Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 34 (19.8.1884)
- Date
- 1884-08-19
- Page
- Seite 534 (sequence 2)
- Language
- German
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Wenn nun also hier symbolisch die Verbindung Gottes mit dem Menschen, die göttliche Einwirkung auf den Menschen dargestellt wird, so findet wiederum die Verbindung des Menschen mit Gott, das Streben des Menschen nach der Annäherung zu Gott ihren symbolischen Ausdruck in der entgegengesetzten Richtung, nämlich vom Opferaltar durch den Räucheraltar zur Sühnplatte, d. i. zur Offenbarungsstätte hin. Der aus Akazienholz gefertigte, mit Erde ausgefüllte, fünf Ellen im Quadrat große, drei Ellen hohe viereckige, mit Kupfer überzogene, und an den vier Ecken mit vier Hörnern versehene Altar war die specielle Bermittelungsstätte zwischen Mensch und Gott. Im Gegensatz zur Offenbarungsstätte geht hier Alles vom Menschen aus, beruht auf Irdischem, strebt aber zu Gott hinan. Darum war der Altar, auf welchem die Opfer dargebracht wurden, eine Erhöhung (,->22), weil er von der Erde nach der Höhe, nach dem Himmel hinaufstreben sollte; darum bestand er aber eigentlich aus Erde, indem riD“N insbesondere den d~n Menschen in seiner irdischen Beschaffenheit, Mangelhaftigkeit und sogar Sündhaftigkeit repräsentirt (1 Mos. 2, 7. 3, 19); darum wurde diese Erde von einem Gerüste aus Schittimholz umgeben, welches, wie wir an anderer Stelle erwiesen, das bloße Leben an und für sich, die Negation des Todes bezeichnet; darum war das Ganze mit Kupfer überzogen, welches das in der menschlichen Leidenschaft noch befangene und getrübte Göttliche im Menschlichen vorstellt; darum endlich beruhte seine Größe in der Fünf, die wir als die Signatur des menschlich Unvollkommenen und Strebenden erkannt haben und alle Maße des Hofes bestimmten sich durch die Fünf. Ebenso aber bezeichnen die drei Formen und Stoffe, aus denen der Altar bestand, und. seine Höhe von drei Ellen den Altar als Bermittlungsstätte. Die Hörner sind wieder Repräsentanten des Altars selbst, wofür wir die Belege in unserm Commentar gegeben haben. Auf dem Altäre nun wurden die Opfer dargebracht, und werden wir später sehen, daß dieser Akt die anzustrebende Verbindung mit Gott symbolisch darstellt. Von diesem Altar und den auf ihm vollzogenen Opferhandlungen geht nun die anzustrdbende und zu vermittelnde Verbindung mit Gott symbolisch bis zur Offenbarungsstätte. Man erinnere sich, daß am Bersöhnungstage (3 Mos. 16) der Hohepriester mit Blut des Sündopfer- Stieres vor die Lade im Allerheiligsten treten und „mit seinem Finger aus die Fläche der Sühnplatte und vor die Snhnplatte siebenmal sprengen sollte", und dann dieselbe Ceremonie mit dem Blute vom Sündopfer-Bock zu vollziehen hatte, und hierdurch „das Heiligthum wegen der Unreinheiten der Söhne Israels und wegen ihrer Miffethaten in allen ihren Verschuldungen versöhnen" sollte. So schloß sich die Vermittelnng durch die Opferhandlungen unmittelbar wieder an die Offenbarungsstätte, die also zugleich die Stätte des höchsten religiösen Vorganges, der Versöhnung mit Gott, der Vergebung der Schuldhaftigkeit, der reuigen Umkehr zu Gott wurde. So sehen wir hier den höchsten Gedanken des Judenthums symbolisch ausgeprägt, daß nicht durch irgend eine Asketik, eine Selbstpeinigung und leibliche Buße die Vergebung der Schuld, die Versöhnung mit Gott, dieses höchste religiöse Errungniß bewirkt wird, daß nicht in der Verachtung des Irdischen, in der Hintenansetzung der Arbeit und des bürgerlichen Lebens die „Heiligung" zu finden ist, sondern in der treuesten Pflichterfüllung, in der Uebung des Rechts und der Liebe, wie sie 3 Mos. 19 vorgeschrieben wird, in der Läuterung von Fehlern und Sünden, in dem wahrhaften und innigen Aufstreben zu Gott, in der seelischen Annäherung an Gott. — Aber auch diese Verbindung des Opferaltars mit der Offenbarungsstätte hat ihre Vermittelung im „Heiligen", nämlich den „Räucheraltar" mit dem auf demselben zu vollziehenden Akt. Daß der Räucheraltar nicht mit dem Leuchter und dem Schaubrodtisch zu Einem symbolischen Gedanken zu verbinden ist, hat das h. Wort selbst uns angedeutet, indem es die Verordnung über denselben von der über den Leuchter und den Schaubrodtisch getrennt und erst später gegeben hat, erst nach den Vorschriften über die Priesterkleider und die Priesterweihe (Kap. 30). Der Räucheraltar, aus einem Gestell von Akazienholz, zwei Ellen hoch und eine Elle im Quadrat, mit einer Platte oben, war ganz und gar mit Goldblech überzogen und hatte einen massiv goldenen Kranz und goldene Ringe, in welche die aus Akazienholz gefertigten goldüberzogenen Tragstangen kamen. Dieser Altar stand vor dem Vorhang des Allerheiligsten zwischen Leuchter und Tisch, genau in der Linie der Lade und wurde aus ihm täglich zweimal, Morgens und Abends, wenn die Lampen auf dem siebenarmigen Leuchter zugerichtet wurden, reines Räucherwerk verbrannt, das hierzu aus bestimmten Ingredienzen zu diesem Zwecke bereitet wurde. Die Bedeutung dieses Räucherns ist vielfach in irriger und selbst verkehrter Weise aufgestellt worden.*) Wollen wir die wahre Bedeutung dieses Räucherns faffen, so müssen wir den besonderen Gebrauch am Versöhnungstage in Betracht ziehen. Hier sollte der Hohepriester, bevor er die Sprengung des Blutes auf die Sühnplatte vornahm, das Räucherwerk in das Allerheiligste und auf die Kohlen in der Räucherpfanne bringen, „damit die Wolke des Räucherwerks | die Sühnplatte über dem Zeugnisse bedecke (verhülle -dd) J (3 Mos. 16, 12)"; dann erst verrichtet der Hohepriester das | 1) Wir wollen nur ein Beispiel anführen. Am materiellsten ' und kurzsichtigsten ist die Ansicht des Maimonides: „Um den bösen Geruch des geschlachteten Opferviehes zu vertreiben" (More Neb. III, 45), was schon vadurch unzulässig ist, daß in das „Heilige" kein Opfer kam und die Hand voll Räucherwerk am Abend und Morgen keine l Einwirkung auf den ,„Hof" haben konnte. Er mußte sich daher auf > die bekannte talmudische Sage stützen: von Jericho an hätte man 1 schon das Räucherwerk gerochen (Tomid 3, 8).