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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-08-12 · Heft 33 (12.8.1884) · p. Seite 519

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 33 (12.8.1884)
Date
1884-08-12
Page
Seite 519 (sequence 3)
Language
German
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519 Im kräftigen westfälischen Menschenschläge glaubt man Vor-! urtheile und fanatische Regungen noch heimisch, so daß es leicht sei, diese zu seinem Bortheil auszubcuten. Herr Liebcrmann meinte, aus conservative und orthodoxe Gesinnung genug zu stoßen, um dieselbe durch seine Rede gegen die Juden zu entflammen. Denn Herr Liebermann hat eben nichts weiter in seinem Kopfe als die schon hundertmal vorgetragene Rede über die „Judcnfrage". Da hat er sich nun gründlich geirrt. Auch in Westfalen hat man noch einige andere Interessen, die im Vordergründe des öffentlichen Lebens stehen und die Juden spielen daselbst gar keine Rolle, wenn man nicht ein friedliches, fleißiges und bescheidenes Leben für eine recht schöne menschliche Rolle erklären will. Es zeigte sich, daß man gerade in Westfalen den hohen Werth des consessionellen und bürgerlichen Friedens, der Eintracht aller Klassen der Bürgerschaft sehr zu schätzen weiß und aus anderen Gegenden die traurigen Folgen der antisemitischen Wühlereien erfahren hat. Es mag immerhin sein, daß seine Rede augenblicklich in irgend einer Kneipe von den versammelten Leuten ganz gern gehört worden ist. Tenn die Menschen hören nun einmal gern, noch dazu bei Bier und Tabak, auf ihre Mitmenschen raisonniren und schimpfen. Um so empfindlicher mußte es dem Hetzwanderer sein, überall in den westfälischen Städten von der gebildeten und intelligenten Bürgerschaft zurückgestoßen und verurtheilt zu werden. In Bochum, Dortmund, Hattingen und anderen Städten erließen die angesehensten Bürger Erklärungen, in welchen sie ihre Verachtung über das ganze antisemitische Treiben, ihr Wohlwollen gegen ihre aller Achtung würdigen israelitischen Mitbürger, ihre Werthschätzung des consessionellen und bürgerlichen Friedens, des Zusammenwirkens aller Volksklassen zum gemeinsamen Wohle in den nachdrücklichsten Worten aussprachen, und alle ihre Mitbürger aussorderten, von den Versammlungen des Herrn Liebermann fernzubleiben. Dieses Vorgehen hatte sogar an manchen Orten die Wirkung, daß sich daselbst für den Berliner Redner kein Lokal fand, in welchem er seinen gallichten Sermon loslasscn konnte. Ties ist die zweite Bedeutung, denn wir erblicken darin eine Wandelung, eine Umkehr der allgemeinen Strömung. Tie antisemitische Agitation hatte bis dahin nur passiven Widerstand gefunden. Man ließ sie gewähren, wie es ja oft geschieht, daß bei einer Pöbelemeute die besseren Bürger zuerst gegen die Dinge, die sich abspielen, unthätig bleiben, bi» sich die traurigen Folgen fühlbar machen. Dann erst sammeln sie sich, treten den Excessen mit aller Kraft entgegen, und da zeigt es sich bald, wie schwach eigentlich die Macht der Uebelthäter gewesen. Freilich wäre cs besser und vernünftiger gewesen, von Anfang an das Uebel zu bekämpfen und die Urheber zurückzuweisen. Biel Trauriges wäre dadurch erspart worden. Aber seien wir' hiermit zufrieden. Auch in Westfalen hat sich Alles, was die wahre Intelligenz und den echten gesellschaftlichen Conservatismus besitzt und repräsentirt, gegen den Antisemitismus erklärt und zugleich den jüdischen Mitbürgern das günstigste Zeugniß ausgestellt. Möge dies in ähnlichen Fällen anderen Provinzen und Ländern ein Vorbild sein. Einige Fragen und Semerkungen. IV. Unser Artikel unter obiger Rubrik in Nr. 30 hat uns eine ausführliche Zuschrift eines tüchtigen hessischen Lehrers eingetragen, der jedoch seinen Namen nicht genannt haben will. Nun, uns kommt es auf die Gründe, nicht auf den Namen an. Er spricht sich gegen den Normal-Lehrplan und die Inspektion aus. Würde derselbe den Bericht der IV. General- Versammlung des „Verbandes der Synagogen - Geineiuden Ostpreußens" vom 3. Juni haben lesen können, so würde er seine Gegengründe gegen die Inspektion, weil nur theoretisch, haben fallen lasten. Es ergiebt sich aus dem daselbst abgestatteten Berichte, wie wohlthätig eine Inspektion nicht bloß auf den Unterricht, sondern auch auf die Gemeinden selbst einzuwirken vermag, so daß sich die letzteren zu Verbefferungen bestimmen lasten, welche der Lehrer vergebens gefordert hätte. Ueberhaupt widerspricht sich unser Lehrer insofern selbst, als er, wie wir noch sehen werden, besonders verlangt, daraus hinzuwirken, daß die Gemeinden keine unqualificirten, aber wohlfeile Lehrer anstellcn. Wer soll und kann hierauf einwirken, wenn nicht die Inspektion, die den Gemeinden ihr schädliches Vorgehen cinsichtlich machen kann und Ansehen besitzt? Alsdann wendet er sich gegen unsre Ansicht über die Nothwendigkeit des systematischen Religionsunterrichtes und die Mangelhaftigkeit, wenn man sich auf den bloßen Unterricht in der biblischen Geschichte und daran angeknüpftcn religiösmoralischen Belehrungen beschränkt. Seine Gegengründe scheinen uns schwach. Er glaubt nämlich, daß diese Belehrungen, noch dazu, wenn sie auch an das Gebetübersetzcn geknüpft werden, vollständig genügen, um dem Schüler die Kenntniß des Judenthums zu verschaffen. Ties ist aber durchaus nicht der Fall. Tie an die biblischen Geschichten geknüpften Belehrungen können immer nur einzelne, zusammenhaugslose Vorstellungen hcrbeisühren. Alan erzählt von Abraham, von den Söhnen Jakobs und Joseph, von Moses, Samuel oder David und hebt da die Tugenden hervor, welche diese Gotteshelden in ihren Thatcn bewährt haben. Ties sind nur vereinzelte Strahlen, ein Kaleidoskop, das immer schöne Bilder bringt, ohne daß sie sich ineinandcrfügen und ein Ganzes bilden. Dies ist cs aber gerade, was wir als durchaus nothwendig verlangen, daß nach den ansteigenden Stufen der kindlichen 34*

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