war, merkte endlich, daß doch mit der Zeit seines Bleibens dort nicht mehr sei, und erlernte er deshalb die ntrr,r, um überall fortzukommen. Jener böse Mann hatte schon einige Anhänger, deshalb erlernte der Lehrer die rvirns? heimlich, daß seine Gemeinde es nicht gewahr wurde. Daß er daran wohl that. zeigten die Folgen; denn kaum hatte er die in Händen, so schrieb der brave Mann im Namen des Vorstandes an den betr. Rabbiner, er solle an dem betr. Lehrer die rz-zp verweigern. Es war zu spät. Er wußte sich anders zu rächen. Er schrieb im Namen des Vorstandes an die Regierung und bat um Aufhebung der Schule. Die Regierung war flugs bei der Hand und dekretirte die Aufhebung der Schule aus Wunsch des Vorstandes. Aus Wunsch der ganzen Gemeinde wurde dieser Beschluß wieder aufgehoben; allein der Lehrer hatte große Schwierigkeiten. Er mußte seine Fähigkeit Nachweisen, Lehr-, Stundenplan :c. einreichen, da wurde ihm die Concession für sein Geld ertheilt. Da schickte das Subject seine Kinder nicht zur Schule. Der Lehrer wandte sich an die Regierung. Diese ertheilte ihm den Bescheid, daß ihm die Concession gegeben, d. h. er dürfe (!) den jüdischen Kindern Elementar- und Religionsunterricht ertheilen; aber die Ellern dürfen ihre Kinder hinschicken, wohin sie wollen. Dieses Mißverhältnis steigerte sich so, daß die beiden Antipoden noch vor Gericht kamen, was von dem braven Manne auf unsauberem Wege zu Stande gebracht wurde. In dieser Periode meldete sich der Lehrer auf eine sehr gute staatliche Stelle, wurde auch gewählt; seine brave Gemeinde ließ ihn aber nicht los. Dies war im 1. Jahre des vierten Vertrages; als dieser beinahe abgelaufen, war Vorstandswahl, und der gute Mann wußte sich durch unlautere Mittel, sogar Bestechung, in den Vorstand zu schaffen. Seine erste Helden- 3