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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-09-16 · Heft 38 (16.9.1884) · p. Seite 600

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 38 (16.9.1884)
Date
1884-09-16
Page
Seite 600 (sequence 4)
Language
German
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600 Pater so geringe Völkerkunde und so wenig Bewußtsein von j der Natur seiner eigenen Nation besitzt. Wenn er den Antisemitismus aus dem Einheitsgefühl organisirter Nationen erklärt, und daraus die antisemitische Bewegung in Rußland, Ungarn und Deutschland und die Gleichgültigkeit gegen dieselbe in Frankreich herschreibt: so irrt er auf allen Seiten. Wie? besitzen die Franzosen kein Einheitsgefühl, keine nationale Organisation? Frankreich war das Land, in welchem der nationale Einheitsgedanke Jahrhunderte früher als bei den übrigen europäischen Nationen erwachte und sich in einem festen Nationalstaate verwirklichte. Die Franzosen lieben ihr Vaterland in solchem Maaße, daß sie verhältnißmäßig am wenigsten von allen Europäern auswandern und den französischen Namen und das französische Wesen höher halten, als irgend ein anderes Volk das seinige. Daß also die Franzosen aus Mangel an Einheitsgefühl und nationaler Organisation den Antisemitismus zurückweisen sollen, ist sicherlich eine falsche und im Munde eines Franzosen sehr auffällige Behauptung. Von der anderen Seite kann das aus zahllosen sehr heterogenen Völkerschaften zusammengesetzte Rußland und das so viele, einander selbst feindliche Völkerstämme herbergende Ungarn als einheitlich und national organisirt betrachtet werden? Und ist selbst in Deutschland das Einheitsgefühl nicht erst eine Frucht der jüngsten Zeit und sindet in mancherlei Stämmen noch Widerstand genug? Aber noch mehr. Ist es denn Frankreich allein, in welchem die antisemitische Bewegung, trotz vieler Versuche, sie auch da in Fluß zu bringen, auf Zurückweisung stieß? Es fand dies nicht minder in England, Holland, Belgien, Italien und den skandinavischen Länden: statt — und will Pater Didon allen diesen Völkern das Einheitsgefühl und die nationale Organisation absprechen? Hätte er dies bedacht, so würde er eine solche Erklärung des Antisemitismus nicht gegeben haben; er hätte vielmehr eingesehen, daß in denjenigen Völkern und Staaten, in welchen das Bewußtsein der Gleichberechtigung aller Staatsangehörigen vor dem Gesetze das ganze Volk durchdringt — und jene zum unerschütterlichen Fundament der staatlichen Gesellschaft geworden ist, in denjenigen Völkern und Staaten, in welchen das nationale Einheitsgefühl, das alle Elemente des Volkes umfaßt, vollständiger ausgebildet ist, der Antisemitismus keinen Boden findet. — Pest, 27. August. Die ungarischen Protestanten und -er Antisemitismus?) Eine der ersten protestantischen Körperschaften Ungarns hat gestern gegen den Antisemitismus feierlich Protest erhoben. Die Wir haben über diese bedeutsame Kundgebung bereits in einer Zeitungsnachricht berichtet. Die obige Original - Correspondenz bringt aber noch Einzelheiten, die interessiren. Redaktion. Strömung in den letzten Jahren, welche auch gewiffe protestantische Kreise mitgeriffen, veranlaßte nämlich den gelehrten Vorsitzenden des jetzt hier tagenden Konvents des Montan-Distrikts, den Senatspräsidenten Theophil Fabinyi diese den Frieden der Confessionen arg schädigende Verhältnisse zur Sprache zu bringen uud den Antisemitismus zu verurtheilen. Zu seinem aufrichtigen Schmerze, sagte Fabinyi, mußte er die Erfahrung machen, daß sich in der Kirche Symptome confessiioneller Intoleranz zeigen, daß manche Seelsorger, uneingedenk der Lehren der Kirche, des Geistes der Religion, eine auf confesfionelle Unduldsamkeit und Religionshaß gerichtete Agitation entfalten. Er nenne keinen Namen und führe keine konkreten Fälle an, doch vor Thatsachen könne man sich nicht verschließen. In Ungarn hat eine gefährliche Bewegung begonnen. Gewissenlos verführe man das leichtgläubige Volk, und wenn sich dieses zu Verbrechen Hinreißen lasse, stelle man die Thäter vor Gericht, sie büßen, doch die Hetzer entzögen sich der Verantwortung. Man müsse jetzt dem Uebelstande entgegentreten, denn später vermögen wir es nicht mehr. Den Instruktionen des Montan-Distriktes gemäß könne der Distrikt den Seelsorgern und Lehrern auftragen, sich nach diesen Instruktionen zu benehmen und nichts zu thun, was dem Geiste der Religion widerspreche. Den zu Tage getretenen Erscheinungen gegenüber könne der Distrikt nicht unthätig bleiben. Man habe ihn (Redner) aufgefordert, diese Sache nicht vorzubringen; er glaube jedoch seine Pflicht zu erfüllen, wenn er auf dem Convent darüber spreche. Eine Enunziation sei unbedingt nothwendig und er beabsichtige, einen Antrag zu stellen. Es sei nothwendig, daß der Distrikt erkläre, er stehe auf dem Boden der Religion und der Nächstenliebe und jeden Schritt entschieden verutheile, der die Verletzung dieser Nächstenliebe bezwecke; es sei nothwendig, daß die Senioren dort, wo sich die Tendenz der Irreführung und Aufreizung zeige, gegenüber den Seelsorgern und Lehrern die Instruktionen anwende. Jetzt sei die Erscheinung noch isolirt, doch wenn man ihr jetzt nicht entgegentrete, könne später eine große Kalamität daraus entstehen. Er emfiehlt die Frage ernst zu erwägen. Der Convent und die Kirche überhaupt mögen jede Solidarität mit der Bewegung zurückweisen, deren gefährliche Symptome das Land gesehen hat. Fabinyi hält es für nothwendig, daß der Distrikt erkläre, er stehe mit dem sogenannten Antisemitismus in keinerlei Solidarität, denn es wäre eine Schande für den Distrikt, wenn man von ihm glauben würde, daß er auch nur im Geheimen die gefährliche Strömung billigt. Er steht übrigens gern davon ab, daß ein besonderer Antrag gestellt werde. In der Eröffnungsrede wird er jedoch mit der Frage sich beschäftigen, und zwar in energischerer Weise, als im Vorjahre und wenn sich die Versammlung seiner Enunziation anschließt, so wird sie dadurch sanctionirt sein; das genügt.

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