Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 35 (26.8.1884)
- Date
- 1884-08-26
- Page
- Seite 552 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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der sie doch nach dem Besseren greifen läßt, wenn es ihnen vorgestellt wird und nicht mit Zu großen Opfern für sie verbunden ist. Wir wünschen lebhaft, daß sich auch andere Stimmen über diesen hochwichtigen Gegenstand in unserem Blatte vernehmen lassen. Dr. Leopold Zunz. Am 10. August feierte Leopold Zunz seinen 00jährigen Geburtstag. Es war selbstverständlich, daß an diesem Tage ein so ausgezeichneter und verdienstvoller Gelehrter, der Begründer der modernen wisienschaftlichen Behandlung des reichen Materials der Geschichte und Literatur des Judenthums, vielfach gefeiert wurde. Wir haben bereits das von dem jüdisch-akademischen Verein zu Berlin veranstaltete Fest, an welchem Dr. David Cassel über das Leben und Wirken des Gefeierten sprach, erwähnt. Auch aus der Provinz erhalten wir über ähnliche Feierlichkeiten einige Nachrichten, z. B. aus Nordhausen, wo Rabb. I)r. Gelbhaus am Samstag Vormittag über Zunz predigte und am Nachmittag einen wissenschaftlichen Vortrag hielt. Das Leben Zunz' war wie das eines deutschen und jüdischen Gelehrten nur durch das höchste und idealste Streben innerlich ein bewegtes. Die einzelnen Momente seines Lebensganges sind bekannt, aber zur Feier des Tages geben wir hier eine biographische Skizze, welche aus Freundes Hand in der „B. Z." veröffentlicht worden. „Leopold, oder wie er in seiner Jugend hieß, Liepmann Zunz, ist der Sohn eines armen jüdischen Lehrers, der zu Detmold und später in Hamburg domicilirt war. Zunz' Vater starb 1803, als Leopold eben sein neuntes Jahr beendet hatte und seine Verwandten waren froh, daß die Waise in der Samson-Schule in Wolsenbüttel, einer frommen Stiftung, Aufnahme fand. Die Samson - Schule verdiente dazumal kaum den Namen einer Schule. Der Unterricht lag in den Händen von ungebildeten und rohen Lehrern, welche, wie einer ihrer Zöglinge berichtet, „Fluchen und Schimpfen als ihre vorzüglichsten Erziehungsmittel ansahen." Zudem war die geistige Nahrung, welche den Zöglingen geboten wurde, einseitig und schwer zu verarbeiten. Das ausschließliche Studium des Pentateuch, seiner Commentare und des Talmud, war eher dazu angethan, eine Verkrüppelung als eine Ausbildung und Förderung der Geistesanlagen herbeizuführen. Der einzige Lichtstrahl, der in Zunz' herbe Knabenjahre fällt, ist die Freundschaft, welche ihn mit dem ein Jahr älteren Jsaac Markus Jost (gest. 1860 als Schuldirector in Frankfurt a. M.) verband. Die Verwandtschaft des Geistes wie das ihnen gemeinsame Streben nach einer profanen Bildung führte sie Zusammen. Was sie von deutschen Büchern in ihrem Alumnat erhaschen konnten, machten sie sich zu eigen. Ganz besonders anregend wirkte auf sie eine Uebertragung des Josephus, insofern sie in ihnen das Verlangen nach geordneten Geschichtskenntnisien erweckte. Nach Vollendung ihres dreizehnten Lebensjahres sollten Jost und Zunz die Schule verlassen und nach dem Brauche der Anstalt in die Lehre gegeben werden. Allein der Administrator der Samson-Schule, auf die trefflichen Anlagen der beiden Zöglinge aufmerksam gemacht, ordnete mit lobenswerter Munificenz an, daß Jost und Zunz aus seine Kosten für das Gymnasium vorbereitet wurden. Es spricht für die geistige Reife der Jünglinge und ihren eisernen Fleiß, daß sie in einem halben Jahre die Reise für die Prima erlangten. Ostern 1800 wurde Zunz in die Prima des Wolfenbütteler Gymnasiums als desien erster Schüler des mosaischen Bekenntnisses ausgenommen. Der systematische Unterricht, den er nunmehr zwei Jahre lang genoß und der Umgang, welchen er mit seinen christlichen und ihm fremden Kreisen entsprosienen Schulgenoffen pflegte, wirkten belebend auf seinen Geist und paralysirten die zum Theil schädliche Einwirkung, welche sein bisher bizarrer Bildungsgang naturgemäß auf ihn ausgeübt hatte. Nach der vorgeschriebenen Zeit legte er das Abiturienten- Examen ab. Bon dem Gymnasium, wie er es wünschte, sogleich auf die Universität überzugehen, gestattete seine mißliche materielle Lage nicht. Er übernahm vielmehr die Stelle eines Elementarlehrers an der Samson-Schule. Seine freie Zeit verwandte er zumeist auf das Studium rabbinischer Werke. Ter methodisch geschulte Maturus eines deutschen Gymnasiums sah den Talmud mit anderen Augen an, als es zuvor der befangene Knabe gethan. Als solcher hatte er an den Märchen, Parabeln und Gleichnissen kindliche Freude empfunden und vielleicht an einem oder dem anderen Geistesblitz sein Ergötzen gehabt. Nunmehr gewannen, was er früher nicht beachtet hatte, die historischen Daten und wiffenschaftlichen Angaben des Talmud (er enthält Bruchstücke ans Aristoteles, Anklänge an Plato, Beiträge zur Geschichte der römischen Kaiserzeit), für ihn Bedeutung, soweit sie zu seinen Gymnasialstudien Beziehungen hatte«. Allmählig wurde so Zunz dahin geführt, auf den Talmudcodex die kritische Methode anzuwenden, welche ihm bei der Lektüre der antiken Klassiker und modernen Geschichtswerke geläufig geworden war. Diese Eigenheit bildete er noch mehr heraus, als er 1815 die Universität Berlin bezog, und unter Buttmann, Fr. A. Wolff und Boekh ein philologisches Triennium absolvirte. Der Einfluß des letzteren, der eben durch den Hinweis aus die Realien der klassischen Philologie neue Bahnen gewiesen, ist unverkennbar. Während seines letzten Studienjahres gediehen in ihm die gelegentlichen Gedanken zu dem festen Plane, sich vorzüglich dem Studium der rabbinischen Literatur zu widmen, wie er aus der Hochschule die geistige Hin-