Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1884)
- Date
- 1884-08-05
- Page
- Seite 509 (sequence 9)
- Language
- German
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Turek, 18. Juli. (Privatmitth.) Wie sehr die Der-! hältniffe innerhalb der jüdischen Gemeinden in Rußland und: Polen durch Aushebung der Mahals verkümmert sind, kann man daraus entnehmen, daß jetzt erst wieder an manchen j Orten Krankenverpslcgungs-Vereine (liiccur CLolim) entstehen, | So z. B. in Zgiersch (Gouv. Petrokow) durch die Bemühungen des Herrn Jos. Schwarz; dem Vereine sind be-! reits 110 Mitglieder beigetreten, darunter drei Christen,! nämlich zwei Aerzte und ein Apotheker, von denen die beiden ' ersteren zu unentgeltlicher Behandlung der Armen, der letztere' zu 150 Prozent Rabbat für alle Medicamente sich verpflichtet! haben. Möge dieses schöne Beispiel recht viele Nachahmung finden. — Es ist jetzt offenbar geworden, daß es die scheußliche Methode der Antisemiten ist, auf hinterlistig angelegtem Wege Prozesse, wie der von Tißa-Eßlar, zu bewirken. Ties hat sich jüngst in Bialystok wieder offenbart, wenn auch hier die, welche eine Grube gegraben, selbst hincinfielen. Ein junges Dienstmädchen bei einer jüdischen Familie verschwand eines Abends plötzlich und konnte nicht ausgefunden werden. Als.balv bezeugten die Nachbarn, am Albend ein lautes Hülfegeschrei aus dem jüdischen Hause gehört zu haben. Der Pöbel rottete sich zusammen, plünderte das Haus der jüdischen Familie rein aus und mißhandelte diese. Die Polizei, um das Volk zu beruhigen, führte die Familie ins Gefängniß und stellte mit aller Anstrengung Recherchen nach dem Mädchen au. Dies wurde denn auch in einem entfernten Dorfe bei einer Herrschaft gefunden. Eidlich vernommen, sagte es daun aus, daß die Nachbarn ihr eine! große Belohnung versprochen, wenn sic sich plötzlich entfernte und eine längere Zeit verborgen bliebe. Jetzt wurden die Juden sreigelassen und jene Nachbarn, sowie mehrere der Plünderer dem Strafgericht übergeben. — Aus Kremcutsch ug erhält man die Nachricht, daß bei einem gegen die Juden gerichteten Tumulte diese sich zusammcuthaten und die Tiunultuanten tüchtig durchbläuten, auch mehrere verwundeten, bis die Polizei dem Kampfe ein Ende machte. — In K iew wäre aus dein Streite zweier Fischweiber, die eine Christin, die andere Jüdin, beinahe abermals ein Tumult entstanden, wenn nicht ein Hauptagitator der Antisemiten das Volk beruhigt hätte, indem er ihm zuricf: Es wäre noch nicht die Zeit gekommen, gegen die Juden anszustehen; mau solle warten, bis das Zeichen dazu gegeben würde. Mau kann sich denken, daß die dortigen Inden hieraus nur Nahrung für die peinlichste Besorgnis; ziehen. Einstweilen ist jenes jüdische Weib um ihren ganzen Fischvorrath von 150 Pud gekommen. — In Reval hat von polizeilicher Seite wieder eine Ausweisung der nicht berechtigten Juden stattgesuudeu, in Folge derer über 200 die Stadt verlassen mußten. — In Nischuy-Nowgorod ist die Behörde geheimen Arbeiter- Versammlungen auf die Spur gekommen, welche Exeesse gegen die Juden beriethen. Der Gouverneur Baranow leitete die Haussuchungen selbst und fand soeialistischc und antisemitische Schriftstücke auf, woraus viele Verhaftungen stattsanden. Moses Feinkind. Nmnänien. Bukarest, 15. Juli. Gegenüber dem traurigen Loose, welches das neue rumänische Hausirgesetz oder vielmehr Hausirverbot einer großen Zahl jüdischen Familien bereitet, setzt das hier zusammcngetretene Comit5 seine Bemühungen fort, den brodlosen Familien die Auswanderung zu ermöglichen. Bis jetzt sind 760 Familien expedirt worden. Sie gehen meist nach Bulgarien und Serbien, wo sie ohne Schwierigkeiten ausgenommen werden; außerdem nach Amerika und besonders hat die Regierung von Mexico jüngst günstige Anträge gestellt, den jüdischen Auswanderern die Niederlaffung in Mexico zu ermöglichen. Palästina. Saffed, im Juli. Die Redaktion wird ersucht zu veröffentlichen: Aufruf an edle Menschenfreunde. Die Stadt Saffed in Palästina mit vielen Tausenden von Einwohnern, unter welchen 1,500 arme Familieu-Väter nebst Frauen und Kindern, die hieher von Rumänien durch die letzten Judenverfolgungen geflüchtet sind, darunter 3o°» „ Wittwen und Waisen, besitzt weder ein Hospital noch ärztliche Hilfsmittel, so daß die Roth bei häutig ausbrecheuden Krankheiten unbeschreiblich ist. Ueberhaupt herrscht in der Rumänischen Gemeinde große Armuth und Elend, der Kamps mit Hunger, Durst und Kälte ist für einen Europäer sehr schwer. Mit Genehmigung des hohen auswärtigen Amtes des Deutschen Reiches haben wir von Seiten des Kaiserlich deutschen Consnlatcs für Palästina die Summe von 600 Franc für unsere Gemeinde erhalten. Dies ist natürlich nicht hinreichend, und sind wir nicht in der Lage den Armen ganz unentgeltlich Mediein zu reichen, da von dem Erlös der Arzneimittel immer frische! angckauft werden müssen. Wir ersuchen deshalb Gemeinde - Vorsteher, Rabbiner und Prediger in ihren Bezirken zur Unterstützung unserer armen Gemeinde „Rumänien", zum Zwecke der Vergrößerung unserer Deutschen Apotheke vielleicht zur Erbauung eines Krankenhauses) Sammlungen veranstalten zu wollen, bei welcher jede kleinste Gabe mit Tank angenommen werden wird. Wir hegen die Hoffnung, daß das Unglück, welches unsre Rumänische arme Gemeinde betroffen hat, jedem Ein zelnen tief aus Herz gehen werde, daher Niemand sich eines Beitrages entziehen wird. Wir bemerken, daß von Seiten