Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 34 (19.8.1884)
- Date
- 1884-08-19
- Page
- Seite 536 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227501-3227536--41954-3310473- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
536 wenige werden berücksichtigt! Seit der Modifikation genannten Artikels haben ungefähr 20 Familien — natürlich sehr wohlhabende — das Bürgerrecht erlangt. Alle anderen nach Tausenden zählende Gesuche liegen vom Staube der Jahre umhüllt und harren vergebens auf die Entscheidung ihres Looses. Die vor dem Berliner Cvngresse promulgirten Ausnahmegesetze, wie: das Spirituosengesetz, das Ruralgesetz u. a. m. wurden zuerst sehr lax, nachher aber mit drakonischer Strenge applicirt. Heute darf kein Jude auf dem Lande ein Schankhaus halten. Ja, man ging noch weiter. Infolge einer Bestimmung des Ruralgesetzes darf kein Fremder ohne Erlaubniß des Gemeinderaths auf dem Lande wohnen. Ein ministerieller Befehl aber verbietet, den Juden Niederlassungsscheine zu verabfolgen. Nun wurden sämmtliche in den Dörfern wohnende Juden summirt, binnen 48 Stunden das Dorf zu verlassen. Man gewährte ihnen nicht absichtslos diese kurze Frist. Man zielte dahin, sie aus den Dörfern zu treiben, ohne daß sie im Stande wären, ihre Geschäfte zu liquidiren und ihre ausständigen Schulden einzukassiren. So lungern denn diese Unglücklichen schon lange in den Städten herum. Die Reicheren verzehren ihr bischen Habe; die Armen rufen unsere Hilfe an. Die Zahl derselben ist eine sehr große. Ein recenteres Gesetz ist das Börsengesetz. Kein Fremder darf Makler sein. Sehr viele Juden waren Makler. Die Juden aber sind Fremde, er§c> dürfen die Juden keine Makler sein. Eine neue Serie Nothleidender ist mithin aufzuweisen. — Endlich kam das unheilvolle Hausirer- und Trödler-Gesetz. Der Jude befaßt sich fast im ganzen Lande mit dem Kleinhandel und mit dem Trödeln — eine Prosession , die den Meister spärlich genug nährt. Aber der Jude soll auch das Wenige nicht haben. Ein Gesetz wird der Kammer vorgelegt, dieselbe votirt es mit patriotischer Begeisterung. Der Kleinhandel, — Haufiren und Trödeln wird dem Juden verboten. Ein Schrei der Verzweiflung durchdringt das Land. Tausende von Hausirern und Trödlern wenden sich weinend mit einem Gesuche an den Senat, ihnen doch nicht die letzte Lebensbranche abzuschneiden. Da tritt die Regierung mit einem Project dazwischen: „Petitionsrecht ist ausschließliches Recht des Rumänen". Begeistert wird dies Project angenommen, votirt, vom Könige sanctionirt. Die Juden sind vernichtet. Ueber 500 Familien bleiben in Jassy brodlos, in ganz Rumänien über 3000. Arme, bedauernswerthe Leute sind es, geehrter Herr, die von ihrem armseligen Handel und 24 stündigen Waarencredit lebten und ihre Familie ernährten. Vom 1. Mai bis heute verabreichen wir ihnen das Allernöthigste — Brod für sich und die armen Kinder! — — Traurig interessant ist eine Audienz, die eine Delegation aus verschiedenen Städten Rumäniens vor etwa sechs Wochen beim Könige hatte. Der König empnng sie mit seiner gewöhnlichen Liebenswürdigkeit, versprach ihnen mit feinen Ministern zu sprechen und wies sie endlich an den im Vorzimmer wartenden D. Sturdza. Dieser bemerkte ihnen ungefähr folgendes: „Was wollt Ihr? Was Ihr gesucht, habt Ihr gefunden. Im Berliner Congreß habt Ihr uns Verlegenheiten bereitet; wir haben Euch schließlich gegeben, was wir mußten." Mit ironischem Lächeln fügte er hinzu: „Naturalisirt Euch doch! Ihr habt ja das Recht dazu! Die gegen die Fremden erlassenen Ausnahmegesetze sind ein nothwendiger, national-ökonomischer Schutz, und Niemand hat uns jetzt was dreinzureden; wir sind ein freier, unabhängiger Staat und thun, was uns gutdünkt." Underdessen scheint es, daß der Becher unseres Unglücks noch bei weitem nicht geleert ist. Ein neuer Gesetzentwurf betreffs der Handwerkerzünfte liegt in der Kammer vor und kommt zu Anfang nächster Session zur Discussion. Nrtheilen Sie, geehrter Herr, was uns droht. Drei Viertel der Handwerker aller Art sind Juden. Das ist die Lage unserer Glaubensgenossen in Rumänien und speciell in Jassy, der größten jüdischen Gemeinde. Rumänien hat wenig reiche Juden. Der größte Theil der jüdischen Bevölkerung und vorzugsweise die in der Stadt Jassy, besteht aus einem Mittelstände, der sich mit Mühe und Schweiß ernährt. Da unser Land ein rein agricoles ist, so haben wir keine Industrie und mithin keine Fabriken, wo wir die brodlos Gebliebenen unterbringen können. Auf die Anfrage bei unserer Regierung, ob sie unfern Glaubensgenossen erlauben würde, sich in der Tobrogea mit der Agricultur zu beschäftigen, erhielten wir eine abschlägige Antwort. So ist es uns denn auch in Jassy gelungen, für 1300 Seelen sorgen zu können, indem wir diesen 160 Familien Kühe anschafften zur Gründung von Molkereien :c. 230 Personen beförderten wir, wie Sie wissen, nach Amerika. Andere 500 Personen stehen bereit, dorthin auszuwandern. Seit acht Tagen ist das Gepäck nach Hamburg abgegangen. Dienstag den 29. Juli sollte der Transport befördert werden, als wir die unheilvolle Depesche bekamen, daß Amerika nur diejenigen Auswanderer einlasse, die ein Vermögen von 100 Dollars resp. 500 Fr. ausweisen können. Wir haben allen Muth verloren und sind in der verzweifeltesten Lage. Die Nachricht, daß seitens der Amerikanischen Regierung 50 Personen von den am 4. Juli Emigrirten nach Hamburg zurückgesandt wurden, hat unsere Rathlosigkeit noch erhöht. Wir stehen hier vor einem schweren Problem der Zeit, das aus der Parteiwuth, die sich überall so vieler Bolkselemente und der höheren Schichten der Gesellschaft bemächtigt