Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 34 (19.8.1884)
- Date
- 1884-08-19
- Page
- Seite 545 (sequence 13)
- Language
- German
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545 Zusammenhang stehen mit unserem innersten Wesen, haben sich die zahlreichen Glücks- und Unglücksfälle seines Lebens sehr oft, so viel mir bekannt, in unerwartester Weise eingestellt. Er nahm sie hin in gleich starker Empfänglichkeit — dabei aber bescheiden und entsagungsvoll. Herzensgüte, ja, Herzensweichheit beherrschten sein Wesen; sie verliehen ihm die milde Duldsamkeit des Weisen. Ich erinnere mich nicht, scharfe oder gar bittere Worte über das Thun Anderer von ihm vernommen zu haben, und auch wenn er Anklagen vorbrachte, lag ein Ton der Theilnahme in seinen Ergüssen. Er hielt sich selbst für keinen starken Charakter! und schien, wohl nicht mit Unrecht, unser ganzes Geschlechts nicht gerade für ein heroisches anzusehen. So nahm seine Rede leicht eine ironische Färbung an, was ihr sehr wohl anstand, um so mehr, als er weder des Einfalls noch des Ausdrucks ermangelte. Trotzdem wurde ihm Lob, überzeugungsvolles Lob auszusprechen sehr leicht, und selten wird man einen Künstler finden, der mit gleicher Wärme den Leistungen seiner Genossen Anerkennung zu zollen bereit wäre. Mit einer Art religiöser Pietät sprach er von solchen, die er bewunderte — und es waren nicht nur todte Meister, die er hochhielt. Und er war heiter, so unverfälscht heiter, daß man ihm nicht begegnen konnte, ohne von seiner guten Laune ergriffen zu werden. Der Hauptsache nach verkehrte ich in demselben Tone mit ihm von meinem fünfzehnten Lebensjahre an bis zu meinem siebzigsten, wo ich ihn zuletzt sah. Nicht als ob wir nicht gar manches Ernste, ja, Traurige zu besprechen gehabt hätten — aber auch dies erschien durch seine Weise leise abgedämpft, wo hingegen die kleinen Dinge des gewöhnlichen Lebens ein fast festliches Aussehen gewannen, wie grüne Laubzweige, wenn man sie zu Kränzen flicht. Älntatis mutandis — erinnert er mich, wenn ich sein Bild zusammenfasse, fast an Leffing's Nathan, um so mehr, als sein Judenj thum eine große Rolle in seiner Existenz spielte. In einem! eigenthümlichen Verhältniß stand er zu diesem — es war ihm weniger ein Glaube, eine Religion, als eine Heimat.! In strenger jüdischer Frömmigkeit, wie man das zu nennen! pflegt, war er in seiner Vaterstadt Hanau ausgewachsen — ■ aber er hatte doch schon an der dortigen Akademie unter vr. Westermayer seine künstlerischen Studien begonnen, kam sehr jung nach München, Paris und Rom, wo er in dem hohen Kreise, der sich dort durch Männer wie Niebuhr, Thorwaldsen, Overbeck, Schnorr v. Carolsfeld und Gleichgesinnte gebildet hatte, die freundlichste, ermunterndste Aufnahme fand. Was konnte solchen Persönlichkeiten gegenüber sein Judenthum bedeuten? Durch sein ganzes Leben gedachte er derselben und ihrer Güte gegen ihn mit rührender Dankbarkeit und Verehrung — für Overbeck schwärmte er und Thorwaldsen, der sich bekanntlich in edelmüthiger Weise seiner angenommen, wendete er seine volle Liebe zu. Doch den Bekehrungsversuchen, die Einer oder der Andere, namentlich Christian Brentano, mit ihm anstellten, widerstand er um so leichter, als es sein Herz, nicht sein Verstand war, das ihm die Waffe zum Kampfe lieh?) Inmitten der Herrlichkeiten Roms zog es ihn oft nach dem Ghetto, um dort ein einfaches jüdisches Mahl einzunehmen — und ich glaube, daß ihm die Heilighaltung des Bersöhnungstages durch» ganze Leben ein Bedürfnis blieb. Ruht doch die größte Stärke einer Confession darin, daß ihre Wurzeln dem kindlichen Gemüthe eingepflanzt werden — wo auch kein schattengebender Baum daraus erwächst, die Wurzeln verdorren nicht und leicht entsprießt ihnen etwas Buschwerk. So waren es auch Bilder aus dem Judenthum, die den Grund zu feinem Rufe legten und die im Alter seinem Namen eine weit verbreitete Popularität verliehen. Lebhaft steht mir das große Gemälde vor Augen, welches er nach seiner Rückkehr aus Italien in seinem Atelier in Frankfurt ausgestellt chatte — es stellte David, vor Saul die Harfe spielend, dar i und zog durch längere Zeit Schaaren von bewundernden j Beschauern aus den verschiedenartigsten Welten heran. Wohl! war es die gemüthliche Enge des Frankfurter Familienlebens, die! zur Folge hatte, daß er in seinen spätern Arbeiten das römische j Format ausgab und kleine Dimensionen vorzog. Wenn dieCompo-! sitionen dann weniger hoch und breit wurden, ihre tiefe Gemüth- | lichkeit verlieh ihnen einen ganz besonderen Reiz. Man ge-! denke nach Allem und vor Allem der zahlreichen, durch die I Photographie vervielfachten Darstellungen aus dem religiösen Familienleben seiner Glaubensgenossen. Wahrlich, sie könnten fast eine Parallele bilden zu Auerbach» Dorfgeschichten — gleich jenen sind sie Früchte frühester sich poetisirendcr Jugendeindrücke. Und sie werden in nicht weiter Ferne einen eigenthümlichen historischen Werth erlangen — für den bei Weitem größten Theil des Publikums haben sie einen solchen schon jetzt. Auch inmitten der zahlreichen, den verschiedenartigsten Gebieten des Lebens und der Dichtung zu entnehmenden Stoffe wußte er solche zu finden, deren Gestalten den Neigungen seines Herzens nahe standen. So malte er den Philosophen Mendelssohn in Audienz bei Friedrich dem Großen und später dessen glücklichen Enkel, Goethe vorspielend. Und daß ihm bei der Anfertigung der Kaiserbilder für den Römer! dasjenige Joseph» des Zweiten zufiel, war sicherlich kein Zufall. Schwerlich stand irgend einer der anderen Maler irgend einem der andern Kaiser mit so warmer Verehrung gegenüber, als Oppenheim diesem, zwar nicht größten, aber humansten der langen Reihe. 1) Dieser Ausspruch ist für Hiller, der den „Bekchrungsversuchcn"! nicht Stand hielt, bezeichnend. Gerade der jüdische ..Verstand" ist es, I der den christlichen Dogmen am nachhaltigsten und einfachsten wi- > derstrebt. Redaktion.