Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 38 (16.9.1884)
- Date
- 1884-09-16
- Page
- Seite 606 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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606 es uns, aus einer posthumen Veröffentlichung einige Stellen aus einer viel früheren Periode seines Lebens, aus der Zeit der Vollkraft des Mannes, aus dem Jahre 1830 nämlich heranbringen zu können, welche den tiefen Sinn bekunden, die Heine für die heilige Schrift, deren Großartigkeit in Inhalt und Form besaß. Bor Kurzem erschien ein Supple mentband zu seinen sämmtlichen Werker (Hamburg, Hoffmann und Comp. 1884), herausgegeben von Eduard Engel. In diesem Bande befinden sich „Briefe aus Helgoland", geschrieben den 1. Juli 1830 ff., also kurz vor der französischen Julirevolution. Im zweiten derselben finden wir folgende Stelle: Helgoland 8. Julius 1830. Da gestern Sonntag war, und eine bleierne Langeweile über der ganzen Insel lag und mir fast das Haupt eindrückte, griff ich aus Verzweiflung zur Bibel . . . und ich gestehe es Dir, trotzdem, daß ich ein heimlicher Hellene bin, hat mich das Buch nicht bloß gut unterhalten, sondern auch weidlich erbaut. Welch' ein Buch! groß und weit wie die Welt; wurzelnd in die Abgründe der Schöpfung und hinaufragend in die blauen Geheimniffe des Himmels. . . Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, Verheißung und Erfüllung, Geburt und Tod, das ganze Drama der Menschheit, Alles ist in diesem Buche. ... Es ist das Buch der Bücher, Biblia. Die Juden sollten sich leicht trösten, daß sie Jerusalem und die Tempel und die Bundeslade und die goldenen Geräthe und Kleinodien Salomonis eingebüßt haben . . . solcher Verlust ist doch nur geringfügig in Vergleichung mit der Bibel, dem unzerstörbaren Schatze, den sie gerettet. Wenn ich nicht irre, war es Muhamed, welcher die Juden „das Volk des Buches" nannte, ein Name, der ihnen bis heutigen Tag im Oriente verblieben und tiefsinnig bezeichnend ist. Ein Buch ist ihr Vaterland, ihr Besitz, ihr Herrscher, ihr Glück und ihr Unglück. Sie leben in den umfriedeten Marken dieses Buches, hier üben sie ihr unveräußerliches Bürgerrecht, hier kann man sie nicht verjagen, nicht verachten, hier sind sie stark und bewunderungswürdig. Versenkt in der Lektüre dieses Buches, merkten sie wenig von den Veränderungen, die um sie her in der wirklichen Welt vorfielen; Völker erhoben sich und schwanden, Staaten blühten empor und erloschen, strakte, und ihre ganze Religion ist Nichts als ein Akt der Dialektik, wodurch Materie und Geist getrennt; und das Ab« solute nur in der alleinigen Form des Geistes anerkannt wird. Welche schauerlich isolirte Stellung mußten sie einnehmen unter den Völkern des Alterthums, die, dem freudigsten Naturdienste ergeben, den Geist vielmehr in den Erscheinungen der Materie, in Bild und Symbol, begriffen! Welche entsetzliche Opposition bildeten sie deshalb gegen das buntgefärbte hieroglyphenwimmelnde Aegypten, gegen Phönicien, den großen Freudentempel der Astarte, oder gar gegen die schöne Sünderin, das holde, süßduftige Babylon, und endlich gar gegen Griechenland, die blühende Heimath der Kunst! Es ist ein merkwürdiges Schauspiel, wie das Volk des Geistes sich allmählig ganz von der Materie befreit, sich ganz spiritualisirt. Moses gab dem Geiste gleichsam materielle Bollwerke gegen den realen Andrang der Nachbarvölker, rings um das Feld, wo er Geist gesäet, pflanzte er das schroffe Ceremonialgesetz und eine egoistische Nationalität als schützende Dornhecke. Helgoland, den 29. Julius. Ich habe wieder im alten Testament gelesen. Welch ein großes Buch! Merkwürdiger noch als der Inhalt, ist für mich diese Darstellung, wo das Wort gleichsam ein Naturprodukt ist, wie ein Baum, wie eine Blume, wie das Meer, wie die Sterne, wie der Mensch selbst: Das sproßt. Das fließt. Das funkelt, Das lächelt, man weiß nicht wie, man weiß nicht warum, man findet Alles ganz natürlich. Das ist wirklich das Wort Gottes, statt daß andere Bücher nur von Menschenwitz zeugen. Im Homer, dem anderen großen Buche, ist die Darstellung ein Produkt der Kunst und wenn auch der Stoff immer, ebenso wie in der Bibel, aus der Realität aufgegriffen ist, so gestaltet er sich doch zu einem poetischen Gebilde, gleichsam umgeschmolzen in Tiegel des menschlichen Geistes; er wird geläutert durch einen geistigen Prozeß, welchen wir die Kunst nennen. In der Bibel erscheint auch keine Spur von Kunst. Das ist der Styl eines Notizenbuches, worin der absolute Geist, gleichsam ohne alle individuelle menschliche Beihilfe, die Tagesvorfälle eingezeichnet, ungefähr mit derselben thatsächlichen Treue, womit wir unsre Waschzettel schreiben, lieber diesen Stil läßt sich gar kein llrtheil Revolutionen stürmten über den Erdboden . . . sie aber, ausprechen, man kann nur seine Wirkung auf unser Gemüth die Juden, lagen gebeugt über ihrem Buche und merkten j konstatieren, und nicht wenig mußten die griechischen Gram- Nichts von der wilden Jagd der Zeit, die über ihre Häupter matiker in Verlegenheit gerathen, als sie manche frappante dahinzog! Schönheiten in der Bibel nach hergebrachten Kunstgriffen Wie der Prophet des Morgenlandes sie „das Volk des definieren sollten. Longinus spricht von Erhabenheit. Neuere Buches" nannte, so hat sie der Prophet des Abendlandes Aestetiker sprechen von Naivität. Ach! wie gesagt, hier fehlen („Hegel", steht in der französischen Ausgabe) in seiner Philoalle Maßstäbe der Beurtheilung . . . Die Bibel ist das sophie der Geschichte als „das Volk des Geistes" bezeichnet. Wort Gottes. Schon in ihren frühesten Anfängen, wie wir im Pentateuchs -- bemerkten, bekunden die Juden ihre Borneigung für das Ab-