Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1884)
- Date
- 1884-08-05
- Page
- Seite 511 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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511 Gegenstand ausführlicher Verhandlungen. Die Correspondenz belehrt uns, daß damals im Neapolitanischen, in Oberitalien, in Sardinien und Sicilien an vielen Orten jüdische Gemeinden vorhanden waren. In den späteren Jahrhunderten sind solche fast in allen bemertenswerthen Ortschaften Italiens anzutrefsen. Italien mag es sich zur Ehre anrechnen, daß es den Juden niemals ein so schlimmes Loos bereitet hat, wie die Judenlieder des deutschen Minnesingers Regenbogen (Bd. I. 142 s.) enthalten, hat schon der gute Geschmack der italienischen Dichter den Juden erspart. Endlich fällt der Umstand ins Gewicht, daß in Italien der Handel, diese Hauptquelle des Neides und der Mißgunst, nicht ausschließlich in den Händen der Juden sich befand. Die Christen! waren ebenso betriebsame Handelsleute. Im Wucher übersie in anderen Gegenden des Abendlandes erdulden mußten. Nicht als ob ihnen der Kelch der Leiden ganz erspart worden wäre. Aber wenigstens eine planmäßige und fortgesetzte Unterdrückung haben sie in Italien nicht erfahren. Es ist richtig bemerkt worden, daß Italien das einzige Land in Europa ist, das eine Judenverfolgung in großem Style nicht kennt. Andererseits ist die nicht minder richtige Bemerkung gemacht worden, daß in den meisten Städterechten Italiens die Juden entweder gar nicht oder in wohlwollender Weise erwähnt werden. In der That kann man viele von den Statuten, an welchen Italien so reich ist, durchblättern, ohne darin etwas von Juden zu finden. Dies ist für den Forscher unangenehm, für den Menschenfreund desto erfreulicher, denn es zeugt schon für eine gute Behandlung der Juden, wenn slügelten sie die Juden. In Italien wucherten Alle und mit Allem. Die alte Ansässigkeit der. Juden in Italien und die Stabilität ihrer Verhältnisse verfehlten nicht, ihrem Wesen den Stempel lokaler Eigcnthümlichkeit aufzudrücken. Man sagt häufig: „Juden sind überall Juden" und will sie damit eines vaterlandslosen Kosmopolitismus beschuldigen. Es ist dies einer von jenen Gemeinplätzen, aus welchen Unwissenheit und Denkfaulheit sich bequem nicderlassen und breit machen. Tie grundlose Behauptung, hundertmal widerlegt, wird immer von neuem vorgebracht, als ob eine Unwahrheit durch Alter ehrwürdiger und durch wiederholte Geltendmachung stichhaltiger werden könnte. Sollte es jemals dahin kommen, daß die Juden in Europa von ihrer Umgebung leidenschaftsman sie mit Stillschweigen übergeht. Die Ursachen der befieren Tage der Juden in Italien sind nicht weit zu suchen. Im Mittelalter zerfiel Italien in viele kleinere Gebiete, die Republiken waren eifersüchtig auf einander und standen mitunter in heftiger Fehde. Dieser Umstand kam den Juden zu Gute. Wurden sie aus einer Stadt verdrängt, so öffnete die andere ihnen ihre Thore. Bald auch besann sich die Stadt, welche sic ausgewiesen hatte, eines Besseren, je nachdem Eifersucht, Aussicht aus Portheil oder andere Gründe umstimmend wirkten, und gewährte ihnen wiederum Zulaß. Eine andere Ursache liegt in dem Umstande, daß die Geistlichkeit — wenigstens bis zum 15. Jahrhundert — in der Regel nicht darauf ausging, die Menge gegen die Juden aufzustacheln. Trat einmal ein geistlicher Hetzer hervor, so predigte er zumeist tauben Ohren. Italien, obwohl der Stamm- und