Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1884)
- Date
- 1884-08-05
- Page
- Seite 512 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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512 so wird man einsehen, daß nichts lächerlicher sein kann, als jene so oft von ernsthaften Männern ernsthaft ausgestellte Behauptung. Bis dahin kann man aus diesem und dem früheren Lande über die Grundlosigkeit derselben sich unterrichten. Man vergleiche doch die jüdischen Hofgelehrten Friedrichs II., Roberts I. und Carls I. von Neapel mit ihren deutschen Glaubens- und Zeitgenossen! Bei jenen Biclseitigkeit der Bildung, höfisches Wesen, Toleranz, — bei diesen Einseitigkeit, Schwerfälligkeit, Unduldsamkeit. Jene waren eben Italiener, diese Deutsche. In Italien machten sich die Juden gerade so über ihre ungebildeten nordischen Glaubensbrüder lustig, wie die Christen über die dortigen Christen. Tie Römer nannten die Franzosen „dumm, bäurisch und ungelehrt, wie die unvernünftigen Thiere". Ter Mönch Benedict v. Ehiusi bezeichnet das Maß der Bildung in Frankreich als ein geringes, während er die Lombardei eine Quelle der Weisheit nennt. Patricia erzählt von Deutschland, daß er daselbst kaum Tinte zum Schreiben finden konnte. Aehnlich urtheilen Hillel b. Samuel und Serachja b. Jsak über die französischen und deutschen Juden. Der leichtbeschwingte, frivole Dichter Immanuel war nur in Italien möglich, nur Deutschland konnte den gemüthstiefen, grübelnden Juda Chassid hervorbringeu. Bis in das innerste religiöse Empfinden machen sich die localen Unterschiede geltend. S. D. Luzzatto hat die Bemerkung gemacht: „Das italienische Judenthum war immer orthodox und immer mehr oder weniger aufgeklärt. Dieses scheinbare Paradoxon ist vollkommen richtig und findet seine Erklärung in dem italienischen Christenthum, das ebenso von jeher äußerlich orthodox und innerlich aufgeklärt war. Dagegen genießen die Juden in Deutschland die stärkste Stütze. Mit einem Worte: Juden sind nicht überall schlechtweg Juden, und die in Italien unterscheiden sich von denen in Deutschland, wie die Italiener von den Deutschen. Eigenthümlich, wie in Lebens- und Denkungsart, erscheinen die italienischen Juden auch in der Wissenschaft. Auf Originalität können sie keinen Anspruch machen, neue Gesichtspunkte haben sie nicht eröffnet, ihre literarischen Leistungen bleiben, was ihren Gesammtwerth betrifft, hinter denen der Spanier und Franzosen zurück. Es ist kaum ein italienischer Autor zu nennen, der die Bedeutung eines Eck- und Marksteines erlangt hätte auf der Bahn, welche die Entwickelungsgeschichtc der jüdischen Literatur während des Mittelalters durchlaufen hat. Dennoch behaupten die italienischen Juden sowohl in der jüdischen wie in der allgemeinen Wissenschaft und Cultnr ihren Platz mit Ehren. Was ihnen an Originalität abgeht, ersetzen sie durch Vielseitigkeit, auf keinem Gebiete tonangebend, sind sie auf allen zu Hause. Die Anregungen, welche sie zumeist von Spanien aus empfingen, haben sie mit Glück verwerthct, das dort Begonnene haben sie geschickt und nicht ohne Selbständigkeit fortgebildet. Hauptsächlich aber liegt ihre Bedeutung für die Wissenschaft in ihrer vermittelnden Thätigkeit. Wie Italien im Mittelalter den Welthandel vermittelte, so bildete es auch, und dies ist vornehmlich den dortigen Juden zu danken, einen Stapelplatz für die literarischen Erzeugnisse des Ostens, welche von demselben aus nach den Ländern des Westens sich verbreiteten. Die bekannte indisch-arabische Fabclsammlung Kalila we-Dimna und das große medicinische Werk el-Havi des Muhammedaners Rhayes — um nur diese zwei für die Cultur und Wissenschaft überaus wichtigen Werke zu erwähnen, sind durch italienische Juden dem übrigen Europa zugänglich gemacht worden. Für den engeren Kreis ihrer europäischen Glaubensgenossen waren sie dadurch von Bedeutung, daß sie die Verbindung mit den Schulen von Babylon und Nordafrika unterhielten. Bon diesen Stammsitzen jüdischer Lehre gelangten für die Gesetzeskunde, die Geschichte und Wissenschaft des Judenthums wichtige Traditionen, Nachrichten und Auskünfte nach Italien und kamen von hier aus den Juden der nördlichen Länder zur Kenntniß. Durch ihre vermittelnde Thätigkeit nehmen die italienischen Juden Antheil an der Bedeutung und dem Ruhme, welche den spanischen Juden eine so hohe Stelle in der Geschichte der mittelalterlichen Wissenschaft auweisen. Spanien und Italien sind die beiden Verkehrsadern gewesen, durch welche dem übrigen Europa, als dasselbe noch von geistiger Nacht bedeckt war, das Licht des Ostens zugeführt wurde. Andererseits besteht doch ein wichtiger Unterschied zwischen den italienischen und spanischen Juden, und dieser wurzelt wiederum in localen Ursachen. Während die spanischen Juden das Gepräge der arabischen Cultur trugen, sind die italienischen die ersten Vertreter der westlichen Cultur unter ihren europäischen Glaubensgenossen. Denn diese hat ihren Ausgangspunkt in Italien. In den Klöstern und Bibliotheken Italiens wurden die geistigen Schätze des Alterthums aufbewahrt, hier glimmte während des Mittelalters gleichsam unter der Asche der Funke des Classicismus fort, der dann mit dem Anbruche der neuen Zeit zur Hellen Flamme angefacht wurde, welche die Finsterniß Europas erleuchtete. Das Wort, welches im Mittelalter unter den Juden umlief und die Bedeutung Italiens für das Judenthum ausdrücken sollte —„ von Bari geht die Lehre aus, und das Wort Gottes von Otranto" — cs findet auch seine Anwendung auf die heutige Cultur, deren Ausgangspunkt Italien ist. So innig ist die geschichtliche Bestimmung der italienischen Juden mit der Italiens überhaupt verwachsen, daß ein jüdisches Sprichwort, welches die erstere ausdrückt, auch die letztere zu kennzeichnen geeignet ist. Dieser Umstand genügt allein, um die Behauptung von dem vaterlandslosen Kosmopolitismus der Inden zu widerlegen. Die Geschichte lehrt, daß die Culturbestrebuugen der italienischeu Juden von denen der Italiener überhaupt nicht zu