Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 35 (26.8.1884)
- Date
- 1884-08-26
- Page
- Seite 553 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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553 terlassenschaft von Althellas und Rom durchforschen sah. Daß es für den Talmud an jeglicher Vorarbeit gebrach, denn keinem Talmudisten war zuvor der Gedanke gekommen, an dem Codex Kritik zu üben, schreckte ihn nicht zurück. Schon 1818 gab er in einer Schrift: „Etwas über die rabbinische Literatur" betitelt, den ihn bewegenden Ideen Ausdruck. So unscheinlich die Publikation ist — sie umfaßt kaum zwei Druckbogen — so nachhaltig ist die Wirkung, welche sie ausübte. In ihr feiert die Wiffenschaft des Judenthums ihre Geburt und alles, was bislang aus diesem Gebiete geschaffen wurde, reicht mit seinen Wurzeln mehr oder minder auf Zunz' Erstlingswerk zurück. In kurzen und festen Zügen skizzirt er das Programm der neuen Disciplin und grenzt geschickt einen jeden ihrer Zweige ab. Der Same, den Zunz ausgestreut, fiel aus fruchtbaren Boden. Unter seiner Acgide bildete sich in Berlin ein „Verein für Cultur und Wissenschaft des Judenthums." Es gehörten demselben Männer an, deren Namen nachmals in weitere Kreise gedrungen sind: Eduard Gans, der eifrige Hegelianer, und Rubo, der als juristischer Schriftsteller zu Ansehen kam, Ludwig Marcus, ein Orientalist von Ruf, die Pädagogen Eduard Kley und Bendavid, der „moderne Diogenes" und Inst, not least der Dichter Heinrich Heine, das lässigste und bekannteste Mitglied der Verbindung. Nach vier Jahren schon löste sich der Ver-' ein auf, vornehmlich weil es ihm an materieller Unterstützung fehlte. Die berufenen begüterten Familien standen, in der philosophischen Nonchalance jener Tage befangen, seinen Bestrebungen indifferent gegenüber. Selbst unter den Mitgliedern! erkaltete allmählich der Enthusiasmus. Einzelne von ihnen, wie Gans und Heine, gingen zum Christenthum über. Die Fahnenflucht seiner Genossen schmerzte Zunz freilich tief; sie vermochte ihn doch nicht in seinem Beginnen aufzuhalten., Er ging vielmehr rüstig daran, Stein auf Stein zu fügen zu dem Baue, zu dem er in seinem Erstlingswerke den Plan gezeichnet hatte. Nur annähernd läßt sich ermessen, welchen Aufwand von Arbeit die Beschaffung der Materialien erheischte, auf einem Gebiete, das zuvor wenig oder gar nicht cultivirt worden war. Äußerlich läßt sich dies erkennen, wenn man die Druckjahre von Zunz' vorzüglichsten Werken aneinander reiht. 1823 erschien seine Monographie über Salomon ben Jsaac, genannt Raschi, 1832 die „gottesdienstlichen Borträge der Juden" und 1856 bis 1865 die drei Bände über die synagogale Poesie des Mittelalters. Alles in Allem sind Zunz'Schriften die Standard works der rabbinischen Gelehrten; sie sind jenen literarischen Erzeugnissen beizuzählen, welche von wenigen aber oft und gründlich gelesen werden. Neben der intensiven wissenschaftlichen Thätigkeit entfaltete Zunz eine nicht minder umfangreiche, welche, wenn man von seiner kurzen Prager Amtszeit absieht, ausschließlich Berlin angehört. Hier wurde er alsbald nach Vollendung seiner Studien als Prediger an die neue Synagoge berufen. Als solcher beschränkte er sich nicht darauf, den Gottesdienst zu leiten, er erachtete es vielmehr als seine vorzüglichste Aufgabe, auf Die geistige Hebung seiner ärmeren Glaubensgenossen hinzuwirken. Zu diesem Zwecke trat er für die Begründung einer israelitischen Gemeindeschule und später für die Errichtung eines Lehrerseminars ein. Beiden Anstalten hat er sich nach bestem Können gewidmet. Sein Lehramt gewährte ihm noch die Muße, journalistisch thätig zu sein; von 1824 bis 1831. gehörte er der Redaktion der Spener'schen Zeitung an. Seit 1850 hält er sich von jeder praktischen Thätigkeit fern und lebt lediglich seinen Studien. Es hat Zunz an Anerkennung nicht gefehlt. Sowohl von Akademien wie von Fachgenossen sind ihm Ehrenbezeugungen zu Theil geworden. Die Berliner Hochschule hat unter ganz besonders ehrenden Ausdrücken ihn zu ihrem Ehrendoktor creirt und reiche Glaubensgenossen haben eine Stiftung begründet, die seinen Namen trägt. Nur die Landesregierung hat jeden Anlaß, ihn auszuzcichnen, unbeachtet gelaffen, wenngleich sie seine Unterstützung anricf, als es in den vierziger Jahren sich darum handelte, die politische Stellung der Juden im Staate zu ordnen. In einem Alter wie Zunz es erreicht hat, wird fast ein jeder unempfänglich für äußere Auszeichnungen; von Zunz darf man sagen, daß ihn die Anerkennung zu keiner Zeit allzu sehr berührt hat. Er ist ein echter und rechter Gelehrter, welcher der Wissenschaft um ihrer selbstwillen sich widmet und dem die Früchte, welche seine geistige Arbeit zeitigt, des Lohnes genug sind." Was in den obigen Zeilen unerwähnt geblieben, wollen wir noch hervorheben, nämlich die Charakterfestigkeit und Cousequenz, welche Zunz auf jedem Gebiete des Lebens, das er betrat, bewährte. So gehörte er in politischer Beziehung durch alle Phasen seines langen Lebens der freisinnigen Partei an und obschon cs ihm nicht gelang, eine Wahl zum Abgeordneten zu erwerben, so hat er doch durch mehrere treffliche Broschüren gewirkt. In unserem Blatte finden sich in den früheren Jahrgängen Correspondenzen und eine ausführliche Abhandlung über den Ritus von Avignon aus der Feder von Zunz. — Möge die Vorsehung ihm, dem verehrten Altmeister, noch viele ungetrübte Jahre verleihen! Darmstadt, im Juli. Die Ziele -er Rabbinerversammlung. Bon M. Mannheimer.') Wie uns öffentliche Blätter mittheilen, hat die "Anfangs Juni a. c. in Berlin tagende Rabbinerversammlung ihre 1) In meinem letzten Aufsatze finden sich folgende Trucksehler: S. 505 Sp. l Z. 23 v. u. soll es heißen: dennoch statt danach; Sp. 2 Z. 7 d. u. ungefügiges statt ungefüges: Z. 10 v. u. demnach statt dennoch; Z. 3t d. u. schützen statt schätzen; Z. 35 o. u. aus statt auch. M.