Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1884)
- Date
- 1884-08-05
- Page
- Seite 504 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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504 Inspiration aus dem offiziösen ungarischen Abendblatte holen, I bilden das Echo und wiederholen in allen Tonarten: „Die Anlisemitenpartei ist eine Gefahr." . . . Wir erklären gleich von vornherein, daß wir die Antise-! mitenpartei nicht für gefährlich, sondern höchstens für lächerlich halten und sprechen unsre Ueberzeugung dahin aus, daß diese Partei im nächsten Reichstage nicht nur keine Rolle spielen, sondern auch in ihrer gegenwärtigen Gestalt zu existiren aufhören wird. Die Antisemitenpartei besitzt kein Programm, obwohl sie vor Kurzem eine Art von zehn Geboten publizirt hat, in welchen ihr Glaubensbekenntniß niedergelegt war. Dieses sogenannte Programm kann selbst mit dem besten Willen nicht ernst genommen werden. Es ist, wie Hamlet sehr! pietätlos gesagt, ein „geflickter Lumpenkönig", weder Fisch noch Fleisch und hat einige Punkte aus dem Programme der oppositionellen Parteien entlehnt, ohne die Quelle zu zitiren, obwohl das neue Gesetz über das geistige Eigenthum dies vorschreibt. Wenn nun auch die von hier und dort entlehnten Forderungen an und für sich berechtigt erscheinen, so wird doch der eine oder der andere Programmpunkt aufgehoben oder unmöglich gemacht. Wer das Programm liest, wird sehen, daß die Antisemiten Demokraten sein wollen, aber gegen das Grundprinzip der Demokratie verstoßen, indem sie die Juden von der allgemeinen Gleichheit ausschlie-, ßen; er wird weiters erfahren, daß die Antisemiten den kleinen Gewerbsmann auf der einen Seite schützen wollen, indem sie seine Lage zu verbeffern beabsichtigen, auf der! anderen Seite aber ihn schädigen, weil sie im Prinzipe aus-! sprechen, daß gewisse Schulden nicht klagbar sein sollen,, und schließlich wird der objektive Beobachter gestehen müsien, daß die Antisemiten Demokraten, gemäßigte Liberale, Agrarier, Hochtories und Kommunisten gleichzeitig sein wollen. Ein solches politisches Programm wie das der Antisemiten kann keinen Anspruch darauf machen, ernsthaft besprochen' zu werden, zumal jene siebzehn Herren, welche sich zu diesem Programme bekennen, untereinander entschieden politische Gegner sind. Viktor Jstöczy, der begabteste unter den siebzehn Reisigen, ist im Herzen ein Anhänger der Regierungspartei und würde, wenn er nicht den bekannten Konflikt mit Moritz Wahrmann gehabt hätte, noch heute die Reihen der Regierungspartei zieren. Gvza Onödy ist ein enragirter Anhänger der äußersten Linken und seitdem er seinen Prozeß in Tißa-Eßlar verloren hat, der erbittertste Feind der gegenwärtigen Minister, selbst des Justizministers. Ivan Simonyi hat bei dem Antisemitenkongreß in Dresden den biederen deutschen Spießbürger in der Stadt Preßburg gespielt und erklärt, daß man ihn mit Gewalt magyarisiren wolle, Sigmund Csatär möchte dagegen alle Deutschen in einem Löffel Zuckerwaffer — er ist nämlich sehr weichherzig — ertränken. Hier tritt ein Mitglied der Antisemiten für das Guizot'sche „Enriehissez vous“ ein, dort plaidirt Einer für Redlichkeit und Rechtlichkeit in der Verwaltung, ein Dritter will eine gemeinsame Armee und ein Vierter fordert endlich die Zweitheilung des Heeres. Mit einem Worte, es ist das eine Gesellschaft, die ihrem ganzen Wesen gemäß nach Deutschland gehört, denn dort werden, wenn irgendwo sechs Personen zusammenkommen, sofort ein Präsident, ein Vizepräsident und zwei Schriftführer gewählt und hierauf wird konstatirt, daß die sechs Mitglieder mindestens sieben verschiedene Ansichten haben. Eine solche Vereinigung ist jedenfalls recht drollig. Es wird daraus mit der Zeit ein amüsanter Spielklub oder ein Liebhabertheater werden, aber eine politische Partei kann nimmermehr aus der Vereinigung von Elementen erstehen,! die von einander geschieden sind, wie das Oel vom Waffer. i Und weil wir schon bei diesem Vergleiche sind, wollen wir! in Paranthese bemerken, daß die leichteren Elemente in der sogenannten Antisemitenpartei immer obenauf sein werden. Gerade jene Personen, welche die Antisemitenpartei am liebi sten aus ihrer Mitte weisen möchte, werden die öffentliche I Meinung beschäftigen und dadurch nicht nur die Partei selbst,! sondern auch jedes einzelne Mitglied derselben kompromittiren. j Man braucht keinen prophetischen Blick zu haben, um all das prognostiziren zu können; es gehört dazu nur etwas Objektivität. Die Antisemitenpartei wird „ sie muß sich innerhalb einer kurzen Zeit auflöscn. Denn sie ist als politische Partei ein Nonsens. Personen mit so verschieden gearteten politischen Ansichten können nicht gemeinsam ein politisches Ziel verfolgen, und eine Partei, die auf solch schwankender Basis ruht, muß über kurz und lang in die Brüche gehen. Deßhalb erblicken wir auch in dem kleinen Fähnlein, das der Regierungspartei einen solchen Schreck einzuflößen scheint, keine Gefahr für Ungarn. Unser Vaterland hat andere Gefahren überwunden, als eine in ihren Absichten und Plänen ganz unklare Antisemitenpartei cs sein könnte und es wird auch die kuriose Zeit überdauern, in welcher es Antisemiten und was ebenso seltsam ist, Philosemiten gegeben hat. Menschenliebe — Meuschenachtung Bon M. Mannheimer. Darmstadt, im Juli 1864. In der Allg. Ztg. d. Judenth. vom 3. Juni a. c. wird die „Begründung" mitgetheilt, die der an eben diesem Tage zusammengetretene Rabbinerversammlung beantragten „Erklärung" beigefügt worden, und darin kömmt folgender höchst wichtiger Passus vor: „Daß aber diese allgemeine Tendenz