Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 33 (12.8.1884)
- Date
- 1884-08-12
- Page
- Seite 526 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Aala-Egerßeg, 27. Juli. In dem Prozesse wegen der vorjährigen 'antisemitischen Krawalle wurde nach mehrwöchentj licher Verhandlung heute Morgen das Urtheil verkündet; es wurden 43 Angeklagte verurtheilt und zwar die drei Hauptangeklagten Franz Schreiner, Stephan Gerencser und Salomon Bali wegen des Verbrechens der Aufruhrstiftung zu 7, 5, und 4 Jahren. Außerdem wurden verurtheilt: 1 zu 15 Monaten, 8 zu je 1 Jahr, 5 zu 10 Monaten, 1 zu 9, 1 zu 8, Einige zu 3 und Andere 'zu 2 Monaten, 38 Angeklagte wurden freigesprochen. Sowohl die Angeklagten (mit Ausnahme von zweien) als auch der Staatsanwalt appellirten. Außer den drei Hauptangeklagten werden die Verurtheilten auf freien Fuß belassen, bis das Urtheil rechtskräftig wird. Rußland. Warschau, im Juli. (Privatmitth.) Es wird wohl in maßgebenden Kreisen immer klarer erkannt werden, daß die Anreizung zu Judenhetzen in Rußland nur ein einzelnes Glied einer geheimen revolutionären Verschwörung gegen den ganzen Bestand der Gesellschaft gewesen ist, ein Glied, das die Agitatoren zu allermeist ergrissen, weil sie mit ihm die niedrigsten Leidenschaften des Volkes am ehesten zu wecken und dasselbe an Emeuten, Widerstand gegen die Obrigkeit, Plünderung und Mord zu gewöhnen glaubten, ein Calcul, der sich durchaus nicht als falsch erwiesen hat. Es wird ferner immer deutlicher erkannt werden, welch' ein Fehler es gewesen, diesen Judenhetzen nicht von vornherein mit aller Kraft entgegengetrelln zu sein und die Uebelthäter mit aller Strenge bestraft zu haben. Tie jüngsten Enthüllungen der großen Verschwörungen in Warschau, die aber ihre Fäden durch das ganze Reich gesponnen hatten, haben dieses Alles offenbar gemacht. In dem Programm dieser Verschwörung fanden sich neben den Mordplänen gegen die ganze Staatsregierung, gegen alle Besitzenden rc. immer die Judenhetzen ganz besonders betont. Gewiß wird es gelingen, diese scheußliche Verbrecherbande in Zaum zu halten; aber man wird ihr ihr immer Nahrung zuführen, so lange man nicht die Judenhetzen mit der größten Energie unterdrückt. Amerika. Cincinnati, im Juli. (Privatmitth.) Am 29. v. M. fand hier in den eigens für diesen Zweck prachtvoll dekorirten Tempel der Gemeinde Bene Israel die Ordination der fünf Rabbinatscandidaten, welche dieses Jahr aus dem Hebrew l'nion College entlassen wurden, in feierlichster Weise vor einem zahlreichen Auditorium statt. Die Namen der fünf Candidaten, welche den vorgeschriebenen Studiencurses dieser und auch gleichzeitig den akademischen Cursus auf der hiesigen Universität durchgemacht. sind: Ludwig Großmann, Max Heller, Jsaac Rubenstein, Joseph Silvermann und Joseph Stolz. Die dieser Feier vorangegangene öffentliche Jahresprüfung der Zöglinge der Anstalt und besonders die Schlußprüfung der genannten Canditaten nahm eine ganze Woche in Anspruch. Die Prüfungs -Comission, welche von dem amerikanischen Gemeindebunde für dieses Jahr ernannt waren, bestand aus den Rabbinern vr. James K. Guttheim aus New-Orleans, vr. M. Landsberg aus Rochester und vr. M. Schlesinger aus Albany. Die Entlassungsprüfung erstreckte sich auf Bibelexegese, Einleitung in die h. Schrift, Talmud und Talmudische Methodik, Midrasch, Schulchan Aruch, besonders Eben Hak-ser, jüdische Religionsphilosophie, jüdische Geschichte und Literatur-Geschichte und Einleitung in die jüdische Theologie. Ihre literarische Befähigung bekundeten die Canditaten durch Abhandlungen über selbstgewählte Themata, nämlich die Ethik des Talmuds, die Ethik des Maimonides, Analyse des Buches Jkkarim, das Berhältniß der modernen Evolutions-Theorie zur Philosophie des Maimonides. Ueber das Resultat der Prüfung hebe ich aus dem nun gedruckt vorliegenden offiziellen Berichte, den die Prüfungs- Commission an die Verwaltungsbehörde des Gemeindebundcs abgestattet, folgende Stelle hervor: „Ihr Eomite ist in der glücklichen Lage bestätigen zu können, daß die Prüfung im Ganzen sehr befriedigend ausgefallen. Resultate sind erzielt worden, welche irgend einer ähnlichen Anstalt zur Ehre gereichen würden und diese Resultate sind dem von der Fakultät eingeführten System und den vorzüglichen Methoden, welche in den verschiedenen Lehrbüchern zur Anwendung gekommen, zuzuschreiben. Wo Alle so vorzügliches geleistet, möchte es unangemessen scheinen, eine Unterscheidungslinie ziehen zu wollen. Dennoch drängt es uns, unsere besondere Bewunderung zu zollen, sowohl der gründlichen Weise, in welcher der würdige Präsident des College, Herr Rabbiner vr. I. M. Wise in der obersten Abtheilung die höheren Zweige der jüdischen Theologie gelehrt, als auch der geistvollen Methode, welche Herr vr. Mielziner beim Talmud-Unterrichte zur Anwendung gebracht. Diese Methode hat das Gepräge der Originalität. Sie giebt Zeugniß von der völligen Meisterschaft des gelehrten Professors in seinem speciellen Fache und ist besonders geeignet, dieses schwierige Studium den Studirenden zu erleichtern. Bei dieser Methode hört der Talmud auf, als ein Gemisch verworrener Dialektik zu erscheinen und ist zur Stufe einer exakten Wissenschaft erhoben. Durch diese Methode, welche die Terminologie, die Hermeneutik, die Rechtsmaximen und Grundsätze des Talmud in ein wohlgeordnetes und leichtverständliches System bringt, sind die Studenten der oberen Classe in Stand gesetzt worden, die schwierigsten Stellen im Talmud, die wir gewählt, nach einer kaum einstündigen