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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-09-09 · Heft 37 (9.9.1884) · p. Seite 582

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 37 (9.9.1884)
Date
1884-09-09
Page
Seite 582 (sequence 2)
Language
German
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582 Alle diese Zwangsmittel und drückenden Gewalten wurden durch die Fortschritte des Prinzips der Gleichberechtigung aus der Welt geschafft, und zugleich auch die Masse der Judengesetze, welche uns vom übrigen Volke trennten und uns zu unedlem Gewerbe verdammten. Und so konnten wir durch Jahrzehnte hindurch jeden Fortschritt verfolgen und als einen Sieg verzeichnen. Wurde doch endlich durch die versammelten Vertreter der europäischen Mächte auf dem Berliner Congreß die Erklärung abgegeben und zu bestimmten Artikeln formulirt, daß jeder unabhängige und selbständige Staat die Gleichberechtigung aller Staatsangehörigen zum obersten Gesetze haben müsse. Aber leider trat hiermit ein Wendepunkt ein. Bald darauf ging in den maßgebenden Kreisen, in den Trägern der Staatsgewalten eine Wandelung der Anschauungen vor sich. Man wandte dem Liberalismus den Rücken, und erklärte ihn und seine Consequenzen für staatsgesährlich und dem wahren Wohle der Gesellschaft entgegen, und betrat andere Wege. Da glaubten die Gegner der Gleichberechtigung, die Freunde der Vorrechte, der gesonderten Interessen, der Privilegien und Monopole die Zeit gekommen, ihre Herrschaft von Neuem zu etabliren, und hegten die Hoffnung, durch die Wiedererweckung der alten Vorurtheile gegen die Juden, durch Verhetzung und Verfeindung des Volkes gegen die Juden, im Volke einen Anhalt zu finden, um ihre dunkeln Pläne leichter ausführen zu können. Inwieweit ihnen dies gelang, zeigt die Geschichte der letzten Jahre. Sie hat abermals ein dunkles Blatt zu beschreiben gehabt, das vom kommenden Geschlechts unter den vielen glänzenden Seiten unserer Zeitgeschichte mit Verwunderung betrachtet und verurtheilt werden wird. Wir aber haben unsäglich darunter zu leiden gehabt, nicht bloß durch die tatsächlichen Schläge, die man gegen uns geführt, sondern auch durch die allgemeine Mißstimmung, die man gegen uns zu wecken gewußt und die noch lange genug nachwirken wird. Und stehen wir nun wieder am Schluffe eines religiösen Jahres und blicken auf das verflossene zurück: so können wir noch nicht zu dem Gesühle der Befreiung von diesem Alpdruck gelangen, den man auf unsere Herzen gewälzt. Denn in den östlichen Ländern Europas werden noch immer die Ausnahmegesetze verschärft und wird auf beschränkende Maßregeln gegen unsre unglücklichen Glaubensbrüder gesonnen. Wenn auch nicht so häufig wie in den Vorjahren, gab es doch noch Excesse gegen uns, zum Theil blutiger Art, in Ungarn, Rußland, und jüngst selbst in Algier. An Wühlereien, Verleumdungen und Verhetzungen lassen es die Antisemiten noch immer nicht fehlen. Die Ungunst des Geschickes hat sich noch nicht verloren; unser Horizont ist noch mit dunkeln Wolken überzogen und an Nebelschauern mit Hagel und Schlossen fehlt es nicht ganz. Indessen dürfen wir unsren Blick durch alles Dies nicht verschleiern lassen. Die Strahlen der Sonne dringen doch hier und da immer wieder hindurch. Es ist außer in Rußland und Rumänien den Antisemiten nicht gelungen, irgend eine gesetzgeberische Maßregel gegen uns bei den Parlamenten auch nur zu beantragen. Die Wahlen in Ungarn, an welche unsre Feinde alle ihre Kräfte gesetzt, haben doch nur' 17 erklärte Antisemiten unter die 450 ungarische Abgeordnete gebracht. Die antisemitische Literatur verläuft sich im Sande, und nicht wenige von den Anhängern dieser Partei haben sich als verkommene Subjecte erwiesen. Neuerdings hat die preußische Regierung durch Beförderung einiger wiffenschaftlich gebildeten Juden bezeugt, daß sie den Insinuationen der Antisemiten nachzugeben nicht Willens sei. Mögen wir daher Muth und Entschloffenheit, Charakterfestigkeit und Ueberzeugungstreue in unsrer Seele nicht wanken und schwanken laffen. Stehen wir fest im Vertrauen auf die göttliche Lenkung, die unsre ungerechten Feinde immer wieder zu Schanden macht. Halten wir uns an unser gutes Recht und an das Bewußtsein, daß wir die Erfüllung unsrer Bürgerpflichten, die Bethätigung unsrer Vaterlandstreue als unser höchstes Ziel erstreben. Zu solcher Gesinnung und Thatkraft ruft uns das h. Fest auf, an dessen Schwelle wir stehen. Die Töne seiner uralten Drommete sollen uns aus jeder Zaghaftigkeit, aus jedem Zweifel und Wankelmuth wecken, unsren Geist kräftigen und stählen. Und solchen Festesgruß senden wir unsren Glaubensbrüdern und -Schwestern in allen Welttheilen zu! Die Erweiterung und Vertiefung -ec Lehre. VI. Die Bedeutung des Opferritus ist natürlich für den ganzen mosaischen Cultus das Wichtigste, und wir müffen deshalb auf die früheren Ansichten einen kurzen Rückblick werfen. Philo, der bei seinem Streben, allen Theilen des h. Wortes eine geistige Unterlage zu schaffen, dennoch weniger die Gedankenspitze einer gesammten Institution zu finden befähigt ist, als vielmehr an Einzelnheiten allegorische Deutungen anzuknüpfen, kann nur angeben, „daß die blutigen Opfer zum Wohlgefallen für unser, im Blute bestehendes Wesen, die unblutigen Opfer für die uns einwohnende gottähnliche Vernunft" geschehen; die Ganzopfer seien zur „Ehre Gottes", die n'übzr, die er nach den 8ept. acurrgtov (Heilsopfer) nennt, „von Gott Gutes zu erbitten", die Sündopfer „Verzeihung der Sünde und Befferung zu erlangen", (äs victim. p. 836. 838.). So oberflächlich diese Auffaffung ist, so ist sie doch wenigstens nicht so einseitig wie die folgenden. Die rabbinische Ansicht, welche auch in der christlichen Kirche bis heute die meisten Anhänger zählt, ist: die Sünde des Menschen geht auf das Opferthier über, welches anstatt

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