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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-09-09 · Heft 37 (9.9.1884) · p. Seite 589

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 37 (9.9.1884)
Date
1884-09-09
Page
Seite 589 (sequence 9)
Language
German
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589 gründet worden. Die wissenschaftliche Bearbeitung war und ist mindestens von gleichem Werthe und gleicher Nothwendigkeit wie die der Geschichte und Literatur, und erst durch die Bereinigung aller dieser Disciplinen konnte und kann eine „Wissenschaft des Judenthums" hergestellt und sortgesührt werden. Allerdings giebt es viele jüdische Gelehrte die da meinen, daß mit der Durchforschung des Schriftthums und seine Träger Alles gethan sei. Sie gleichen den früheren Hallachisten die Alles, was nicht zu Hallacha und dem Pilpul gehört, mit Mißachtung ansahen und doch hatte die Hallacha noch immer Beziehungen zum wirklichen Leben. Jndeß hat solche Einseitigkeit zwar einige Schaden im Gefolge, aber Bestand hat sie nicht und die wahre Wissenschaft weiß sich bald davon los zu machen. Berlin, 28. Aug. Gestern fand eine Wählerversammlung der freisinnigen Partei des II. Berliner Wahlkreises statt, zu der ein ungeheurer Zulauf war. In derselben hielt Eugen Richter eine Rede, in der er besonders über die sogenannte Steuerreform d. h. über neue Steuern sprach. Zum Schluffe seiner Ausführungen verweilte der Redner des Längeren bei der Person des Herrn Stöcker, den conservativen Candidaten in diesem Wahlkreise, ging dessen Thätigkeit im Reichstage durch und zeigte, wie derselbe bei den verschiedensten Gelegenheiten in einem „eigenthümlichen Lichte der Wahrheit" sich gezeigt und bewiesen habe, daß er „nicht in der wünschenswerthen Weise scrupulös in der Darstellung thatsächlicher Verhältnisse vorzugehen" beliebe. (Gr. Heiterkeit.) Welche Rolle Herr Stöcker bei seinen eigenen Parteigenossen spielt, beweise die Thatsache, daß dieselben ihn weder in die Krankenkassengesetz-Conmission, noch in die Unsallversicherungs-Comission, noch sonst in eine Commission gewählt haben. — Je weniger Herr Stöcker auf diesem Gebiete geleistet hat, desto mehr leistet er im Kampfe gegen die Socialisten. Er ist immer dabei, sobald es sich um Attacken gegen die Socialisten handelt — er hält sich nämlich für einen Hauptkämpen gegen die Socialdemokratie. (Heiterkeit.) Wenn man diese Stellung des Herrn Stöcker in socialistischen Fragen gesehen hat, kann man sich nur über die Gutmüthigkeit der Arbeiter wundern, in diesem Wahlkreise eine Agitation zu entwickeln, die keineswegs einem Socialisten zum Siege verhelfen kann, sondern nur vielleicht Herrn Stöcker die Ehre, in die Stichwahl zu kommen ermöglicht. (Sehr wahr!) Ueberall, wo es sich um neue Polizeigesetze und Beschränkungen handelt, ist Herr Stöcker auf dem Plane und seine Agitation in der Sonntagssrage, in welcher Alles, was er vorschlug, sich als unpraktisch und verkehrt erwiesen hat, läßt erkennen, welche Lorstellungen der Mann von dem wirklichen praktischen Leben hat. Mit seiner eigensten Specialität der Judenhetze ist Herr Stöcker im Reichstage nicht hervorgetreten. Für dies Genre ist der Reichstag zu vornehm. (Heiterkeit!) Herr Stöcker mag das wohl selbst gefühlt haben und hat deshalb das Nöthige im Landtag nachgeholt, wobei er sich noch ganz als der Alte erwiesen hat, wenn auch sein Freund Wagner in dieser Beziehung ihm bald „über" ist. (Sehr wahr!) Alles in Allem ist die Thätigkeit Stöckers im Reichstage sehr unbedeutend und steht mit den Ankündigungen, Hoffnungen und Erwartungen vor der Wahl in argem Widerspruch. Herr Stöcker ist bei ber diesmaligen Wahl außerordentlich bescheiden. Vor drei Jahren war er schon längst mit seinen Adjutanten ein Rufer im Streit. Wo ist heute Hapka? Wo Förster, wo Henrici? (Heiterkeit.) Das letzte Mal hatte Herr Stöcker zwei Häuser: in Siegen und in Minden. Jetzt scheint es ihm schwer zu sein, eine Schlafstelle zu erhalten. (Heiterkeit.) In Minden will man nichts von ihm wissen, und was Siegen betrifft, so scheinen die Aktien für ihn auch dort nicht gut zu stehen. Es scheint fast, als ob er das sinkende Schiff verlassen und seine ganze Hoffnung auf den Berliner zweiten Wahlkreis setzen will. Es sieht so aus, als ob Herr Stöcker von einer höheren Hand zurückgeschoben wäre. (Sehr wahr!) Da aber die conservative Partei den Antisemitismus wie das liebe Brot gebraucht, so wird er, wie auch sein Freund Wagner, allerdings wieder aus dem Plane erscheinen, je mehr wir uns dem Wahltermine nähern. Hoffen wir, daß die zweifellos wieder sich entwickelnde antisemitische Agitation das letzte Schauspiel dieser Art bei Wahlen ist. Herr Stöcker ist ein Instrument für andere Zwecke, welches bei Seite gelegt wird, sobald man sieht, daß man nichts damit erreicht und kommen wird die Zeit, wo viele Leute, die heute mit Stöcker durch Dick und Dünn gehen, sich kaum noch erinnern werden, den Mann jemals gekannt zu haben. (Lebhafter Beifall.) Sorgen wir dafür, daß diese Zeit nicht fern ist, sorgen wir, daß die Niederlage des Herrn Stöcker im zweiten Wahlkreise so gründlich als möglich und der Sieg der freisinnigen Partei so glänzend als möglich ist! (Stürmischer minutenlanger Beifall.) Nachdem die Versammlung sich zum Danke von den Plätzen erhoben, theilte der Borsitzende mit, daß sich Professor Birchow zur Annahme einer Candidatur bereit erklärt hat und die Candidatur Birchow, die nach erfolgter Abstimmung proclamirt wurde, fand allseitig jubelnde Zustimmung. Mit! dreifachem Hoch aus den Candidaten schloß die Versammlung kurz vor 11 Uhr. Görlitz, 22. August. Hier veröffentlichten dieser Tage die Vorstandsmitglieder des Antisemiten-Vereins „Vorwärts", unter denen sich ein eifriges Mitglied des eonservativen Vereins befindet, das Programm mit der Aufforderung, daß Alle, welche die Grundsätze der kaiserlichen Botschaft verwirklichen Helsen wollen, dem Vereine beitreten. Daraus bringt das Organ des eonservativen Wahlvereins, die „Görlitzer Nach- 37

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