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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-08-05 · Heft 32 (5.8.1884) · p. Seite 502

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 32 (5.8.1884)
Date
1884-08-05
Page
Seite 502 (sequence 2)
Language
German
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Weise. Als aber thcils die Polemik, theis Schulzwecke, eine systematische Darstellung der israelitischen Religionslehre; nothmendig machten — wir erinnern an I. Wolf, Gotthold | Salomon, Joelson, Peter Beer — gerieth man in einen! anderen Irrweg, indem man sich dem protestantischen Muster anschmicgte, nach demselben „die Glaubens- und Sittenlehre", | die eine von der anderen ganz unabhängig, behandelte,j selbstverständlich mit den nöthigen Modifikationen. Diesem! Beispiele folgten alle Lehrbücher. Und doch war hierbei der I Biosaismus und Prophetismus im innersten Wesen verletzt. Der Mosaismus beruht auf der Identität der Lehre und des Lebens; er zieht als Consequcnz aus seiner Gotteslehre zuerst das Gesetz von der gesellschaftlichen Ordnung, von der staatlichen Ordnung und verkündet da die großen Prinzipien des Rechtes, der Gleichheit Aller vor dem Gesetze, der persönlichen Freiheit, der Gewerbefreiheit, der allgemeinen Steuer und Wehrpflicht :c. Erst aus diesem Grunde erwächst ihm das Sittengesetz für das Individuum. Das ist ihm vom gesellschaftlichen Sittengesetz so abhängig, wie das letztere von der Gotteslehre. In derselben Weise hat der Prophetismns in ethischer Beziehung immer zunächst die Gesellschaft, den Staat im Auge. Es lag hingegen in der Natur der Lyrik und der Spekulation, die Stimmungen, Leidenschaften und Gedanken des Individuums auf dem religiös sittlichen Boden zu entwickeln, wie dies in den Chethubim geschehen ist. Ganz anders nun das Christenthum: es erkannte nur eine Religion des Individuums an, verlegte die Gesellschaft, den Staat ganz außerhalb der Religion, und wies ihm ein selbständiges, unabhängiges Leben an. Der Stifter der christlichen Religion hat selbst gesagt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt"; er wollte also seine Anhänger für eine Welt erziehen, die nicht „von dieser Welt" ist, so daß „diese Welt mit jenem „Reiche" gar nichts zu thun hat. Ebenso unterschied er zwischen dem, was man dem Kaiser und dem was man Gott zu geben habe und endlich wird der passive Gehorsam gegen die Obrigkeit gelehrt, unbedingt wer sich auch an die Spitze des Staates gestellt habe. Daraus floß denn, daß die Bearbeitung des Sittengesetzes, noch dazu bei den Protestanten, sich auf die Pflichten des Individuums beschränkt, auf die Tugenden, die das Individuum sich anzueignen, die Fehler und Laster, die cs zu vermeiden hat. Diesem Muster folgten, wie gesagt, die jüdischen Lehrbücher, ließen somit den größten Theil dessen, was die Thora und die prophetischen Bücher ausfüllt, unbeachtet und setzten die große Forderung der Religion Israels außer Augen, daß Gesellschaft und Staat ebenso den Gesetzen der Sittlichkeit, wie das Individuum unterworfen sei, ja daß es unübersehbar wichtiger sei, daß die Gesellschaft von den großen Prinzipien des Rechts durchdrungen und beherrscht ,ei, als Vorschriften für das sittliche Leben des Individuums zu geben. Nachdem aber Salvador in seinen „Mosaischen Institutionen" diese großen Prinzipien erörtert und nachgewiesen hatte und wir in unseren „Vorlesungen" die Consequenzen gezogen und in zahlreichen Leitartikeln zum allgemeinen Bewußtsein gebracht: stellten wir in unsrer „Aussührlichen Religionslehrc" (Band III) systematisch auf dem Grunde der „Heiligung" die „Heiligung in der Gesellschaft" und die „Heiligung des Individuums" nach dem mosaisch-prophetischtraditionellem Gesetze dar, so die mosaisch-prophetische Idee in ihrer Ganzheit wieder herstellend. Hierdurch ist der israelitischen Sittenlehre eine Erweiterung und Vertiefung gegeben und ermöglicht worden, welche den belebendsten Einfluß zu üben vermag, und die doch so ganz mit deren innerstem Wesen congruent ist. Wir wissen sehr wohl, daß es noch lange dauern wird, bis man den bisherigen Schlendrian verlassen und sich der erforderlichen Anstrengung hingcbcii wird. Aber unterdeß haben sich diese Ideen schon so viel Verbreitung und Anerkennung verschafft, daß auch die Lehrbücher nicht länger werden Zurückbleiben können. Für die fortschreitende Jugend aber werden auf diesem Wege die erhebendsten Aussichten eröffnet und ein dauerndes Ehrfurchtsgefühl für die uralte Ethik des Jndenthums geweckt. Aber auch die Lehre an sich umschließt ein Brachfeld, deffen treue und gemiffenhaftc Bearbeitung eine Fülle religiöser Unterweisung zu Tage zu fördern vermag und wesentliche Lücken auszufüllen bestimmt ist. Wir meinen: die Erforschung der im mosaischen Cultus symbolisch ausgeprägten Ideen. Das Heiligthum, wie das ganze Rituale, ist nur die Hülle der dem Offenbarungswerke einwohnenden Ideen. Unsere Aufgabe ist cs, überall diese symbolisch eingehüllten Ideen zu erforschen und herausznlösen, selbstverständlich unter Beobachtung der höchsten Sorgfalt und Gewiffenhaftigkeit und unter Festhaltung der Andeutungen, die das h. Wort selbst giebt. Gehet dieses darauf hinaus, die wahrhaften Lehren vom einigen, unkörperlichen, unsichtbaren Gotte dem Menschen klar und einfach zu übergeben, und diesen durch sittliche Vervollkommnung und Heiligung an diesen Gott heranzubringeu, dann stellt sich uns hier eine abgegrenztc, sichtlich bestimmte Form einer Gottesstättc und darin vollbrachter ritualer Handlungen dar. Wir sind deshalb genöthigt, anzunehmen, daß zwischen jenen einfachen Wahrheiten und diesen bestimmten Formen eine innere Uebereinstimmung, ein innerer Zusammenhaug bestehen muß, die nun aufzusuchcn und zum Bewußtsein zu bringen, unsere Aufgabe ist. Indem wir nun hiervon einen kurzen Abriß zu geben gedenken, müssen wir betreffs der ausführlichen Untersuchung und Begründung auf unseren Commentar zu den betr. Stellen der Thora von 2 Mos. Kap. 25 an verweisen. Es versteht sich, daß wir nicht im entferntesten glauben, die Untersuchung abgeschlossen zu haben, oder daß unsere Ergebnisse unbedingt

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