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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-07-29 · Heft 31 (29.7.1884) · p. Seite 491

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 31 (29.7.1884)
Date
1884-07-29
Page
Seite 491 (sequence 7)
Language
German
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oder Weltordnung abzustumpfen. Alle Betrachtungen und Anschauungen jüdischer Pessimisten schließen mit versöhnenden und belehrenden Worten. Man ist sogar berechtigt anzunehmen, daß ihr Skepticismus über den Werth der Welt nicht nur verstanden hat den wunden Fleck zu finden, sondern auch das rechte Mittel zur Heilung in Anwendung brachte. Es sollte Heilung und Linderung verschaffen, um einen erträglichen Zustand hervorzurufen, damit nicht jedes vom Menschen erachtete Gute noch einen Tropfen Wermuth bekomme, der ihm ohnedies nie fehlt. Es sollte anders werden dadurch, daß das Wort Gottes Macht und Raum gewinne in der Welt und in den Herzen der Menschen, und so das Nebelbehagen gemildert werde'. Denn alle Pessimisten des Judenthums ermuntern den Menschen, im Kampf um's Dasein auszuharren, die Arbeit als eine tröstende Arznei zu lieben und nach den Gesetzen der Religion und des Staates zu leben. Die jüdischen Pessimisten verkennen nicht die blühenden Fluren des Lebens; auch das Schattenreich des Todes bildet nicht den Schauplatz ihrer Thätigkeit. Sie erblicken überall eine Welt voll Leben und Rührigkeit und errichten niemals ihren Thron aus Leichenhügeln; denn das Leben ist ihnen ein Symbol des Felsens, dem immer lebendiges Wasser entströmt." — Gewissermaßen zur Ergänzung des obigen Schriftckens erwähnen wir hier eines Vortrages des Rabb. vr. Tobias Cohn „Die Araber im Khalifat", den er in der Literarischen Gesellschaft zu Potsdam gehalten und im Juliheft der Zeitschrift „Aus allen Zeiten und Landen" (Hofmann, Berlin) veröffentlicht hat. Nachdem der Verf. in zutreffender Weise, wenn auch in gedrängter Kürze, die Geschichte des Khalifats im Osten und Westen geschildert, geht er auf die Eigenthümlichkeiten des Islam und auf die Geschichte der in ihm vorgegangenen Geisteswandelungen ein. Auch hier begegnen wir dem Pessimismus in ausgesprochenster Art. Auf Grund des Koran entstand die Vorstellung, „daß schrankenlose Willkür das alleinige Princip der göttlichen Herrschaft sei, und daß die menschlichen Schicksale im Diesseits und Jenseits in der Hand dieser göttlichen Willkür lägen, der gegenüber alles menschliche Wollen und Thun vergebens sei." „So war dem Fatalitätsglauben ein unbestrittener Platz im Islam angewiesen und dem Menschen die denkbar niedrigste Stellung seinem Gotte gegenüber gegeben, vor welchem er nur Furcht und Schrecken empfinden konnte. Da die Erdenwelt ferner als völlig werthlos und nichtig bezeichnet wurde, so ging der Mohamedaner freudeleer durch das Erdenleben und trostlos dem Jenseits entgegen, wo des Paradieses Pforten sich ihm bei aller Frömmigkeit und Gottesfurcht nicht öffneten, sobald es Allah nicht wollte." Diese düstere Weltanschauung wurde erst durch die Margiten (718) und die Motaziliten (748) wieder etwas geklärt, da sie den Gottesbegriff aller grobsinnlichen Eigenschaften und der despotischen Willkür entkleideten und dem Menschen die Willensfreiheit zuerkannten, jenes kostbarste Vermögen, das den Erdgeborenen erst zu einem moralischen Wesen macht. Leider wurde dieser Rationalismus zwei Jahrhunderte später wieder von einer starren Orthodoxie verdrängt und unterdrückt, und die alte finstere Lehre wieder zur Herrschaft gebracht. Man sieht auch aus dieser kurzen Skizze, welche Kluft zwischen dem Islam und dem Judenthume besteht, denn aus diesen Grundbegriffen entwickelt sich das religiöse und sittliche Wesen bis in seine geringste Verästelung. Die Abhandlung des vr. Cohn empfehlen wir der Berücksichtigung. Deutschland. Berlin, 17. Juli. (Privatmitth.) Es ist eine der Tendenzen unsrer Zeit, Uebelständen auf dem Wege der Selbsthilfe durch Vereinigung möglichst abzuhelfen, und nach dieser Richtung hin haben sich die stetig, wenn auch langsam wachsenden Vereine zur gegenseitigen Unterstützung für die jüdischen Lehrer, deren Wittwen und Waisen gebildet. Zwei Grundsätze haben dieselben adoptirt und sie bürgen für ihren Bestand und ihre Wirksamkeit. Der erste ist, daß die Beiträge der Betheiligten nicht ausrcichen, um irgend welche bedeutende Unterstützung leisten zu können, sondern daß man auf das thätige Wohlwollen Anderer Anspruch machen muß, um durch einmalige Spenden oder jährliche Beiträge die Mittel möglichst zu vermehren; und auf dieses Wohlwollen Hai Niemand mehr Anrecht als die jüdischen Lehrer, für deren Invalidität und Hinterlaffene eigentlich die Gemeinden zu sorgen hätten, die aber in ihrer Mehrzahl dies nicht vermögen. Der zweite Grundsatz betrifft die Leistungen selbst, und hier hat man in angemeffener Weise den Weg eingeschlagen, daß man nicht im Voraus bestimmte Unterstützungssummen festgesetzt hat, welche leicht über die Mittel der Kaffe hinausgehn und dieselben zahlungsunfähig machen könnten, oder auch hinter den bereiten Mitteln Zurückbleiben könnten. Man theilt vielmehr jährlich die zur Vertheilung vorliegende Summe in bestimmte gleiche Quota, jedoch so, j daß alleinstehende oder mit Frau und Kindern versehene invalide Lehrer und die Wittwen mit Kindern nach statuten-

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