Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1884)
- Date
- 1884-08-05
- Page
- Seite 508 (sequence 8)
- Language
- German
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508 hat. Bei dieser Wahl stand an der Spitze der liberalen! verbreitetsten und einflußreichsten russischen Organe, sich über Candidatenliste Bischoffsheim, der Sohn des sel. Senators, die traurigen Vorgänge in Nischnij-Nowgorod ausgelassen und erhielt deshalb die allermeisten Stimmen. Allerdings I hat. Wir entnehmen deshalb ihrem Artikel Folgendes: Die wird durch diese Wahl der klerikalen Partei die Stimmenmehrheit im Senate nichts entzogen. Allein der moralische Eindruck war doch ein sehr großer und hat die Stimmung der liberalen Partei wieder gehoben. — Bon der Friedhofs - frage hört man bis jetzt noch nichts. Frankreich. Marseille, 17. Juli. Auch in Constantine versuchte man Krawalle gegen die Juden in Scene zu setzen. Die Behörden waren auf ihrer Hut, demonstrirten mit dem Militär und cs blieb Alles ruhig. Algier, 20. Juli. Ueber die jüngsten Krawalle und deren Ursachen schreibt man: Die jüngsten Prügeleien zwischen etlichen französischen und jüdischen Bewohnern Algiers entbehrten — wie ans Algier geschrieben wird — in der That nicht des politischen Hintergrundes, jedoch nicht im Sinne der landläufigen antisemitischen Tendenzen. Die jüdischen Bewohner Algiers, welche im Gegensätze zu den arabischen und kabylischen Jndigenen zur Belohnung für ihre stete Anhänglichkeit an Frankreich seit vierzehn Jahren die gleichen politischen Rechte mit den in Algier geborenen oder dahin übersicdelten Franzosen besitzen, sind nämlich den radikalen Clubs Algiers zu conservativ und deshalb ein Dorn im Auge. Insbesondere zürnten die Algierer „Rothen" den unisono regierungsfreundlicher Juden Algiers für deren prononcirte Stellungnahme bei den jüngsten Munizipalwahlen und einige lokale Zufälligkeiten verursachten den jüngsten krawallmäßigen Ausbruch der tropisch erhitzten Geinüther. In französischen Regierungskrcisen beschäftigt man sich gegenwärtig mit den Mitteln, diese dem Interesse des Mutterlandes zuwiderlaufende Entzweiung jener beiden Elemente zu sanircn, welche in gleichgiltigcr oder feindseliger Umgebung Frankreichs Interessen vertreten, oder dies zu thun berufen wären. Am wahrscheinlichsten ist die dem Fortschritte, dem Liberalismus, sowie dem Wunsche der Kammern in gleicher Krawalle in Nischnij-Nowgorod entkräften vor Allem die sich so häufig wiederholenden Behauptungen, daß die im Süden Rußlands stattgefundenen Krawalle durch die Juden, „welche in Neu-Rußland Alles in ihre Hände gerafft haben", hervorgcrufen worden wären. Das kann man von Nischnij-Nowgorod nicht mehr sagen. In Kunawino lebten nur einige jüdische Familien, doch wären ihrer dort noch so viel gewesen, Niemand wird sagen, daß die Juden im Lande der Groß-Russen, wohin sie nur zufällig als Soldaten, Handwerker und selten als Kaufleute erster Gilde gerathen. Alles in ihre Hände gerafft haben. Niemand wird die Nischni-Goroder Krawalle damit erklären, daß die Juden durch ihre Exploitirung des großrussischen Landes das Volk endlich dazu brachten, daß dasselbe die Geduld verlor . . . Indessen plündert man in Nischnij-Nowgorod die Juden ebenso wie im Süden, ja noch ärger, man ermordet Männer, Frauen und Kinder. Wenn dem so ist, dann können die angeführten Erklärungen auch nicht auf andere Krawalle angewendet werden. Man schlug die Juden einfach deshalb, weil irgend Jemand rief: „Hau' zu." Hierauf weist das Blatt darauf hin, daß cs eine Verpflichtung der christlichen Geistlichkeit sei, das Volk über das Wahugebilde der Blutbeschuldigung aufzuklären und cs aus dem Volksbewußtsein hinauszuschaffcn. Es sagt: Aus diesem Grunde eben sind eher als die Bestrafung der Schuldigen Maßregeln der Aufklärung und Zurechtweisung des Volkes nothwendig, daß die Juden nie christliche Kinder tödten, daß diese Beschuldigung falsch und böswillig sei. In dieser Beziehung könnten die heilige Synode und die Eparchial-Bischöfe, ebenso wie die weise Geistlichkeit durch Anweisungen und Belehrungen viel beitragen zur Hintauhaltung von weiteren jüdischen Krawallen im Süden. Ueberdies kann auch das Gesetz selbst, welches das Wohnrecht der Juden auf einen bestimmten Strich des Reiches beschränkt, das Volk unwillkürlich vcranlaffcu, die einzelnen hinter diesem Striche auftauchcuden Juden als irgendwelche Parias und Verletzer des Weise entsprechende Neuerung, auch die verläßlichsten, d. h. Gesetzes zu betrachten. Die Familien der jüdischen Soldaten, gebildeteren Elemente der mohammedanischen (arabisch-kabylischcn) Eingeborenen zur Ausübung der französischen Verfaffungsrechtc heranzuziehcn. Man hofft nämlich, daß die „Rothen" und die Gemäßigten (zu welchen die "Algierer Juden gehören) durch das Auftreten solcher neuer, zur Theilnahme an republikanischen Bürgerrechten berufenen Schichten das Bedürfnis; fühlen werden, sich besser zu vertragen. Nnßland. Petersburg, 14. Juli. Wir haben schon erwähnt, mit welchem "Nachdruck die hiesige Nowosti, eines der größten, die jüdischen Handwerker haben das Recht in großrussischen Gouvernements zu leben, das Volk iutercssirt sich aber nicht darum, was in deren Pässen steht. Es weiß nur so viel, daß der Jude kraft des Gesetzes ein nicht gleichberechtigtes Wesen ist, es weiß, daß das Wohnen in den inneren Gouvernements den Juden verboten ist. Wie unterstehen sic sich also in Nischnij-Nowgorod oder Kostroma zu leben? Von Palliativmaßrcgeln in Bezug auf die Krawalle kann nicht einmal die Rede sein. Das einzige Mittel gegen dieselben ist — die Abschaffung der Ausnahmsstellung der Juden und die Gleichberechtigung derselben mit der Stammbevölkerung.