Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 37 (9.9.1884)
- Date
- 1884-09-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227501-3227539--42002-3310524- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
"Allgemeine Zeitung -es Zudenthums. Eia unparteiisches Organ jür alles indische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig S Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. SS) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. GzepeöiLiorr: Leipzig, Woßptcrh 18. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr.L. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen au die Lerlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 48. Jahrgang. Leipzig, den 9. September 1884. ^Nö. 37. Inhalt. Leitende Artikel: Zum Rosch-Haschanah. — Die Erweiterung und Vertiefung der Lehre. VI. — Ein Blick auf uns und Andere. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Görlitz. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest. — Frankreich: Paris. — Rußland: Petersburg. — Serbien: Belgrad. — Türkei: Salonichi. — Süd-Asrika: Durban. — Bonn: Notizen. — Turek: Literarische Notizen. — Feuilleton: Die Verdienste der Juden. Von Ernst Renan. £ciic'nDe Bonn, 3. September. Jam Rosch-Haschanah. Wenn Jemand an einem Lebens- oder Jahrcsabschnitt steht, und einen Blick zurück in die jüngst verflossene Zeit wirst, so bemeistert sich seiner das Gefühl der Gunst oder der Ungunst des Geschickes, die ihn betroffen. Im ersteren Falle wird es ihm steudig bewußt, daß er vorwärts gekommen, sei es im geistigen, sei es im materiellen Leben; daß seine Stellung sich gehoben, daß seine Verhältnisse und Beziehungen sich freundlicher und bedeutender gestaltet haben, und Muth und Energie durchströmen seine Seele in der ge^ wissen Hoffnung, immer weitere Fortschritte zu machen zu den gedeihlichsten Zielen. Wie anders im Geiste dessen, der in seiner jüngsten Vergangenheit nur Mißgeschicke erblickt, schwere Verluste, die ihm begreiflich machen, daß es rückwärts mit ihm gehe, daß seine Zukunft gefährdet sei, und der sich nun vergebens umsch int nach einem Anhalt oder einer Stütze oder nach einem besseren Pfade, auf welchem er sich von dem Abgrunde entferne, der sich vor ihm aus. gethan — welche Beängstigung, welche Niedergeschlagenheit, welcher Mangel an Trost und Aufrichtung! . . . Nun, wie im Leben des Einzelnen, so auch in dem der Völker und aller Gemeinsamkeiten. Wir Juden haben bis zum Jahre 1878 nach und nach große Fortschritte gemacht, und wer die Jahrgänge dieser Zeitung durchmustert, stößt oft auf Artikel und Berichte, die mit der Ueberschrift versehen sind: „Ein Sieg!" oder: „Abermals ein Sieg!" . . . Was nannten wir unsere Siege? Nichts Anderes als die Fortschritte in der Anerkennung und Verwirklichung des Prinzips der Gleichberechtigung, der Gleichstellung vor dem Gesetze. Unser Streben ging dahin, alle die Ausnahmegesetze schwinden zu sehen, durch welche man uns vom bürgerlichen und öffentlichen Leben ausgeschlossen hatte, und die Vorurtheile und Gehässigkeiten zu beseitigen, durch welche auch nach der gesetzlichen Gleichberechtigung die Verwaltungen uns die öffentlichen Aemter versagten. Unser Ziel war, als wahrhafte Bürger des Staates, als treue Söhne des Vaterlandes anerkannt zu werden, gleiche Pflichten zu erfüllen und gleiche Rechte zu besitzen. Jeden Fortschritt hierin sahen wir als einen Sieg an und begrüßten ihn als solchen. Wir wußten aber auch zugleich, daß dies keine Siege für uns allein wären, und daß die bessere Position, die wir dadurch erreichten, nicht uns allein gewährt wurde. Wir hatten begriffen, daß die Gleichbei rechtigung ein allgemeiner Grundsatz des Rechtsstaates für alle Classen und Confessionen des Volkes, das Fundament der ganzen , modernen Gesellschaft sei, daß durch sie nicht allein für uns, l sondern für alle Classen und Stände die Fesseln gebrochen würden, mit welchen frühere Zeiten das Volk belastet, die Schranken stelen, mit welchen man die einzelnen Classen des Volkes eingeengt hatte. Als wir noch unter jenem schweren Drucke seufzten, bestanden ja zugleich die Leibeigenschaft, der Zunftzwang, das Prohibitiv-System, das Land von Land, Provinz von Provinz, Stadt von Stadt trennte, die weite Kluft zwischen dem Bürgerstande und dem Adel u. s. w. 37