Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 31 (29.7.1884)
- Date
- 1884-07-29
- Page
- Seite 489 (sequence 5)
- Language
- German
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Einige Fragen und Bemerkungen, in. Was uns vor allem Noth thut, das ist die Stärkung des Gefühls der Zusammengehörigkeit. Unsere Leser wissen, daß wir stets für die religiöse Zusammengehörigkeit aller Bekenner des Judenthums, hingegen wider jede politische und soziale Zusammengehörigkeit, gegen jede Ausschließlichkeit nach Kräften gestrebt und gewirkt haben. Diese religiöse Zusammengehörigkeit, welche eine Bedingung für den Bestand des Iudenthums ist, trägt aber auch in sich die bestimmten Momente, auf welche sie sich erstreckt, den Gottesdienst, den Religionsunterricht, die beide betreffende Literatur und die wohlthätigen Werke. So gern wir uns aber auch hieraus beschränken möchten und in allen anderen Beziehungen uns gänzlich den Völkern anschließen wollen, in deren Mitte wir leben, und als deren Glieder wir uns betrachten: so läßt uns die Außenwelt nicht dazu kommen. Die letzten Jahre haben bewiesen, daß in gewissen. Gottlob nicht in allen, Ländern noch sehr zahlreiche Menschenklaffen uns als fremd betrachten und uns gesellschaftlich auszuschließcn, ja in harter Weise zu versolgen geneigt sind — vor Allem, daß man uns eine unbedingte Solidarität aufbürdet. Man liebt es, uns als eine gleichförmige Gesammthcit, als eine gesonderte Körperschaft zu betrachten und zu behandeln, uns ohne irgend eine Unterschei-' düng, Charakter, Sitten, Tendenzen u. s. w. zuzuschreiben,; diese durch lügnerische Derläumdungen zu verunstalten und j uns allesammt für jene verantwortlich zu machen. Wie schwer dies gegenwärtig auf uns lastet, brauchen wir hier nicht weiter auszuführen. Aber das springt in die Augen, 1 daß wir zur Abwehr dieser Calamität eine gemeinsame Pflicht haben und immer in gesetzlicher Weise gemeinschaftlich dagegen wirken müssen. Tie Solidarität, die man uns auserlegt, sie muß uns denn auch zu gemeinsamer Wirksamkeit aufforderu. Die Zusammengehörigkeit, in die man auch außerhalb des religiösen Momentes uns hinein bannt, muß uns, da wir die Lage der Dinge und die Auffassung so vieler Menschen nicht zu ändern vermögen, überall bereit finden mit vereinten Kräften die Schäden abzuwenden und die Besserung vorzubereiten. Cs ist ja nicht zu verkennen, daß die Juden während der letzten Jahrzehnte in ihrem Vertrauen auf die fortgeschrittene Cultur und ihrer Liebe zu dieser, sehr schwachfühlig für diese Zusammengehörigkeit geworden waren, ja daß Biele unserer Glaubensbrüder sie geradezu perhorrescirten. Jetzt sind sie durch harte Schläge daran gemahnt worden, daß es für uns noch andere Momente als das religiöse giebt, in welchen man uns nicht zur Ruhe kommen laffen will. Und doch ist und bleibt das religiöse Moment das, was allein unsere Stärke ausmacht, aus welchem wir Trost und Kraft zum Widerstande gegen alle Angriffe schöpfen. 489 Unsere Leser werden es deshalb mit uns natürlich sinden, daß wir immer und immer wieder auf die Hebung des religiösen Sinnes in allen unseren Glaubensgenossen kommen, und daß wir abermals zu diesem Zwecke empfehlen, ja fordern, daß möglichst in jeder Gemeinde sich ein Verein zur Hebung des religiösen Sinnes bilde. Wir brauchen nicht erst die große Bedeutung der allgemeinen Vereine hervorzuheben, welche seit etwa anderthalb Jahrzehnten entstanden sind, und bereits vielfach segensreich gewirkt haben, wir meinen die Alliance isr. univ., die Wiener Allianz, die Anglo - -Jewisli Association, den Deutsch -Israelitischen Gemeindebund. Aber so viel diese auch ins Allgemeine gewirkt haben, lag es doch in der Sache selbst, daß ihr Einfluß aus das örtliche uud besonders auf das religiöse Leben unbedeutend bleiben mußte. Die größte Zahl der Mitglieder dieser Vereine zahlen ihren Beitrag und überlassen es den Ausschüssen, die Angelegenheiten zu betreiben. Wir aber haben Anderes im Sinne, nämlich daß in allen Gemeinden selbst ein neuer Eifer geweckt und der Sinn und der Enthusiasmus für das Judenthum in erheblicher Weise gepflegt werde. Ties kann eben nur durch Ortsvereine erzielt werden, die dann zum Austausch und Befruchtung ihrer Mittel mit den benachbarten Gemeinden in Verbindung treten und womöglich unter Leitung einsichtsvoller Männer zu Bezirksvereiueu zusammentreten, ohne jedoch die Lrtsvereine in ihren Bestrebungen zu binden. Die Aufgabe, die sich diese Vereine zu stellen haben, besteht zunächst darin, den Gottesdienst zu heben und zu besuchen; den Religionsunterricht zu pflegen und zu dessen regelmäßigem Besuche anzuhalten, jeden Sabbath-Nachmittag oder wenigstens alle 14 Tage oder nach Lage der Verhältnisse in der Mitte der Woche einen Vortrag religiösen Inhalts zu veranstalten, im Winterhalbjahr öffentliche Vorträge über das Judenthum, seine Geschichte und sein Schriftthum für Männer und Frauen zu bewerkstelligen, eine Bibliothek, für Alle zugänglich, zu schaffen, jüdische Zeitschriften zu halten und vorlesen zu lassen u. dgl. m. — Wir brauchen wohl eine solche Veranstaltung nicht weiter zu empfehlen. Auf, also, Ihr Rabbiner, Lehrer und Vorsteher! Auf, jeder Einsichtsvolle und religiös Gesinnte, um in seinem Kreise einen solchen Verein zu begründen und kräftig zu fördern! Ist der Gemcinsinn, ist die Liebe zur Religion und Glaubensgenossenfchaft in unserer Mitte wieder kräftig angefacht, so werden wir jedem Geschick widerstehen und vor Gott und Menschen den Ruhm edlen und reinen Strebens nach den höchsten Idealen der Menschheit erlangen.