Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 36 (2.9.1884)
- Date
- 1884-09-02
- Page
- Seite 577 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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577 Stadt Jorocin ist in Aufruhr —, auf dem Markte ist ein fürchterlicher Auilauf von Menschen —, Frauen lärmen und schreien, — Kinder rennen und stürzen über einander —; nun, was bedeutet das? und was ist denn vorgefallen? — „Was vorgefallen ist? Du gerechter Gott, Meyer und Eisek Laster haben sich ja verloren!" Die Nacht ist vorüber, auch der Tag neigt sich schon und noch sind sie nicht gefunden; alle Plätze werden durchgesucht, der kleine Teich zwischen den Wiesen hinter der Stadt wurde in Augenschein genommen, nirgends eine Spur. — Betrübniß herrschte im Daniel Laster scheu Hause! — „Am dritten Tage wird er uns wieder sondern eifrig studirt, gründlich erforscht und zwar Stelle für Stelle, bis alle Widersprüche beseitigt und die Zweifel gehoben wurden. . Diese Studienweise glich aber auch dem letzten Aufflackern eines Lichtes vor seinem gänzlichen Erlöschen. — Schon jetzt konnte selbst unser Eisek seine Zeit nicht mehr ausschließlich dem Talmad wie bisher widmen, vielmehr mußte er seine Aufmerksamkeit auch auf andere Lehrgegenstände lenken. Unter Leitung des ersten Lehrers an der öffentlichen jüdischen Schule zu Ostrowo, Baruch Bloch, welcher ein berühmter Hebräer gewesen ist, lernte Eisek hebräische Grammatik, hebräische Stylübung, Deutsch und Französisch. In solcher^ aufrichten und wir werden aufleben" — den Sinn dieses und ähnlicher Weise ging das Studium bei Eisek sowohl als! prophetischen Ausspruches begreife ich jetzt erst, voll und ganz, bei den andern Jünglingen ruhig und harmlos von Statten, J— so sprach Herr Daniel Laskcr, als nach zwei Tagen ein bis durch eine außergewöhnliche Erscheinung eine Geistesj Brief kam, dem zu entnehmen war, daß Eisek in Begleitung Revolution sich vollzogen und die Jeschiba gewaltig erschüttert; seines älteren Bruders auf dem Wege nach Breslau ist. hat. — In das respectable und gebildete Haus „Wehlau"! Freudige Bewegung war nun im Hause Daniels und Heiterkeit kam ein hochaufgeschoffener junger Mann als Hauslehrer, in der Stadt über den vollführten Streich des Brüderpaares, der durch sein rabbinischcs, klassisches und orientalisches Wissen Des Vaters Starrsinn war gebrochen, Eisek war in Breslau die Gelehrten in der Stadt Ostrowo mit Bewunderung und und hatte sich sofort Eduard genannt. Eduard legte sich auf Staunen erfüllt hat; man lauschte seinen Worten wie denen eines Propheten, und jeder Ausspruch, der seinen Lippen entströmte, wurde wie ein Orakel bald weiter verkündet. Ter Name „Graetz" elektrisirte die talmudischcn Jünger und rief unter ihnen einen Sturm der Begeisterung hervor. Tie jungen Leute sind innc geworden, daß sie fortan ihre Zeit Unterricht bei Philologen, arbeitete unermüdlich, machte die nicht dem Talmudstudium allein widmen dürfen, und im j Nächte zu Tagen und nach kaum zwei Jahren bestand er das Hinblick auf das mannigfache Wissen des Herrn Graetz wen-! Examen für die Prima des dortigen Elisabeth-Gymnasiums, deten sie in Bezug auf den Talmud den Bibelspruch an:! Tie Primaklaffe besuchte er regelmäßig, die „Arbeiten" hat „Der Mensch lebt nicht vom Brote allein :c." Und als! er vermöge seiner Geistesschärfe rasch bewältigt. Herr Graetz nach kurzer Zeit die Stadt verließ und nach j Breslau ging, um dort die Universität zu besuchen, — an! Sbuarb Lasker als Abiturient, welcher er heute als Prvfeffor docirt — da verlor das junge! Nach langjähriger Abwesenheit kam Eduard Lasker als Volk vollends die Geduld; „ihm nach" war die Parole. Tic - Abiturient nach Hause, um im Familienkreise die Universi- Talmudbefliffenen gingen verschiedene Wege, und die Jeschiba! tätsstudien zu besprechen. Herr Daniel Lasker trat nun toard verödet. — Auch Eisek kam nach Hause, um mit seinem! wieder mit seinem längst gehegten Wunsche hervor, daß Eduard Gymnasial-Wiffenschaften, studirte fleißig und nach einer verhältuißmäßig kurzen Zeit trat er in die Gymnasial-Tertia ein. Dem eifrigen, lernbegierigen Jüngling war aber der Lehrgang in der Klasse viel zu langsam und schleppend, denn rasch wollte er vorwärtskommen; er trat aus, nahm Privat- Bater über das Studium auf einem Gymnasium Rücksprache zu nehmen, wovon Herr Daniel Lasker freilich nichts wiffen wollte. In seinem Plane lag es viel mehr, Eisek auf eine noch größere Jeschiba ins Ausland zu schicken, um dereinst Rabbiner und zwar ein deutscher Rabbiner werden soll, zu welchem Zwecke er auf der Universität Philosophie hören und außerdem sich bestreben müsse, in dem talmudisch-rabbinischcm Wiffen einen hohen Grad von Vollendung zu erreichen. eine talmudische Capacität und Rabbiner in einer bedeutenden Eduard, obschon früher zum Rabbinatsfache geneigt, hegte Gemeinde werden zu können. Die profanen Wiffenschaften sollte jetzt gegen dieses eine große Antipathie, und cs erging ihm Eisek später, viel später so etwa nebenbei sich erwerben, weil diese hierin ebenso wie vielen anderen jungen Leuten aus dem doch gar nicht so schwer aufzusaffen sein können, meinte Herr Streife der ehemaligen talmudischcn Jünger. Tie Einwirkung kam von Außen. Noch hatte damals die Orthodoxie die Oberhand, noch führten Obscuranten das große Wort, nur Daniel Lasker, nachdem man so viel Talmud studirt hatte. Eduard Lasker's Flucht nach Breslau. schüchtern wagten es einige Sonnenblicke der Aufklärung das Die Unterhandlung zwischen Vater und Sohn führte zu dunkle Gewölke am Horizonte des Judenthums zu durchbrechen, keinem Ziele, denn ersterer war zu einer Nachgiebigkeit nicht Und wo dies geschehen, — da schrien die Finsterlinge Zeter zu bewegen, und so wurde denn Gewalt angewendet. Die und Mordio, stießen in die Posaune des Aufruhrs, daß das