Hauptsitz der Kirche, hat sich niemals durch besondere Kirchlichkeit hervorgethan und erwies sich geistlicher Einwirkung gegenüber von nicht geringer Sprö digkeit. Diese Erfahrung machte schon im 10. Jahrhundert der aus Lüttich stammende Bischof Ratherius von Verona. Er findet es „der Untersuchung würdig, wieso es komme, daß vor anderen, durch die Taufe wiedcrgeborenen Völkern gerade die Italiener Ucbertretcr der kirchlichen Satzung und Verächter der Geistlichkeit seien." Die Thatsache ist zuzugeben, die Juden batten sie nicht zu bedauern. Eine weitere Ursache ihrer besseren Lage ist die Haltung der nationalen Schriftsteller. Die Novellistik, welche die Mönche, die Cardinäle und selbst den Papst nicht verschont, streift die Juden nur mitunter, ohne sie zu verfolgen. Auswiegelude Gehässigkeiten, wie und vorurtheilslos studirt und ihrem Wesen nach auch nur so gut gekannt werden, wie man jetzt den Nordpol kennt J), 1) Dies ist wohl Angesichts des Tißa-Eßlarer Prozeßes und so mancher anderen Erscheinung der Gegenwart keine Ilebertreibung. Was man sich gegen Keinen erlaubt, über ihn zu urtheilen, ohne ihn zu kennen, dies scheint dem Juden gegenüber selbst Gelehrten ersten Ranges kein Unrecht zu sein. Sonst könnte ein Mann wie Paul de Lagarde nicht schreiben (Deutsche Schriften II, 27): „Die Alliance isnu'lite ist nichts als eine dem Freimaurerthume ähnliche internationale Verschwörung zum Besten der jüdischen Weltherrichaft, aus semitischem Gebiete dasselbe, was der Jesuitenorden auf katholischem ist: ihr bloßes Dasein erhärtet, daß die in Deutschland, Frankreich, England wohnenden Juden nicht Deutsche, Franzosen, Engländer, sondern Juden sind." Ferner (das. 23): „Diese Fremdheit betonen die Juden, welche den Deutschen trotz ihrer gleichgestellt zu werden wünschen, durch den Styl ihrer Synagogen alle Tage selbst ans die auffälligste Weise. Was soll cs bedeuten, Ansprüche auf den Ehrennamen eines Deutschen zu erheben und die heiligsten Stätten, die man hat, in maurischem Style zu bauen, um nur ja nicht vergessen zu lassen, daß man Semit, Asiat, Fremdling ist?" Wie oft soll es denn noch gesagt werden, daß die Alliance israclite nur ein Hilfsverein ist zum Schuhe unterdrückter Glaubensgenossen. Picht um Herrschaft handelt es sich diesem Vereine, sondern um Erlösung aus der Knechtschaft. Versündigt sich denn etwa der französische, deutsche, englische Jude gegen sein Vaterland, wenn er sich dafür begeistert und einsetzt, daß sein russischer Glaubensgenosse nicht todtgeschlagen wird? Tie Alliance israclite ist ein Verein wie der Gustav Adolf-Verein, der deutsche Schulverein u a. und hat mit der Politik nichts zu schaffen. Was aber den maurischen Styl mancher Synagogen betrifft, so ist es geradezu komisch, den Juden deswegen den Vorwurf der Fremdheit zu machen Was haben d'e Juden mit dem maurischen Styl gemein? Ist er denn jüdisch oder^haben ihn je die Juden für den ihrigen erklärt? Eine der ältesten Synagogen, die in Prag, ist romanisch-gothisch. Ter maurische Styl ist der absonderliche Einsall christlicher Architekten gewesen, welche denselben für Synagogen passend erachteten. Seitdem jüdische Archi'ekten herangebildet sind und Synagogen bauen, siud^solche, wie in Breslau und Hannover, in romanisch-gothisehem Style hergestellt. In d'r That,'Herr de Lagarde ist über die Verhältnisse de-s Nordpols gewiß besser unterrichtet, als über die Anschauungen und Bestrebungen der jetzigen Juden. 32*