Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 36 (2.9.1884)
- Date
- 1884-09-02
- Page
- Seite 578 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227501-3227538--41998-3310519- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
578 Judenthum in Gefahr fei.1) Unter solchen widerwärtigen Umständen konnten sich freilich die jetzt klassisch gebildeten talmudischen Jüngern für das Rabbinatsfach nicht erwärmen, vielmehr standen sie trostlos da am Wendepunkte ihres Lebens, ohne zu wissen, welchen Weg sie einschlagen sollen, zumal durch die damaligen politischen Verhältnisse den Juden noch alle Auswege hermetisch verschlossen waren. Eduard Lasker als Student. Nach Breslau zurückgekehrt, ließ sich Eduard immatriculiren und studirte zunächst Mathematik; das war so die richtige Nahrung für seinen Geist und ein vorbereitendes Studium für das eigentliche Fach, das er später ergreifen wollte, nämlich die Astronomie. Eduard kam aber erst gar nicht dazu die Wunderdinge am Himmelsnrmamente zu betrachten, denn er hatte Ereignisse und Vorfälle genug auf Erden hier zu sehen und zu hören. — Die Sturmglocke läutete — es war März des denkwürdigen Jahres 1848. „Und es ward Abend, und es ward Morgen, Ein Tag" — der Freiheit und Gleichheit brach an! Man hat endlich erkannt, daß Juden auch Menschen sind, und daß jeder Mensch ein Recht haben müsse, da ging Eduard Lasker hin und studirte die „Menschen-Rechte"! — Mit energischer Kraft warf er sich auf die Jurisprudenz. Obschon seine Studentenzeit in Folge der politischen Wirren eine sehr bewegliche war, so suchte er doch im Allgemeinen seine Ruhe zu bewahren, weil er in Allem, was er that, seinen Verstand vorwalten ließ. Er strebte ohne Unterlaß seinem Ziele zu, weil die Zeit drängte, weil die materiellen Verhältnisse in Betracht gezogen werden mußten. In Breslau schon erwarb er sich das vr.-Diplom, bestand glücklich die juristischen Examina, arbeitete als unbesoldeter Assesior beim Kammergericht in Berlin, das Uebrige ist bekannt. Daß diese Jugeudeinslüffe eine große Wirkung auf Lasters Eigenart hatten, ist cinsichtlich. Nachtrag. Petersburg, 12. August. Der „Schwab. Merk." läßt sich unter diesem Datum eine Correspondenz schreiben, von welcher es uns nicht sicher scheint, daß sie aus Petersburg selbst stamme, die aber unsern neulichst ausgesprochenen Satz abermals bezeugt, daß deutsche Blätter stets bereit sind, beschränkende Maßregeln fremder Regierungen, sobald sie gegen Juden gerichtet sind, zu beschönigen und durch allerhand Insinuationen zu rechtfertigen. Wir haben in d. Nr. ein Circnlarschreibeu des russischen Ministers der Volksaufklärung mitgetheilt, welches die Zahl der jüdischen Gymnasiasten recht stark beschränken soll. Ter „Schwäb. Merk." schreibt hierüber nun: ll Man denke hierbei vorzugsweise an die Provinz Posen. „Parallel mit den Ausweisungen russischer Juden aus Berlin „in Folge der socialistischen Tendenzen des russischen Judenthums", wie cs im Berl. Reichsboten heißt, sind auch bei uns einige Maßregeln ergriffen worden, durch welche der Ausbreitung des halbgebildeten studentischen jüdischen Prole^ tariats möglichst ein Riegel vorgeschoben werden soll. Der Hauptheerd des studirenden russischen Judenthums ist die Universität Kiew, und zwar ist vornehmlich die medicinische Facultät von ihnen angefüllt. Nunmehr hat die Kiewer Universität beim Ministerium nachgesucht (und das Gesuch wird aller Wahrscheinlichkeit nach bewilligt werden) die Zahl der neu aufzunehmenden Studirenden jüdischer Abkunft auf 10 Proc. der Gesammtzahl der sich zum Eintritt Meldenden feftzustellen. Das Gesuch wird begründet durch den Schutz, den man Studirenden russischer Abstammung angedeihen lassen muß, welche von den Juden ganz verdrängt werden. Gesetzlich dürfte sich die Maßregel nicht begründen lassen, und sie wird immer den Charakter eines willkürlichen Aktes behalten, da jeder russische Staatsbürger ohne Unterschied der Nationalität und des Glaubens das Recht hat, sobald er das Gymnasium mit Maturitätszeugniß absolvirt, in jeder höheren Lehranstalt des Reichs seine Studien fortzusetzen. Aber in Anbetracht dessen, daß sich in der Thal unter den russischen Socialisten viele Juden befinden, wird dies ihr Bürgerrecht ohne Weiteres beschnitten werden auf Grund einfacher ministeriller Verfügung." — Man sieht, daß das ganze Scriptum sich auf den antisemitischen „Reichsboten" stützt, unter dessen Behauptungen die eine bei ihm beliebte ist, daß der russische Nihilismus viele Juden unter seinen Anhängern und Verbreitern habe. Bewiesen hat er diese Insinuation niemals. Denn wenn hier und da ein jüdischer Name unter den Nihilisten auftaucht, so ist damit auch nicht im Entferntesten erhärtet, daß das jüdische Element unter den Nihilisten zahlreich sei. Aber im Verlaufe widerspricht sich die Correspondenz selbst, wenn sie das Gesuch der Kiewer Universität als Grund anführen läßt, damit die russischen Studenten von den jüdischen nicht verdrängt werden. Hier also spricht sich unumwunden die Concurrenzfurcht als Motiv aller dieser Beschränkungen aus. Die Kiewer Universität hätte gewiß nicht ermangelt den Nihilismus der Juden geltend zu machen, wenn dieser wirklich bestände. Dazu aber sind die Männer der Universität doch zu wahrheitsliebend und geben deshalb den eigentlichen Grund der nachgesuchten Beschränkungen offen an. Dies hindert jedoch deutsche Blätter nicht, den unglücklichen Juden noch einen Fußtritt mehr zu geben. Die Hochherzigkeit, welche das Mißgeschick wenigstens bedauert, ist einem großen Theile der deutschen Tagespresse völlig abhanden gekommen.