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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-07-29 · Heft 31 (29.7.1884) · p. Seite 493

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 31 (29.7.1884)
Date
1884-07-29
Page
Seite 493 (sequence 9)
Language
German
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493 und hieraus eine gewerbsmäßige Thätigkeit zu machen. Shakespeare sagt einmal: Das gesprochene (oder gedruckte) Wort ist ein Pfeil, dessen Ziel Niemand im Voraus sicher berechnen kann; man hüte sich also, ihn abzuschießen. Bei den Antisemiten kennt man aber das Ziel: nämlich mitten in das Herz der jüdischen Bevölkerung zu schießen, daß sie zum Tode getroffen in den Staub sinke. Sie sinkt nicht allein in den Staub, sondern mit ihr Ordnung und Gesetz und der ganze gesellschaftliche Bestand. Umsomehr gebietet die Vorsicht und die Gerechtigkeit, das Abschießen solcher Pfeile zu verhindern. Nischny-Nowgorob, 15. Juli. Die Regierung hat über Stadt und Kreis Nischny- Nowgorod und einige benachbarte Bezirke die „verschärften Sicherheitsmaßregeln" (eine Art Belagerungszustand) vom 13. Juli bis 21. Sept. verordnet. Der Zweck ist, die Abhaltung der berühmten Nowgorodner Meffe zu sichern, die für den ganzen russischen Verkehr eine Lebensbedingung ist und welche nach den jüngsten Vorgängen von vielen Kaufleuten unbesucht zu bleiben drohte. In der That, nachdem die Plünderungssucht des Pöbels geweckt worden und bei der großen Masse Arbeitsloser, die sich jetzt hier vorfinden, könnten die aufgespeichcrten Rcichthümer an Waaren ein gefährliches Verlockungsmittel abgeben. Tie schärfsten Vorkehrungen sind deshalb eine Nothwendigkeit. Aus Polen, 10. Juli. (Privatmitth.) Am 21. Juni Abends fand die feierliche Beerdigung der neun jüdischen Leichen statt, die ihr Leben in der Katastrophe von Nischny- Nowgorod verloren haben. Die Bahren wurden von allen jüdischen Männern, Frauen und Kindern unter lautem Jammergeschrei begleitet und zur Erde bestattet. Auch einige Christen hatten sich dem Zuge angeschlossen. Ter Rabbiner hielt auf dem Friedhöfe eine ticfergrcifcnde Rede. Eine Sotnie Kosacken und zwei Rotten Infanterie schützten den Zug, welchem auch der Gouverneur und der Polizeimcister anwohnten. Es .wurden übrigens in der Stadt jeden Tag mehrere Verhaftungen vorgenommcn und vieles geraubte Gut aufgefunden. Schlimm ist cs, daß jetzt in dieser Stadt große Arbeitslosigkeit herrscht und über 500 Arbeiter unbeschäftigt sind. Der Gouverneur Baranow versicherte jedoch den Juden, daß keine Ausschreitung mehr ftattfinden werde, da er den Truppen die strengsten Ordres ertheilt hätte. Jndeß sind in Guzilie (Gouv. Cherson) wieder Tumulte und Plünderungen vorgekommen, wobei die Juden große Verluste erlitten. Ebenso in Panchow (Gouv. Plozk), ausgesührt von über 200 Tumultuanten, die erst bei Annäherung der Soldaten auseinanderliefen. — In verschiedenen Dörfern verlangen die Bauern die Entfernung der dort ansäßigen Juden, und zwar auf Anstiften der katholischen Geistlichen. Tie Gouverneure weisen dies Verlangen theilwcise ab, theils geben sie keine Antwort. — Ueberhaupt ist es sehr zu bedauern. daß in der jüngsten Zeit sich viele Geistliche den Antisemiten angeschlossen haben und durch ihre Reden das Volk noch mehr aufhetzen. Man wird sich erinnern, daß Moskauer christliche Kaufleute zu Gunsten' der Juden petitionirt haben, ihnen den Aufenthalt in Moskau zu gestatten, wodurch Handel und Verkehr ausblühen würde. Der Finanzministcr hat nun vom Börsen-Comite in Moskau ein Gutachten über diese Angelegenheit gefordert. Die Antwort des Börsen-Comitä's lautete sehr ungünstig und sprach sich dahin aus, daß man die Juden noch mehr beschränken, ihnen keinerlei Rechte, am wenigsten die Niederlassung in Petersburg, Moskau :c. gewähren solle. Die antisemitischen Blätter jubeln darüber und häufen die verleumderischen Anklagen der Juden noch immer mehr. Tie gerechteren und humaneren Zeitungen hingegen sprechen die Meinung aus, einige mit großem Nachdruck, daß die Bestrafung der Excedenten nichts helfe, sondern das einzige Heilmittel die Gleichberechtigung der Juden wäre, damit das Volk diese nicht als geächtet mit) vogelfrei ansähe. — Unter solchen Umständen verdient es wohl bemerkt zu werden, daß der Kaiser in jüngster Zeit mehrere Juden durch Orden ausgezeichnet hat. Der Banquier Heinrich Reichmann, der Curator der jüdischen Anstalt für Waisen und arme Greise in Warschau hat für langjährige Dienste den Sianislansorden II. Klasse erhalten: Zimmermann, ehemaliger Oberlehrer an der Rabbiner schule zu Warschau, gegenwärtig Vorsitzender des Ceiisur-Comitö's für das Hebräische, den Annaordcn III. Klasse: der Hofrath Jonas Gurland, Direktor des Privatgymnasiums zu Odessa, für treue Amtsersüllung, den Annaorden III. Klasse. — In Warschau ist eine Photographie von Sir Moses Montesiore zu dessen hundertstem Geburtstage mit einer hebräischen Biographie von I. Gordon erschienen und für einen Rubel von Wende & Comp, in Warschau zu beziehen. Für den Erlös wird beabsichtigt, dem edlen Manne ein Denkmal in Palästina zu errichten. — Merkwürdig ist, daß zur Zeit in Petersburg ca. 00» »00 Wohnungen leer stehen, in Kijew 12 300, in Moskau 145t>0. Eine sehr beträchtliche Zahl dieser war früher von Ju^en bewohnt, die man ausgetrieben. Afrika. Turban (im Staate Natal, Südafrika), 27. Mai. (Arch. isr.; Auf der Ostküste von Afrika besteht keine israelitische Gemeinde. Vom Cap Delgado bis zu dem Lande der Amatongas gehört das ganze Territorium von Rechtswegen den Portugiesen, aber thatsächlich sind sie nur anerkannte Herren in den Städten, die Befestigungen haben, wie Mozambique, Ouilimann, Jehanhamr und Lurcngo Marquey; aber selbst in diesen Städten sieht man nichts als Schlaffheit, Berdervniß, mit Einem Worte vollständigen Niedergang. 31

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