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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-07-22 · Heft 30 (22.7.1884) · p. Seite 475

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 30 (22.7.1884)
Date
1884-07-22
Page
Seite 475 (sequence 7)
Language
German
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475 neigt ist, mit den Demokraten zu raufen, was bei der Vorbereitung zu den Wahlen recht lebhaft zu Tage trat. Im Bezirke Mariahilf z. B. hatte der antisemitische Gegencandidat die ansehnliche Minorität von 378 Stimmen gegen 558, die der bisherige Abg. Schlechter auf sich vereinigt hat. Jndesien ist es constatirt, daß diese 378 Stimmen nicht bloß aus Antisemiten bestanden, sondern aus zahlreichen „Unzufriedenen", da in der ganzen Stadt eine mit dem bisherigen Gange der Dinge unzufriedene Stimmung herrscht, die, wenn sie sich nicht mindert, später doch einen großen Abfall von den Liberalen bewirken könnte. Näheres giebt uns folgende Corresp. vom 7. Juli: Die heutigen Landtagswahlen in Wien und Niederösterreich sind durchwegs günstig für die deutsch-liberale Partei ausgefallen. In jenen Bezirken Wiens, wo seitens der Lüger-Partei oder der Antisemiten Gegenkandidaten ausgestellt waren, unterlagen dieselben mit geringen Minoritäten. In der innern Stadt, wo fünf Abgeordnete zu wählen sind, wird das Skrutinium bis Mitternacht dauern. Die Kandidaten der liberalen Partei: Nikola, Königswarter, Sommaruga, Lederer und Matzenauer sind jedoch sicher gewählt. Silberer und Struschka werden von den abgegebenen 2500 Sttmmen höchstens 400 auf sich vereinigen. Auf Baron Bach dürften kaum 50 Stimmen entfallen. In der Leopoldstadt wurde Sueß mit 1708 gegen 368 Sttmmen gewählt, welche der Candidat der vereinigten Czechen und Clericalen erhielt. Auf der Landstraße siegte vr. Grübt mit 1264 gegen 340 Sttmmen, die auf den Lügerianer Groll fielen; ca. 20O Stimmen erhielt der Candidat der Antisemiten, Vetter. In Mariahilf wurde Schlechter mit sehr großer Majorität gegen den Antisemiten Fiegl, in Margarethen Steudel gegen den Lügerianer Rasp gewählt. In den übrigen Bezirken stand den deutsch-liberalen Candidaten Bürgermeister Uhl, Riß, Borschke und Winkler kein Gegencandidat gegenüber. In den Städten und Märtten des flachen Landes siegten durchwegs die deutsch-liberalen Candidaten. So in Waidhofen-Zwettel Dr. Kopp mit mehr als 500 Stimmen gegen den von Schönerer poussirten Anttsemiten Polzer, welcher bloß 70 Stimmen erhielt. Die Liberalen gewinnen durch den Ausfall der Wahl den Korneuburger Städtebezirk, der von den Clericalen ohne Kampf aufgegeben worden ist. Pest, 8. Juli. Bei den nunmehr beendeten Parlaments- Sttchwahlen gewannen die liberale Partei und die Partei der Unabhängigen je 4 Sitze. Nach dem vorliegenden Gesammtresultat der Wahlen sind mithin gewählt 234 Liberale, 60 Mitglieder der gemäßigten Opposition, 77 Unabhängige, 17 Anttsemiten, 16 Nationale und 9 keiner Partei Angehörige. Die Regierungspartei hat somit eine absolute Majorität von 55 Sttmmen. (Die Antisemiten haben also ttotz aller Wühlereien bei den Sttchwahlen nur Niederlagen erfahren.) Frankreich. Paris, im Juli. Die bez. Commission des Senats hat einen Anttag angenommen, nach welchem jeder Kirchenvorstand, jedes Confistorium, jede Gemeinde, jede Gesellschaft zu gegenseitiger Unterstützung, endlich jeder Privatmann das Recht haben soll, einen Begräbnißplatz zu besitzen, nur daß die Gemeinden die Aufsicht über Ordnung und Anstand zu wachen haben. Würde dieser Anttag zum Gesetz erhoben, so wären alle Schwierigkeiten gehoben. Es wäre dies dem nord-amerikanischen Gesetze gemäß, nach welchem Jedermann einen Begräbnißplatz anlegen kann, wo er will, sobald nur die sanitär-polizeilichen Vorschriften beobachtet sind. Dies ist Freiheit und Ordnung zugleich! Paris, 9. Juli. Unsere Leser werden sich erinnern, daß im Ottober vorigen Jahres der „Anti-86mitique^ ein völlig falsches Schriftstück veröffentlichte, welches Cr^mieux bei der Gründung der Alliance isr. univ. erlassen haben sollte. Obschon dasselbe den Stempel der Fälschung offenbar an sich trug, gaben es die antisemitischen Blätter Deutschlands mit Hohngeschrei wieder, weil sie darin den Ausdruck der jüdischen Feindseligkeit gegen die Gesellschaft erwiesen fanden, vr. S. Neumann in Berlin veröffentlichte deshalb eine tteffliche Broschüre: „Die neueste Lüge über die israelitische Allianz"; ebenso erklärte das Monatsbulletin der Alliance vom Oktober 1883 das ganze Schriftstück für eine vollständige Erfindung. Dennoch hielt der Anti-Semitique seine Behauptung aufrecht, und veröffentlichte nochmals das Document, jedoch in sehr abweichender Faffung. Ja, er ging soweit, zu behaupten, daß er dasselbe aus den Archiven des Ministeriums des Innern wörtlich copirt habe. Die Alliance wendete sich deshalb an den Minister des Inneren, der in einer Antwort an die Alliance vom 23. Juni 1884 erklärte, daß das vom Anti- Lemitique veröffentlichte Dokument im Archiv des Ministeriums gar nicht vorhanden sei und daß eine Mittheilung an den Anti-Semitique überhaupt gar nicht stattgefunden. Man ersieht hieraus, mit welcher Frechheit die Antisemiten ihre Lügen produziren und aufrecht erhalten. Selbst da, wo sie eine baldige Widerlegung voraussehen, rechnen sie auf den ersten Eindruck, und daß die Widerlegung nicht allen ihren Lesern bekannt würde. Jndeffen trägt eine solche Partei den Keim ihres Unterganges in sich selbst. Algier, 2. Juli. Die „Münch. A. Ztg." enthält folgende Correspondenz: „Seit einer Reihe von Tagen ist unsere Stadt der Schauplatz antisemitischer Unruhen. Eine verhältnismäßig geringfügige Beranlaffung hat den Anstoß zu einer wahren Judenhetze gegeben, wie sie Algier seit Untergang der Türkenherrschast nicht mehr gesehen. Die jungen Franzosen und

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