Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 31 (29.7.1884)
- Date
- 1884-07-29
- Page
- Seite 490 (sequence 6)
- Language
- German
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490 Literarischer Wochenbericht. Bonn, 18. Juli. Das Judenthum ist aufgebaut auf den Fundamenten des Optimismus. Eine Religion, welche den allliebenden, allgerechten und allweisen Gott als Schöpfer des Weltalls, und dieses als vollkommen, wie jedes einzelne Wesen in seiner Art anerkennt, dem Menschen die Erfüllung der Pflichten, welche Liebe, Recht und Gottesfurcht auferlegen, zur Aufgabe stellt, und ihn hierfür Lohn und Segen verheißt, ist eben rein optimistisch angelegt. Kommt hinzu, daß dieselbe Religion in der Weiterentwickelung der geschichtlichen Verhältnisse den Ausgang der Menschheit in einem Gottesreiche, in allgemeiner Gotteserkenntniß und Herrschaft des Rechts und des Friedens anweist und hierauf die Hoffnung lebenskräftig in die Geister aller Menschen senkt, so ist sie in ihrem ganzen Wesen, in ihren Tendenzen und Erfolgen als vom Optimismus durchdrungen anzusehen. Dies verhindert natürlich nicht, daß in Zeiten großen Mißgeschickes und durch die Richtung einzelner Geister auch der Pessimismus in die Reihen der Bekenner dieser Religion eindringt, sich pessimistische Gedanken Raum und Ausdruck schaffen. Daß dies der Fall war, suchte vr. S. Schwein bürg in einer jüngst veröffentlichten Broschüre „Jüdische Pessimisten" (Wien, Löwy, 1884) nachzuweisen. Es entsteht da die Frage, hat dieses Eindringen pessimistischer Anschauungen eine Veränderung in dem Wesen des Judenthums hervorgebracht und überhaupt eine bleibende Stätte für dieselbe erworben? Hat also das Judenthum gewiffermaßen mit dem Pessimismus im eigenen Schooße zu kämpfen oder auch nur zu rechnen? Unter Pessimismus versteht der Verf. die Ansicht, daß „unser Leben selbst ein Uebel und unser Dasein ein ungestilltes Verlangen abwechselnder und nichtiger Erscheinungen ist." Er betrachtet dann das Vorherrschen dieser Anschauung im Buddhismus, bei einem Theile der griechischen und römischen Philosophen, im Christenthum, in der italienischen Renaiffance und selbst bei vielen unsrer größten deutschen Dichter. Er fährt dann fort: „Die Religion des Judenthums, deren Wesen die innerliche Selbstvollendung des Menschen und die Uebung aller menschlichen Tugenden, deren Endziel aller menschlichen Entwickelung jener Zustand sein sollte, in welchem überall das Gute gethan werde, weil es zum allgemeinen Wohle gut und zweckmäßig, diese Religion sollte dem Pessimismus, jener Giftpflanze im Rosenbeete des Lebens, die Hand reichen?" Zunächst zieht der Verf. das Buch Hiob und Koheleth, sowie einige Aussprüche der Psalmisten in Betracht, sucht dann in der Mischna Spuren pessimistischer Anschauung, wie denn im Tractat Erwin 13,1 berichtet wird, daß die Schulen Hillel's und Schamai's zwei und ein halb Jahre über den Werth der menschlichen Existenz disputirt haben. Die Einen behaupteten: Dasein ist besser als Nichtsein; die Anderen: Nichtsein wäre bester als Dasein. Schließlich stimmten sie ab und man sagte: Nichsein ist besser als Dasein; nun aber der Mensch geschaffen, befleißige er sich guter Werke." Jedenfalls ein schwacher Abdruck von dem Resultat der Bücher Hiob und Koheleth, welche das Problem auf dem Grunde fester Gottgläubigkeit schließlich in optimistischer Richtung lösten. Hieran schließt sich eine Sammlung von Sentenzen und Parabeln aus Talmud und Midrasch. Ändeß gestehen wir, daß eine große Anzahl derselben nur in geringem Maße als pessimistisch gedeutet werden können, da sie sich vielmehr auf die üblen Folgen menschlicher Fehler beziehen. Der Verf. wendet sich nun der jüdischen Religionsphilosophie zu und findet einen beredten Vertreter des Pessimismus im Bechinoth Olam des Spaniers Penini, von dem er charakteristische Stellen citirt. Jndeß auch Penini wendet sich zuletzt der wahren Frömmigkeit und tüchtigen Thätigkeit im Leben zu, in welchen er den Balsam für die pessimistischen Gedanken und Gefühle findet. Wenn irgendwo, so bewährt sich gerade im Judenthume die Ansicht, die wir in früheren Artikeln über den Pessimismus geäußert, daß er überhaupt keine Philosophie, keine wirkliche Weltanschauung, sondern nur ein Stimmungsbild ist, wie es das gekrankte und verbitterte Herz aus trüben Erfahrungen zusammensetzt. Weniger noch können wir dem Verf. beistimmen, wenn er von dem Begriff des „Fatums" innerhalb des Judenthums spricht, und hierfür das bekannte Gebet Unthanneh Thokeph des Rabbi Amon aus Mainz seiner ganzen Ausdehnung nach citirt. Der Begriff der göttlichen Borausbestimmung, wie wir ihn auf jeder Seite der h. Schrift ausgesprochen finden, ist. durchaus nicht identisch mit dem des Fatums. Jene umschließt zugleich die Willensfreiheit des Menschen, die nicht minder eine biblische Grundanschauung ist, während dieses, das Fatum, jede Freiheit des menschlichen Willens ausschließt. Schon der Nachsatz in jenem Gebete, daß „Reue, Gebet und Wohlthun das böse Verhängniß abwenden", erweist, daß vom „Fatum" hier nicht gesprochen werden kann. Hierauf frägt der Verf. nach den Ursachen, aus welchen dem Pessimismus im Judenthume Eingang verschafft werden konnte? Er findet diese in den unglücklichen Schicksalen des jüdischen Volkes in der Zeit, da der Talmud entstand, sowie in der Zeit des Penini; es waren Zeiten, wo von außen her die gewaltigsten Stürme aus die Juden losgebrochen und wo in ihrer Mitte Verwirrung und Spaltung Platz gegriffen. Aus allem dem zieht der Verf. eine wichtige Schlußfolgerung. Er sagt: Von Kohelet angefangcn bis hinaus in die verschlungenen Pfade der Religionsphilosophie ist man kaum im Stande, trotz aller Schmerzensrufe über das Wehe der Welt, nur einen pessimistischen Ausspruch des Judenthums nachzuweisen, der beabsichtigt hätte, den Sinn für Tugend und Religion