Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 37 (9.9.1884)
- Date
- 1884-09-09
- Page
- Seite 588 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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588 Gruppen der Juden, welche ja sämmtlich in der Diaspora (Zerstreuung) leben, ohne Synagoge, ohne jüdischen Friedhof, ohne irgend einen Cultusbeamten findet? Hier ist Alles freiwillig, hier entsteht und erhält sich Alles durch die Opfer der Einzelnen; und doch bringen diese, selbst bei sehr geringer Zahl, die Mittel auf, um sich ihre religiösen Institute in größerem oder kleinerem Umfange zu errichten und zu erhalten. Wo die eignen Mittel nicht ausreichen, macht man sich auf, die Mildthätigkeit der Glaubensgenoffen anzusprechen und wir haben noch kein Beispiel erlebt, daß das Ziel nicht erreicht worden sei. In Landstrichen, welche noch niemals von Bekennern des Judenthums bewohnt gewesen, sobald sich eine kleine Zahl von Familien daselbst niedergelassen, machen sich dieselben zusammen, um eine Synagoge herzustellen, und darin Gottesdienst zu halten und bald schließen sich die anderen nothwendigen Institute an. Dies geschieht noch heute wie in den Zeiten der Zerstörung Jerusalems, wie durch den ganzen seitdem verflossenen Zeitraum. Man wandere durch ganze Provinzen z. B. die Rheinlande, und man wird über den religiösen Sinn und die Energie staunen, mit welcher in den letzten drei Jahrzenten nicht bloß in den Städten, sondern in jedem Dorfe, wo einige jüdische Familien wohnen, neue geschmackvolle Synagogen, theils neu erbaut, theils an der Stelle kleinerer, verfallener errichtet worden sind. Und darf man im Angesichte solcher Thatsachen über wirklichen religiösen Jndifferentismus klagen? Hat man ein Recht, wenn man nur von den antireligiösen Tendenzen und Einflüssen der Jetztzeit, die ja gar nicht ohne Einfluß bleiben können, absieht, über den Mangel am religiösen Sinn bei den Juden zu sprechen und sie desselben anzuklagen? Wir meinen, man ist nicht berechtigt hierzu, sondern sollte vielmehr alle Kräfte anstrengen, um die vorhandene Ueberzeugungstreue zu nähren und auf erfolgreiche Ziele zu richten. Deutschland. Berlin, 24. August. (Privatmitth.) Man hat immer bemerkt, daß, so lange von „Toleranz und Duldung" gesprochen wird, die Zeit der wahrhaften Toleranz, nämlich der selbstverständlichen Gleichberechtigung und Gleichachtung noch nicht gekommen ist. So erklären sich jetzt hier fast alle Parteien, namentlich die fteisinnige und die sozialdemokratische — die national-liberale würde es ja auch thun, wenn sie in Berlin überhaupt zur Sprache käme — in ihren Versammlungen gegen die Antisemiten, z. B. bei dem Sommerfeste der deutschfreisinnigen Partei am 20. d. durch den Abg. Träger. Aber so lange diese Erklärungen auf der Tagesordnung stehen, ist der Antisemitismus nicht verschwunden, und wir wünschen nur, daß er auf diejenigen beschränkt wäre, die sich offen als Antisemiten kund geben, und daß er wirklich aus den Herzen der Massen geschwunden wäre, die sich in Resolutionen gegen ihn aussprechen. Berlin, 28. August. (Privatmitth.) Wir Berliner können mit großer Befriedigung auf die Feier blicken, die wir zum 90jährigen Geburtstage unsres Leopold Zunz veranstaltet haben. Es hat sich hierbei abermals erwiesen, daß die Anerkennung und Würdigung wahrer Verdienste die Ehrenbezeugungen nicht erst von außen zu holen braucht, sondern daß der eigentliche Kreis Mittel genug besitzt, um die ausrichtigen Gefühle zum Ausdruck zu bringen, und den Zoll der Dankbarkeit demjenigen zu widmen, der ihn durch ein arbeitsvolles und erfolgreiches Leben verdient hat. Selbst die „Uliuois Staatszeitung " brachte aus Chigago einen schwungreichen Artikel über Zunz und dessen Meisterwerke aus der Feder des Dr. Felsenthal. Und doch fühlen wir uns zu einer Bemerkung veranlaßt. Zunz wurde mit Recht als „Begründer und Altmeister der neueren Wissenschaft des Judenthums" gefeiert. Das Lob des Einen darf aber die Verdienste Anderer nicht verdrängen und schädigen, und es bleibt immerhin nothwendig, auch einer bedeutenden Persönlichkeit gegenüber sich gerade in der Geschichte vor Einseitigkeit und Parteilichkeit zu bewahren. Zunz hat das Gebiet des hebräischen Schriftthums von den letzten biblischen Büchern an nach wissenschaftlicher Methode zu bearbeiten begonnen und mit großem Erfolge die Wege durch dasselbe geöffnet und geebnet. Was aber die Geschichte des Judenthums und der Juden betrifft, so war es der unvergeßliche vr. I. M. Jost, der an ihr dasselbe Werk vollbrachte und ihr eine unermüdliche Lebensarbeit widmete, wie sein letztes dreibändiges Werk „Geschichte des Judenthums und seiner Sekten" erweist. Wenn es Jost an Wärme und allgemeiner Anschauung fehlte, so hielt er sich dafür in echt geschichtlichem Sinne von aller Hypothesensucht fern, stand der Gegenwart nicht feindlich gegenüber, sondern suchte sie zu begreifen und ihre Tendenzen zu erkennen. Aber auch neben der Literatur und der Geschichte hatte die neuere Wissenschaft des Judenthum noch andere nicht minder bedeutende Disciplinen zu bearbeiten, die mit dem Leben in sehr inniger Verbindung stehen und denen beide Gelehrte fernblieben, wir meinen die Dogmatik und die Ethik, d. h. die Lehre und das Sittengesetz, beide in ihrem innigen Zusammenhänge und letzteres in dem ganzen i Umfange, in welchem es von Moses und den Propheten be-