Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-09-16 · Heft 38 (16.9.1884) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 38 (16.9.1884)
Date
1884-09-16
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227501-3227540--42019-3310542
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Allgemeine Zeitung des Iudmthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis metteljährig 3 Mar!. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. SS) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. KzepeöiLiorr: Leipzig, Woßptcrh 18. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr.L. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die BerlagSbandlung. Beilagen (Gebühr r2 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. Leipzig, den 16. September 1884. JVo. 38. Inhalt. Leitende Artikel: Zum Jom-Kippur. — Pater Didon über den Antisemitismus. — Die ungarischen Protestanten und der Antisemitismus. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Frankfurt a. M., Hamburg, Neustettin. — Oesterreich-Ungarn: Arad, Wien, Agram. — Rußland: Turek, Rowno. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Heinrich Heine über die Bibel. — Das jüdische Kurhospital in Colberg. — Correspondenz: Aus dem Leben eines Lehrers. — Vermischtes: Eine gothische Synagage. ' . SeiteviDe Bonn, 10. September. Zuw Jom-Lippnr. Der Mensch ist ein Glied der Gesellschaft und zugleich ein Individuum. Es giebt daher eine zwiefache Sünde, die eine, welche von der Gesellschaft, von den großen Gemeinsamkeiten, den Völkern und Staaten, begangen wird, die andere, welche das Individuum vollbringt. Darum giebt es auch eine zwiefache Versöhnung, eine Ausgleichung des Guten und des Bösen, des Rechts und des Unrechts. Für die Sünden der Gesellschaft, der Völker und Staaten ist die Zeit die große Bersöhnerin, und von ihnen insonders gilt der Gedanke, der in den Psalmen mehrmals ausgesprochen worden: Laß' dich Zweifel und Verdruß nicht bewältigen, wenn du die Ungerechten und Gewaltthätigen herrschen siehst; harre nur eine geraume Zeit, und sie sind verschwunden. So fanden die großen Sünden der Gesellschaft, die Sklaverei, die Leibeigenschaft, der verfolgungssüchtige religiöse Fanatismus, der Aberglaube in seiner vielfachen Gestalt, z. B. als Hexenprocesie, im Laufe der Entwickelung, in der Zeit ihre Ausgleichung, ihre Sühne, ihr Ende. All' die Unthaten, welche die großen Dynasten und Despoten mit ihrer Macht und ihren Völkern verübten, die aegyptischen, assyrischen, medischen, persischen, fielen auf sie und ihre Völker zurück und brachten ihnen nach kürzerer oder längerer Zeit den Untergang, d. i. die Ausgleichung des Guten und Bösen, die Sühne und Versöhnung in der Gesellschaft. All' die blutigen Schläge, welche die Römer auf zahllose Völkerschaften führten, fielen auf sie zurück, als die Bölkerhorden in ihr unermeßliches Reich einbrachen, und Rom und Byzanz unterwarfen und halb zertrümmerten. Nur wenigen Nationen ist es gegeben, die Sühne an sich selbst zu vollstrecken durch eine mächtige innere Entwickelung, durch Erhebung auf eine höhere Kulturstufe sich zu verjüngen und ein neues höheres Leben zu beginnen. Allerdings fruchten die Lehren der Geschichte, die schon die Propheten ausgesprochen, wenig und immer wieder streben die kräftigen Völker und Staaten nach Ausdehnung ihrer Herrschaft, nach Unterwerfung der Schwächeren, wo möglich nach einer Weltherrschaft, ohne zu ahnen, daß in der Zeit die Sühne nicht ausbleibt, daß gerade in ihren Erfolgen der Keim des Zerfalles, des Unterganges ihrer Macht und Herrlichkeit liegt, und unaufhaltsam bis zu ihrer Vernichtung emporsprießt. — Anders mit dem Individuum. So eng auch die Verbindung jedes einzelnen Menschen mit der Gesellschaft ist, so bleibt er doch immer ein Einzelwesen, für sich bestehend, in seinem Ich isolirt, in seinem besonderen Verhältniß zu sich selbst und zu Gott. Aus seiner innersten Seele, aus der Gesinnung, den Motiven und Zwecken, die er sich in seinem Geiste gebildet, geht sein Thun und Lasten hervor, und all' dies gestaltet sein Verhältniß zu sich selbst und zu Gott, bewirkt seine Annäherung zu oder seine Entfernung von Gott. Die Sünde, die er begeht, trifft, außer seinen Beziehungen zur Gesellschaft und zu seinen Nebenmenschen, am meisten ihn selbst und verletzt die Reinheit seiner Seele und sein 38

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.