Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-07-29 · Heft 31 (29.7.1884) · p. Seite 496

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 31 (29.7.1884)
Date
1884-07-29
Page
Seite 496 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227501-3227533--41911-3310427
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

496 ja der, von dem die Schrift sagt: onow meod mikkol hoodom, , wird Moscheh „rabbenu" (unser „Lehrer") genannt. Er sei uns in der Bescheidenheit ein Muster. Uebrigens sei der^ Titel Prediger die Bezeichnung für einen akademisch gebil-; dcten Theologen und niemand, auch keine Cultusgemeinde habe das Recht, Titel zu verleihen, nur eine königliche Bej Hörde. Recht drastisch führte Spier-Bocholt ein Beispiel von der Titelsucht eines Lehrers an. — Abel-Kerpen regt die vom Gemeindcbund aufgeworfene Frage der beabsichtigten Einführung von Inspektionen an. Die allgemeine Stimmung war nun die entschiedenste Ablehnung dieses Vorhabens. Sehr richtig bemerkte ein Redner, wir haben schon einen Localschulinspector, einen Krcisschulinspector, pp. und nun noch einen Gcmeindebundinspector! Mancher Lehrer, der nur wenig Schüler hat, könnte bald mehr Vorgesetzte haben als Schüler. Der gewissenhafte Lehrer ist der beste Schulinspcctor selbst, und wer nicht gewissenhaft ist, dem Helsen alle Jnspectoren nicht. Und werden die Regierungen solche Nebeninspectionen sich gefallen lassen? Herr Dr. Wolf spricht zum Schluß der Conserenz nochmals seine Freude darüber aus, daß die noch junge Duisburger Gemeinde nun doch auch einmal Gelegenheit gehabt habe, das Rathen und Thaten der strebsamen jüdischen Lehrer zu beobachten, indem er ihnen zugleich Segen und Gedeihen in ihrem schwierigen aber heiligen Beruf wünscht. Der Vorsitzende dankt hieraus der Gemeinde Duisburg für die gastliche Ausnahme, die freundliche Bewirthung, die veranstalteten hübschen Festlichkeiten am verflossenen Abend etc. und schließt damit die Conserenz gegen 12 Uhr, indem er den Wunsch! ausspricht, daß die gepflogenen Diskussionen allen zum Segen j gereichen und allen ein frohes Wiedersehen im nächsten Jahre! in Herford beschieden sein möge. j Die Schriftführer der Versammlung! S. K l onenberg-Ruhrort, Siegfried Graf-Essen.! Das Stillleben in jüdischen Gemeinden der asiatischen Türkei. (Schluß.) Es giebt sieben verschiedene Talmud-Thora's. Ein jeder Familienvater, sei er nun reich oder arm, handelt mit dem von ihm selbst erwählten Rabbiner. Das monatliche Schulgeld für jeden Schüler wechselt zwischen Frcs. 0,80 und 1 Frc. Tie Verwaltung gewährt diesen Rabbinen nicht die mindeste Subvention; diese nun verlieren den größten Theil ihrer Zeit damit, ihre geringen Einkünfte einzuziehen, und überlassen ihre Schüler sich selbst. Die Kinder treten schon vom 3. Jahre in die Talmud-Thora ein und bleiben dort höchstens bis zum 12. Jahre Die Gesammtzahl der Schüler, welche diese Anstalt besuchen, mag ungefähr 300 betragen. Die Unterrichtetsten unter ihnen können kaum hebräisch lesen. Im Uebrigen ist die Lehrmethode so veraltet und so dürftig wie möglich, auch begleiten sie ihr Studium mit einem monotonen Gesang und dem hergebrachten Hin- und Herschaukeln des Oberkörpers. Es ist also keiu Wunder, daß diese armen Kinder trotz ihrer Intelligenz mehrere Jahre mit Lesen lernen zubringen. Es ist unnöthig hinzuzusügen, daß weder Lehrer noch Schüler die jüdische Geschichte kennen. Ein elfjähriges Kind, welchem man die Frage vorlegte, warum das Purimfest eingesetzt wurde, antwortete: weil man die Megillah liest. — Und warum liest man die Megillah? — weil es Purim ist. Einer der Rabbinen, welcher bereits seit 6 Monaten den Unterricht in einer Talmud-Thora ertheilte, und den man frug, was er bis dahin gethan, antwortet: Ich war Gehilfe bei einem Schuhmacher. — Warum haben sie denn Ihr Gewerbe gewechselt? — Mein Meister hat mich fortgeschickt und da ich keinen anderen Lebenserwerb fand, habe ich mich als Rabbiner für die Kinder niedergelaffen, wie es auch mein - verstorbener Vater gethan. j Es ist daraus ersichtlich, daß man die Stellung eines; Lehrers nur im allerschlimmsten Falle ergreift und daß dieses Amt von früheren Schuhmachergehilfen oder anderen, ebenso competenten Leuten besetzt wird. Zu verwundern ist dies nicht, denn die armen Rabbinen verdienen kaum das zum Leben erforderliche Brod. Tie Lehrer der Talmud-Thora wenden verschiedene Marterwerkzeuge als Disciplinar-Mittel an. Zuvörderst den im Orient sehr verbreiteten Falaka, ein dicker knotiger Stock, in welchem sich 40 Centimeter voneinander getrennt zwei Löcher befinden; hierdurch werden dann die beiden Enden eines langen Seiles gezogen. Das Kind wird auf die Erde gelegt, seine beiden Füße werden von dem Seil zusammeugeschnürt und zwei seiner Kameraden halten die beiden Enden des Stockes, während der Rabbiner mit einer Peitsche bewaffnet die Strafe austheilt. Zweitens kommt der Tombruk, eine Art Handschellen aus Holz. Hier werden die Schläge | auf die Hände gegeben, wogegen sie bei dem Falaka auf j die Fußsohlen versetzt werden. Das Opfer schreit und bittet, doch da hilft nichts; der Rabbiner bleibt unerbittlich und i giebt niemals weniger als 13 Schläge, wie die Zahl der I Wörter im 38. Vers (16) des 72. Kapitels des Psalms. Die Israeliten zu A'idin sind im allgemeinen sehr orthodox, aber sie wissen fast alle nichts von der Thora. Ihre materielle Lage läßt gleichfalls sehr viel zu wünschen übrig; die Hälfte der Bevölkerung kann als arm betrachtet werden. Trotz der erstaunlichen Ertragsfähigkeit des Bodens und der verhältnißmäßigen Bedeutung des Localhandes, befinden sich nur wenige Familien im Wohlstand, während es sehr reiche j Leute giebt unter den Türken und Griechen der Stadt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.