Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1884)
- Date
- 1884-08-05
- Page
- Seite 505 (sequence 5)
- Language
- German
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505 mit vollem Bewußtsein geltend gemacht und von den maßgebendsten Lehrern als der Kern der mosaischen Lehre angesehen wurde, geht erstlich aus jener talinudischen Erzählung hervor (Sabbath 31), wonach Hillel einem Heiden, der in der denkbar kürzesten Frist die Lehre des Judenthums kennen lernen wollte, die Antwort gab: „Was dir verhaßt ist, thue deinem Nächsten nicht! Das ist die ganze Lehre, alles Andre ist Erklärung. Nun gehe hin und lerne!"" — sodann aus der Discussion, die zwischen den Mischnahlehrern Akiba nicht etwas Unnatürliches, Unerfüllbares fordern? Ich denke doch. Darum kommt Ben-Asai und giebt dem Aufbau des mosaischen Sittengesetzes noch eine universalistischere, in gar keinem Falle einzuschränkende Grundlage, nicht in der Menschenliebe sondern in der Menschenachtung. „In seinem Ebenbilde schuf Gott den Menschen", er hat ihn mit Vernunft und Willensfreiheit begabt, wodurch dieser ein endliches Abbild seines unendlichen schöpferischen Urbildes geworden, und i als solches geachtet und werihgeschätzt werden muß. Und und Ben-Asai stattgefunden (Sifra zu Lev. li), 16?, wobeij der eine das Bibelwort: „„Und du sollst deinen Nächsten! lieben wie dich selbst"" als das Fundament der Lehre be-, zeichnete, während der andere in dem Verse der Schrift! „„Dies ist das Buch der Entwickelung des Menschen, am! Tage, da Gott schuf den Menschen — int Ebenbilde ©ottc»1 schuf er ihn,"" eine noch bedeutsamere Offenbarung auf dem! Gebiete des Sittlichen erblickte, weil in dem Satze „ „im Ebenbilde Gottes schuf er ihn"" noch unzweideutiger als in dem Gebote „„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst"" bic j universalistische Richtung des mosaischen Sittengesetzes zum Ausdruck gekommen sei." — Da drängt sich uns die Frage j auf: da das Gebot der Nächstenliebe sich auf alle Menschen! ohne Unterschied der Abstammung (Nationalität), der Religion und des Standes bezieht, wie könnte in dem Satze „im Ebenbilde Gottes schuf er den Menschen" eine universalistische Richtung des mosaischen Sittengesetzes noch unzweideutiger ausgedrückt sein? Enthält denn aber dieser Satz überhaupt das Gebot der Liebe? Und danach ist die Behauptung ganz richtig, Ben-Asai habe durch Hervorhebung dieses Satzes dem mosaischen Sittengesetze eine universalistischere Richtung in ganz bestimmter Weise geben wollen. Dieses wird uns klar, wenn wir Folgendes in Erwägung ziehen. Tie Liebe hat ihre Basis im menschlichen Gemüthe, sie ist ursprünglich ein Gefühl der Hinneigung zu andern endlichen Wesen, in denen der Mensch Seinesgleichen, seine Genossen, seine Nächsten, erblickt und bei denen er dieselbe Hinneigung zu sich voraussetzen kann, und so bildet sie die geheimnißvolle gegenseitige Gravitation unter denselben. Und das göttliche Wort heiligt dieses Gefühl und gebietet dem Menschen seinen Willen danach zu lenken und die Liebe in Wort und That zu verwirklichen; und indem es hinzugefügt „wie dich selbst", verleiht es ihrer Beschaffenheit die rechte Tiefe, die intensive Kraft. — Allein wie steht es um die Feindesliebe? Können wir auch diejenigen, die nicht nur keine Zuneigung zu uns empfinden, sondern, erfüllt von Haß und Rache, uns an Leib und Gut zu schädigen trachten, lieben im eigentlichen Sinne des Wortes? Können wir uns zu ihnen hingezogen fühlen? Und können wir auch arge Verbrecher, grausame Verfolger unschuldiger Menschen, lieben? Und würde ein Gesetz, das unsre Liebe gegen Solche von uns verlangte. diese allgemeine Menschenachtung find wir auch unsren Feinden schuldig und müssen sie erforderlichen Falls bezeugen, ja selbst argen Verbrechern, denn auch in diesen sind Züge jenes Urbildes vorhanden, die ihnen eine Würde verleihen, die wir achten müssen. Darum hat im jüdischen Staate, wenn vom Richter irgend Jemanden wegen eines Vergehens körperliche Züchtigung zuerkannt, ein gewisses Strafmaß nicht überschritten werden dürfen, „damit Sein Bruder nicht entwürdigt werde in deinen Augen." - Und dem Feinde gegenüber gebietet die Schrift: „Wenn dir der Schs deines Feindes herumirrend begegnet, so sollst du ihn ihm wieder znrückbringen", womit sie sagen will, daß man die Rechte seines Nebenmenschen, selbst seines Feindes, auch sein Eigenthum achten und schätzen muffe. Außerdem giebt es in derselben viele gesetzliche Vorschriften , die uns Gesinnungen und Handlungen gebieten, in welchen wir unsere Menschenachtung bezeugen sollen, manche geschichtliche Erzählungen, in welchen die Menschenachtung als etwas Gottgefälliges veranschaulicht wird, und manche Sprüche, welche uns die Menschcnachtnng als weise Lebensregel empfehlen. Darum hat Ben-Asai mit Recht dieselbe als die sicherste Grundlage des mosaischen Sittengesetzes anerkannt?) — ]) An merk. In Fichte's Stiftern der Siltenlehre III Abschnitt, -21 heißt es: „In dem Widerstreit der Personen ist auch die Feindschaft enthalten. Tie christliche Siltenlehre sagt: „liebe deine Feinde!" Unter dieser i^iebe kann nicht die gemiiihliche Aeignng. auch nicht die bloße öand lunge-weise c Behandle sie, als ob dn sie liebest! sondern nur die sittliche Besinnung verstanden se>n. Tie sittliche Gesinnung schließt überhaupt die Empfindung der persönlichen Feindschaft aus. Unter dem sittlichen Gesichtspunkte erkennt Feder den Andern als Werkzeug des Sillengeseßes: unter diesem Gesichts punkte giebt es überhaupt keine Feindschasr. TaS Sitteugesch sagt nicht: „Hiebe deine Feinde!" sondern es sagt: „Du sollst keinen Feind haben d. h. du sollst keinen als Feind anseheu." Wer eine Beleidigung hoher empfindet darum, weil sie gerade ihm widerfahren ist, der sei sicher, daß er ein Egoist und noch weit entfernt ist von wahrer moralischer Gesinnung." — Tennoch dürften wir einen Menschen, der fortwährend bestrebt ist, uns zu beleidigen lind zu erniedrigen, uns an p'eib und Gut zu schädigen, nicht als nnsern persönlichen Feind, sondern blos; als ein ungefüges WerlFeug des SiltengeseßeS anfehen. Allein zu dieser >ööhe des philosop'aischcn Gedankens vermag sich nicht jeder Mensch zu erheben, es ist nicht Jedermanns Sache. Aber an einen jeden gmdeiikeiiden und pflichtmäßig handelnden Menschen kann die Forderung gerichtet werden: achte deinen Feind als ein veruünflig - freies Wesen, achte ihn und seine Rechte! M.