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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-08-19 · Heft 34 (19.8.1884) · p. Seite 538

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 34 (19.8.1884)
Date
1884-08-19
Page
Seite 538 (sequence 6)
Language
German
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538 gehört werden. Wie gern geben sich Gcmeindeglieder im Gebrauchsfalle zu Vorbelern an und s'1 her, und wie werden sie dafür herausgeftrichen; wie gefiel ihm weiland sein, wenn auch mittelmäßiger Chasan :c. Diese Lust am Gesang und eine ungezähmte Neigung mitzusingen, hat unseren früheren Gottesdienst zur „Judenschule" gestaltet, der ein berühmter Componist ein Stück widmete, das vor nicht langer Zeit in einer jüdischen großen Gemeinde zu einer mit Recht abgewiesenen Klage und öffentlichen Verhandlung führte. In kleinen Gemeinden mag ein Chor und selbst da nicht auf die Länge am Platze sein, in großen Gemeinden sicherlich nicht. Soll aber nur der Chor singen und die Gemeinde sich dabei still verhalten, wie man auch hier und da gethan, so ist dies gewiß nicht im Sinne der Religion und des Volksbewußtseins. Das wird den Orthodoxen auch nicht behagen! Ad vocem Orgel muß Schreiber dieses nachträglich einen Vorgang bekannt geben, der noch nicht in die O öffentlich keit gelangt, der mir von einem bestunterrichteten Manne mitgetheilt wurde und in der Registratur der isr. Gemeinde in Nürnberg aktenmäßig niedergelegt sein soll. Zur Zeit, als die Rabbinerstelle in Nürnberg zum ersten Mal zu besetzen war, hatte sich unter andern auch der früher in Dettingen in Bayern funktionirende Rabbiner vr. Feuchtwanger, der in einer Stadt in Ungarn angestellt war, gemeldet. Es wurde ihm hierauf amtlich die Frage schriftlich vorgelegt: Wie er zur Orgelfrage stehe, die in der neuen Synagoge verwirklicht werden solle. Darauf erwiderte er: Die Einführung der Orgel in die Synagoge ist keine Frage der Religion, sondern der Aesthetik. Er, für seine Person, halte sie zur Erhöhung seiner Andacht nicht für nöthig. Wenn eben Andere glauben, dieselbe erhöhe ihre Andacht, so habe er nichts gegen ihre Einführung. Dies die, wenn auch nicht ganz buchstäbliche Aussprache dieses orthodoxen Rabbiners vom reinsten Waffer, dem die Orthodoxie Ernst war, und der daher auch in den Kreisen neuer Juden Ansehen genoß. Was sagen nun unsre Kampfhähne der Orthodoxie dazu? — Aus Schlesien, im August. In Hochzeit war ein jüdischer Kaufmann zu Polizeistrafe herangezogcn, weil er sein Kind an den Sonnabenden des Monats Mai nicht zur Schule geschickt hatte. Gegen das Strafmandat hatte er richterliche Entscheidung beantragt. Das Schöffengericht in Woldenberg verhandelte, wie die „Neum. Ztg" berichtet, über die Sache, und ging in seinem Urtheil noch über das Strafmaß der Polizeibehörde hinaus. In der Begründung des Urtheils wurde gesagt, daß es in Preußen nur zwei staatlich anerkannte Religionen gäbe, die evangelische und die katholische, und daß demgemäß die jüdischen Kinder auch an den Sonnabenden dem Schulzwange unterlägen. (Diese Entscheidungen widersprechen entschieden den in unserer Zeitung veröffentlichten Verfügungen des gegenwärtigen Unterrichtsministers, die dahin lauten, daß jüdischen Eltern das Recht zustehe, ihre Kinder am Sabbath von der Schule zurückzuhalten, wogegen die letztere nicht die Verantwortlichkeit übernehme, für den Schaden, der aus diesem Bersäumniß den Schülern erwachse.) Oesterreich-Ungarn. Wien, im August. Ein Rabbiner im Herrenhause. Einem ziemlich unverläßlichen deutschen Provinzialblatte geht aus Wien auf telegraphischem Wege eine Nachricht zu, die wir schon ihrer Curiofität halber zu registriren nicht verabsäumen können. Die Nachricht ist folgende: Wie verlautet, beabfichttgt das Cabinet Taaffe den Prager Oberrabbiner Hirsch, früher Rabbiner in Altofen, in das Herrenhaus zu berufen. Jedenfalls wird damit beabsichtigt, die Orthodoxen, unter welchen Hirsch großes Ansehen genießt, zu gewinnen, da die Neologen wie ein Mann auf Seite der „verfassungsfreien" Partei stehen. Breslau, 6. August. (Privatmitth.) Ich erlaube mir, die Aufmerksamkeit der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" auf eine Gefahr hinzulenken, welche den Juden Galiziens von einer Seite droht, die bis jetzt meines Wissens in den jüdischen Journalen nicht beachtet wurde. Seit einiger Zeit finden sich fast täglich in den polnischen Zeitungen Notizen und auch größere Artikel über „die Verdrängung (?) der Christen aus dem Grundbesitze durch die Juden". Es ist sehr zu bedauern, daß die Juden in Galizien nicht im Besitze eines einzigen Blattes sich befinden, welches jene Angaben auf ihr richtiges Maß zurückführen und der schädlichen Wirkung der Hetzereien mit Erfolg begegnen könnte. Es ist noch mehr zu bedauern, daß nicht einmal versucht wird, in den Tagesblättern gegen jenes tolle Treiben jüdischerseits kräftig zu protestiren. Man unterschätzt sichtbar die Macht der Presse, weil man sie dem innern Werthe nach beurtheilt und nicht merkt, daß das Volk meist mit den Augen eben derselben Presse sieht, welche so schädliche Vorurtheile in ihm nährt. Es wäre jedenfalls besser, etwas zu viel Vorsicht — wenn das überhaupt möglich ist — als zu wenig zu haben, denn der Racenhaß, der in diesen beständigen Notizen zum Ausdrucke kommt, ist eine Kraft, die „stets das Böse will und nicht selten Böses schafft". Man sollte nicht müßig abwarten, bis diese Bewegung wie in andern Ländern einer verderblichen Frucht entbunden werden wird. So ganz ohne Früchte sind übrigens auch in Galizien jene Agitationen nicht mehr, denn wir begegnen in denselben Zeitungen gleichzeitig die trockene Nachricht, die keinen weitern Commentar braucht, daß in zwei Städtchen Galiziens, in Boryslaw und Drohobicz, eine lebhafte Agitation unter den Arbeitern in Bewegung gesetzt wird, um sie der Arbeit bei Juden zu entziehen. Nun, es eröffnen

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