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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-09-16 · Heft 38 (16.9.1884) · p. Seite 599

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 38 (16.9.1884)
Date
1884-09-16
Page
Seite 599 (sequence 3)
Language
German
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599 Nichts, in das Wirkungslose, Unfruchtbare ausgedrückt und dem! Volke sichtlich wahrnehmbar gemacht. Grammatikalisch ist des- ' halb die Erklärung, welche Ewald, Tholuck, Wiener, Bäbr u. A. angenommen, die angemessenste, nach welcher das Wort Pealpalform von „entfernen, fortschaffen,, ist, und deshalb bedeutet „zu völliger Hinwegschaffung der Sünde". Diese Erklärung zeigt sich an allen Stellen dieses Capitels als völlig ausreichend. Das Werfen des Looses über die beiden Böcke sollte bewirken, daß sich nicht irgend eine bestimmte Ansicht über Gestalt und Farbe des bez. Bockes bilden und sich damit irgend eine abergläubische Vorstellung verbinden! sollte.! Das Berhältniß stellt sich also folgendermaßen heraus:! das Blut des Sündopfers sühnt, indem es an die Sühnplatte und Altäre kömmt, die am Heiligthume begangenen Fehler und Verunreinigungen, — hingegen der in ein unbewohntes Land gesandte Bock 7:rrd. i. „zur Wegschaffung." soll die anderen, insonders socialen Sünden der Israeliten symbolisch wegschaffen. Die Sünden am Heiligthum werden von dem Blute des Sündopfers gleichsam bedeckt (~ec), die socialen Sünden von dem Bocke in ein Land, wo keine Menschen, fortgetragen (r7> nct:;-.). Darum bedurfte die Priesterschaft als solche nur eines Sündopfers, weil sie als solche nur am Heiligthum fehlen kann, in socialer Beziehung in die Gemeinde aufging, die Gemeinde aber bedurfte eines Sündopfers und eines Bockes zum Fortschaffen, weil sie als solche am Heiligj thum und in socialer Beziehung sündigte. — Die Synagoge i hat den Charakter und die Bestimmung dieses Tages auf'sj schärfste aufgefaßt und auf's konsequenteste durchgeführt. In-! dem sie den ganzen Tag zu einem ganzen Bettage machte,! an welchem der verordnetc Sühnakt wenigstens im Geiste und! mit dem Wort durchgeführt wird, hat sie nur die Entfernung! von den materiellen und weltlichen Verhältnissen des Lebens vermehrt und scharf gezeichnet. Den ideellen und moralischen Theil des Tages hat sie ungemein erhöht, indem sie die vermittelnde Kraft des Tages in ihrem ganzen Werthe für den Menschen hervorhob, ohne dabei in den Fehler einer Sündenabsolution ohne Mitwirkung des Menschen selbst zu verfallen, indem sie eine Versöhnung des verletzten und beschädigten Nebenmenschcn und vollständige Reue voraussetzt (Ramb. Hilch. Thschub. I, 4. II, 7. 9. 10.11 ff.), ohne beide aber dem Versöhnungstage keine Kraft ertheilt. — Pater Didon über den Antisemitismus. Bor einiger Zeit erschien in Paris die Schrift des l'krre Didon (des Freres prGcheurs): Les Allemands. (Calmann Levy, 1884), welche in Frankreich wie in Deutschland großes Aufsehen erregte. Haben wir doch schon die 23. Auslage vor uns. Der Verfasser, der sich selbst an der Berliner Universität imatriculiren ließ, schreibt von seinem Standpunkte aus mit vieler Ein- und Umsicht und mit einem anerkennenswerten Streben nach Unparteilichkeit; denn sein Zweck ist, seinem Baterlande zu nützen, indem er es über die Vorzüge deutscher Einrichtungen aufklärt und ihm diejenigen anräth, die ihm für Frankreich angemessen und nützlich erscheinen. Ties schützt ihn aber nicht vor mannichfacher Einseitigkeit, die schon aus seinen, durch seinen Stand beschränkten Gesichtspunkten unvermeidlich war. Er beschäftigt sich vorzugsweise mit dem deutschen Unterrichtswesen, insbesondere mit den deutschen Universitäten. Hier ist es, wo er sich (p. 228) folgendermaßen ausläßt: „Die patriotische Leidenschaft flößt! der Jugend wie dem Volke heftige Sympathieen oder Antil pathieen ein. In dieser Hinsicht ist die Welt der Studenten > das treue Abbild der ganzen Nation. Man hört hier schon!den Haß gegen die Slaven durchtönen, und die jüdische! Frage, der Semitismus und Antisemitismus, findet hier einen! lebhaften Wiederhall. Der Deutsche betrachtet sich zugleich! als eine Race und ein Volk. Wenn er den Juden und den I Slaven mit Widerwillen ansieht, und den Lateiner mit Eifer-! sucht, geschieht dies, weil er in ihnen verschiedene und nebenj buhlerische Racen erblickt. Die besondere Feindseligkeit, welche der Jude selbst in der wissenschaftlichen Jugend hervorruft, scheint ihre Wurzel in dem Patriotismus und im religiösen Gefühl zu haben. Der Israelit ist, seiner Natur nach, Allem beigemischt und doch von Allem verschieden. Er scheint mir ein parasitisches Wesen zu haben. Er wird immer die organisirten Wesen zu Feinden haben, auf welche er sich aufpflanzt, und die Opposition, die er erfahren wird, wird desto stärker sein, je lebhafter diesen das energische Bewußtsein ihrer Einheit sein wird. Dies ist es, was die Wichtigkeit der antisemitischen Bewegung in Rußland, in Ungarn, in Deutschland erklärt, sowie die Gleichgültigkeit, die er in j unserem Vaterlande (Frankreich) findet." j Die Anschauung, die hier Pater Didon vom Prediger-! orden über die Stellung der Juden betont, erweist, daß er j vielmehr von seinem „religiösen Gefühl" ausgeht, als von j einem richtigen politischen und socialen Blick. Denn er scheint! von einer Eingliederung eines anderen Elementes in das j sociale und nationale Leben, trotz religiöser Verschiedenheit, keinen Begriff zu haben. Wir wollen nicht betonen, daß es ein schlechter Patriotismus ist, der einen Mangel an Rechtsgefühl, der Borurtheil und Haß einschließt, und zwar gegen einen Theil des Volkes, der seit vielen Jahrhunderten Freud' und Leid des Vaterlandes theilt, Seite an Seite mit seinen Mitbürgern in schweren Kämpfen sein Blut vergossen und seinen bürgerlichen Pflichten mit Eifer obliegt, ein schlechter Patriotismus, der früher oder später am eigenen Fleische sich straft. Aber was wir bemerkensmerth finden, ist, daß der 38*

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