Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 33 (12.8.1884)
- Date
- 1884-08-12
- Page
- Seite 525 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227501-3227535--41942-3310460- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
525 Ebenso hat der Verband seine Aufmerksamkeit den jüdischen Sträflingen in der Strafanstalt in Insterburg zugewandt, wo bis jetzt Rabb. Weinberg eine segensreiche Thätigkeit entwickelt hat, und sucht für die Sträflinge und namentlich auch für die Entlassenen bessere Verhältnisse herbeizuführen. Am interessantesten ist der Bericht des Rabb. Di-. Bamberger (Königsberg) über die Verband-Schulinspektion. Ein Vortrag des Herrn Alexander (Golday) zeigt, welche treffliche Wirkung es hat, wenn in Gemeinden, in welchen ein zu Predigten passender Lehrer nicht angestellt ist, durch Prediger aus anderen Gemeinden von Zeit zu Zeit Vorträge gehalten werden. Es ist allerdings hierzu erforderlich, daß die Gemeinden ihren Lehrern hierzu Erlaubniß geben. Auf diesem Gebiete ist aber noch Alles zu thun. Der Kassenbe- Er bemerkt unter Anderem, daß schon in nächster Zeit ein j ricfjt pro 1. April 1883—84 bezeugt, einschließlich 2460 M. die Bildung eines Provinzialverbandes ' Bestand des Vorjahres, 3988 M., Ausgaben 789 M., wovon 200 Bi. Unterstützungen zur Ausbildung von Lehrern und 256 M. zurHebung des Schulwesens. Aian sieht hieraus, wie die meisten Anstrengungen des Verbandes ehrenamtlich vollzogen werden. Eine Bemerkung wollen wir nicht unterlassen. Auch hier übersteigen die Beiträge persönlicher Mitglieder die der 38. Verbandsgemeinden beträchtlich. Für das laufende Jahr sind die Ausgaben höher, nämlich auf M. 1540 veranschlagt. Merkwürdiger Weise vermissen wir in dem Verzeichniß der Berbandsgemeinden — die Gemeinde Königsberg. Auch hier gilt der Grundsatz: „Hilf dir selbst und dir wird geholfen!" Die mittleren und kleinen Gemeinden zeigen einen Eifer, der ohne Hülse der Großen zu gedeihlichen Zielen führt. Oesterreich-Ungarn. Wien, 25. Juli. (Privatmitth.) Nachdem die Berichte, sowohl aus Berlin wie Budapest, über die Separatgemeinden, die beim hiesigen Unterrichts- und Cultusministerium einliefen, wie ich jüngst berichtete, abfällig lauteten, so hat sich das genannte Ministerium veranlaßt gesehen, das Ansuchen galizischer Juden, das Statut des verstorbenen Rabbiners Schreiber zu genehmigen, abzulehnen. Lemberg, 21. Juli. In der Nacht von vorigem Samstag auf Sonntag sind in der Gemeinde Wolanka nächst Trohobycz Unruhen gegen die Juden ausgebrochen, acht Judenhäuser wurden demolirt; mehrere Juden wurden schwer verletzt. Der „Presse" wird über diese Vorfälle berichtet: Vorgestern kam es zwischen dem Arbeiterpersonal der französischen Erdwachs- und Petroleum-Gesellschaft und den Grubenbesitzern in Boryslaw-Wolanka wegen Besitzstreitigkeiten zu Exceffen, die gestern Abends zu förmlichen Judenkrawallen ausarteten. Einige bei der Gesellschaft angestellte antisemitische Beamten reizten die meisten aus Czechen bestehenden Arbeiter auf, welche in allen Privathäufern die Scheiben einschlugen, in die Synagoge einbrachen und die Thorarolle in Stücke zerfetzten, woraus es zu einer förmlichen Schlacht kam, wobei Todte und Verwundete auf dem Kampfplatz blieben. Die herbeigeeilte Gendarmerie mußte von den Waffen Gebrauch machen, 'von welchen zwei Personen tödtlich getroffen wurden." sDie Ruhe ist anscheinend hergestellt, die Aufregung ist eine allgemeine. Comitö zu Stettin für Pommern in die Hand nehmen werde. Wir wollen nur eine drastische Stelle aus diesem Bericht wiedergeben: „Ich habe zwei Gemeinden im Auge: beide gehören zu den kleineren der Provinz; jede hat etwa 15 schulpflichtige Kinder, welche die betreffende Ortsschule besuchen; der Unterricht liegt hier wie dort seit vielen Jahren in den Händen des einst aus Rußland eingewanderten — Cultusbeamten. Den einen Ort habe ich in diesem Jahre zum ersten Male, den andern zum zweiten Male besucht. Begleiten Sie mich nach dem ersteren Ort, da finden Sie die Schuljugend in den Händen eines Mannes seit 13 Jahren, ohne daß in dieser ganzen langen Zeit sich irgend Jemand darum gekümmert, ob und was und wann und wie der Mann unterrichtet; man schickte die Kinder hin, schimpfte höchstens einmal, wenn ein Knabe sein Maphtir schlecht aufsagte oder beim Kaddisch stockte — das war alles. Sonst ging die Sache ihren gewohnten Gang. Bei der Revision fand ich kein einziges Schulbuch vor; kein Knabe liest correct, kaum einer fließend, von biblischer Geschichte keine Spur, kein einziges Kind wußte, wer Abraham oder Joseph war und dabei 15 wöchentliche Unterrichtsstunden für jedes Kind. Ein eigentlicher Religionsunterricht ist zwar neuerdings unter dem Einflüsse der Verbandsthätigkeit eingeführt — aber reden wir nicht davon. Nun gehen Sie einmal mit mir nach dem zweiten Orte. Derselbe bot vor zwei Jahren genau dasselbe Bild der Trostlosigkeit; aber in Folge der damals gegebenen Anegung und Unterweisung der eingeführten Ordnung, der eingesetzten Schulaufsicht, der beschafften Schulbücher ist zwar aus dem Lehrer-Schächter kein Professor geworden, aber Schule und Schüler waren nicht wieder zu erkennen. Ter Lehrer hatte inzwischen selbst gelernt zu lehren, arbeitete, weil mit besserem Verständnisse, auch mit größerer Lust und besserm Erfolge. Es ist ein Fortschritt zum Bessern, der mich wie den Vorstand auf das freudigste überraschte — und das verdanken wir der Inspektion, die der Gemeinde und dem Lehrer die Augen geöffnet und Besserung angebahnt hat. Und, wenn ich Ihnen schließlich mittheile, daß auch in dem ersteren Orte bereits eine bessere Ordnung eingeführt, Bücher beschafft, eine Schulaufsicht bestellt re., dann werden Sie mit mir hoffen dürfen, daß auch dort sich die Früchte bald zeigen werden." 33