Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 38 (16.9.1884)
- Date
- 1884-09-16
- Page
- Seite 607 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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607 Das jüdische Lurhorpital in Colberg. Wir berichteten jüngst, daß am 20. Juli a. c. das jüdische Kurhospital zu Colberg sein 10 jähriges Stiftungssest feierlich begangen. Der Vorstand veröffentlichte eine Festschrift, in welcher die Geschichte der Anstalt erzählt wird. Nun, als ein Beispiel, was Menschenfreundlichkeit, gepaart mit Thalkraft, zu vollbringen vermag, selbst in einer kleinen Provinzialstadt und beim Mangel aller Mittel, verdient die Geschichte dieser segensreichen Anstalt weithin gekannt zu sein, und deshalb seien hier einige Auszüge wiedergegeben. Die Schöpfung der Anstalt ist unmittelbar herausgewachsen aus der Krankenpflege armer jüdischer Badegäste, welche am 11. Juli 1874 von Sanitätsrath Dr. Hirschfeld, Rabbiner Dr. Goldschmidt und dem inzwischen verstorbenen Kaufmann Moses Gronau Hierselbst ins Leben gerufen worden ist. Im August 1872 tagte Hierselbst eine Versammlung einflußreicher, im hiesigen Bade weilender Männer mit den Mitglieder der Verwaltung der Krankenpflege, um die Mittel und Wege zur Begründung eines jüdischen Kurhospitals zu berathen. Aus dieser Versammlung ging das „Comite zur Erbauung eines jüdischen Kurhospitals" hervor mit folgenden 15 Mitgliedern: Sanitätsrath Dr. Hirschfeld, Rabbiner Dr. Goldschmidt und H. Bernhart aus Colberg, Rabbiner Dr. Treuenfels und L- Mauaffe aus Stettin, Sanitätsrath Dr. Löwenthal, L. Jmberg und H. Ilry aus Berlin, S. H. Nathan und M. Werner aus Posen, I. M. Fließ aus Treptow a. R-, Samson Meyer aus Cörlin a. P., Julius Gronau aus Belgard. Im November 1872 erließ dieses Comite seinen ersten Aufruf und schon Ende deffelben Jahres waren 6OO0 Mark zum Theil eingezahlt, zum Theil gezeichnet. Im Laufe des Jahres 1873 traten noch folgende Männer dem Eomite bei: N. Oppenheim, Hermann Landsberger, Moritz Benjamin, Moritz Heilmann, Gustav Löwenberg und Eduard Mende j aus Berlin, Rabbiner Dr. Bloch und Dr. Rahmer aus Posen,: Rabbiner Dr. Joel aus Breslau, Ascher Levy aus Polzin, Stadtrath Jacoby, Rieß und Moritz Friedländer. An den Namen dieses aus 27 Mitgliedern zusammengesetzten Comite's knüpft sich die Stiftung des jüdischen Kurhospitals in Colberg. Zum Zwecke einer freieren Bewegung gliederte sich daffelbe in ein Central-Comite mit der Spitze in Colberg und ein Lokal-Comite mit der Spitze in Berlin. Seine Hauptaufgabe war, mit Genehmigung der hohen Behörden genügende Geldmittel für den Bau der geplanten Anstalt einzusammeln. Die Aufgabe wurde indeß so schnell gefördert, daß die Mitglieder des Comite's schon am 20. 27. und 31. Juli in Colberg zu einer Generalversammlung zusammentreten konnten, um über die Grundzüge eines Statuten-Entwurss und über die ersten Schritte zur Erwerbung eines Grundstückes zu berathen. Durch Mehrheitsbeschluß wurde die Stiftung eines confessionell jüdischen Kurhospitals festgestellt, weil die Sammlungen sich auf den engen Kreis der deutschen Judenschaft beschränkten und man also im Sinne der Spender die Aufnahme jüdischer Kranken vorzugsweise ins Auge faffen müsse; weil ferner an die Aufnahme anderer als jüdischer Patienten so lange nicht gedacht werden könne, als die vorläufig noch geringen und durchaus unzureichenden Mittel kaum das Jnslebentreten und die Erhaltung der geplanten Anstalt innerhalb der in Aussicht genommenen engen Grenzen ermöglichten, und weil hauptsächlich das Glaubensbekenntniß der vorzugsweise aufzunehmenden jüdischen Kranken nothwendig auch die Abhaltung eines den religiösen Bedürfnissen der Patienten entsprechenden Gottesdienstes und die rituelle Einrichtung der ganzen Anstalt zur Folge haben! müßte. Im Uebrigen konnte man sich über die Gegenstände > der Berathung in diesen Sitzungen noch nicht einigen und! man vertagte die Beschlußfassung, bis die vorläufig noch weit! auseinandergehenden Ansichten sich mehr geklärt haben würden, j Am 25. August desselben Jahres gab Herr Oppenheim! dem Vorsitzenden des Central-Comitv's die urkundliche Zu- ' sicherung, daß er die Absicht habe, in dem zu errichtenden i Kurhospitale 2 Betten zu stiften. i Inzwischen wurden die vertagten Verhandlungen über den Erwerb eines Grundstückes im November deffelben Jahres von Neuem ausgenommen und man einigte sich zum Ankauf j des Hauptmann Müller'schen Grundstückes, Hafenstraße Nr. j 15, das denn auch durch Contrakt vom 11. December 1873 I in den Besitz der Anstalt überging. Aus den bereiten Beständen wurden sofort 11,400 Mark angezahlt und der rückständige Rest des Kaufvertrages in Höhe von 21,000 Mark als hypothekarische Schuld ins Grundbuch eingetragen. Da das Comitö keine Corporationsrechte besaß, wurde bis zur Erwerbung derselben auf Antrag des Herrn Oppenheim der Besitztitel des Grundstückes vorläufig auf den Namen deffelben übertragen. Unterdessen wurde auch am 8. März deffelben Jahres ein vorläufiger Statuten-Entwurf zu Stande gebracht, auf Grund deffen vom Comite die Wahl eines fünfgliedrigen Vorstandes als Verwaltungsorgan mit dem Sitze in Colberg, und eines fünfzehngliedrigen Curatoriums als Aufsichtsorgan mit dem Sitze in Berlin vollzogen wurde, worauf sich das Begründungs-Comite auflöste und seine Rechte und Pflichten auf den Vorstand und das Curatorium übertrug. Herr Oppenheim wurde, als Stifter zweier Kurbetten, zum Ehrenmitgliede des Vorstandes ernannt. Schon am 26. Juli deffelben Jahres konnte die Anstalt ihrer Bestimmung übergeben und am 28. durch die Rabbiner DDr. Goldschmidt und Treuenfels feierlichst eingeweiht wer- , den. Bei Gelegenheit der Einweihung überwies Herr Oppen- , heim dem damaligen Bürgermeister Herrn Haken einen Be- 38*