Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 38 (16.9.1884)
- Date
- 1884-09-16
- Page
- Seite 605 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227501-3227540--42027-3310550- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
605 3567 Personen ohne Unterschied der Religion unentgeltlich ärztliche Hilse und Pflege. — — Es wurde von den Juden in Njeschin an dem in 3. August stattgehabten Namenstag der Kaiserin von Rußland für das Mädchen-Gymnasium in Tschernigoff zur Bertheilung an die Schülerinen ohne Unterschied der Confessionen 2000 Rubel gespendet. Die Summe zu vertheilen wurde dem Gouverneur von Tschernigeff überlassen. So möge denn das neue bevorstehende Jahr unserer Glaubensgenossen sein ein Jahr des Lichtes, des Lebens, der Freiheit, des Friedens! Möge „Israel" sich geeinigt und gekräftigt fühlen, auf daß die Strahlen seines Geistes die Erde erleuchten und Licht, Liebe, Humanität zwischen allen Nationen erblühen, allüberall. Moses Feinkind. Rowno, Gouv. Wolhynien. Eine Judenhetze inscenirten, wie der „Sswet" berichtet, am I. August trunkene Eisenbahnarbeiter im Flecken Dombrowiza. Weder die Polizei noch auch die Geistlichkeit vermochten es zu verhindern, daß 12 Buden und 20 Häuser ausgeraubt, eine Jüdin getödtet und mehrere Personen verwundet wurden. Drei Tage darauf überfielen die nämlichen Arbeiter Nachts die Häuser der Gutsbesitzerin Kaschowska in Kilki, wurden aber von Ingenieuren der Eisenbahn Rowno-Wilna in ihrem verbrecherischen Thun gehindert. (In ihrem „verbrecherischen Thun" gegen die Juden aber verhinderte man sie nicht!) Bonn, 7. Septbr. (Notizen.) Man schreibt uns aus Altona: Rechtsanwalt Heymann, der verdienstvolle Präses der hochdeutschen Jsraelitengemeinde ist von Sr. Majestät dem Kaiser zum Justizrath ernannt worden. — Man schreibt aus Bromberg vom 31 August: Die Einweihung der neu erbauten Synagoge der hiesigen jüdischen Gemeinde, die in ihrer gelungenen Ausführung einen hervorragenden monumentalen Schmuck unserer Stadt bildet, wird am 9. September in feierlicher Weise vorgenommen werden. Der Oberpräsident der Provinz Posen, v. Günther, wird zu der Feier erwartet. — Aus Prag wird uns vom 3. September die Trauerkunde mitgetheilt, daß der Rabbiner und Prediger an der Weisel-Synagoge, vr. Abraham Stein, in der Nacht von Samstag auf Sonntag nach einigen Tagen andauernden Krankenlagers im 67. Lebensjahre verschieden ist. Die Nachricht hat in der ganzen Stadt das tiefste Bedauern hervorgerufen. Seine ebenso charaktervolle wie bescheidene und menschenfreundliche Persönlichkeit, seine unermüdliche Theilnahme an allen gemeinnützlichen und wissenschaftlichen Bestrebungen und seine umfassende Gelehrsamkeit — die sich auch besonders in seiner bekannten Arbeit „Ueber die Terminologie des Talmuds" bewährt hat — hatten ihm die allgemeine Verehrung erworben. Gestern Nachmittag fand unter Betheiligung einer unübersehbaren Menschenmenge die Beerdigung statt. An der Bahre hielt zuerst Oberrabbiner Hirsch eine ergreifende Trauerrede, in welcher er seine hohe Achtung vor den edlen Eigenschaften des Verblichenen aussprach, obgleich er in Bezug auf Synagogenreformen nicht mit ihm in Uebereinstimmung gewesen. Auf dem Friedhofe zu Wolschau sprachen vr. Tauber, Rabbiner und Prediger der Neu-Synagoge, Dr. Samuel Back, Rabbiner und Prediger der Gemeinde zu Smichow, der Rabbiner und Religionslehrer vr. H. Grün und endlich der Vorsteher der Weisel-Synagoge Beck im Namen der trauernden Gemeinde, welche Redner ein treues Bild von den bedeutenden Eigenschaften Stein's entwarfen. Die Bestattungsfeierlichkeiten dauerten von 3—7 Uhr Abends. Ter Verstorbene war zuerst Rabbiner in zwei größeren preußischen Gemeinden, Filehne und Danzig, und fungirte 20 Jahre an der Weisel- Synagoge. — Jeuilteton. Heinrich Heine über die Lide!. Unsre Leser wissen aus früheren Auslassungen, daß, so groß auch unsre Bewunderung des lyrischen Genius Heinrich Heine's, so gering unsre Achtung vor dem Charakter und der Wandelbarkeit seiner Ansichten ist. Heine war vor Allem ein Mann der Phantasie und der Gefühle. Darum wechselten seine Stimmungen und mit ihnen seine Meinungen. In der Fülle seines Humors und seiner Ironie treibt er dann was er im Augenblicke fühlt und schaut, auf's Aeußerste hinaus. Es kann daher dem Beobachter nicht auffallen, wenn er bei Heine oft auf Widersprüche und Gegensätze, namentlich was Religion betrifft und Alles was mit dieser zusammenhängt. Man weiß, welche Phasen er in religiöser Beziehung durchgemacht und zu welchen verschiedenen, ja entgegengesetzten Bekenntniffen er gelangt ist. Hier bekundet er oft den höchsten Geistesschwung, um bald darauf wieder in Staub zu sinken. Insbesondere wirkten die unsäglichen Leiden, die er während des letzten Jahrzehnts seines Lebens zu ertragen hatte, auf seine religiösen Ansichten, so daß er von seinem, oft freudig und stolz von ihm bekannten Hellenismus sich löste, zu innigem Gottglauben zurückkehrte und zuletzt zum eifrigen Anhänger Mose's wurde. Nun pflegt man eine Manifestation, welche unter deul Einflüsse von Leiden, Krankheit und Schwäche entsteht, einen geringen Werth beizulegen, obgleich sie bei einem Geiste wie Heine immerhin erweist, daß die Elemente dieser religiösen Anschauung in ihm vorhanden gewesen; denn von Außen her ließ er sich nicht influiren, und seine Um*! gebung war auch hierzu nicht geeignet. Um so mehr freut 38