Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 29 (15.7.1884)
- Date
- 1884-07-15
- Page
- Seite 465 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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465 anderen Gegenden gekommen. Die Bewohner Kunawinos, Bonn, 6. Juli. (Notizen.) Aus Wien wird geobgleich sonst übel berufen, nahmen an diesen Mordthaten schrieben: Den 23. Juni fand die feierliche Eröffnung des keinen Theil, sie suchten sogar die Zerstörung zu hindern und j israelitischen Spitals in Gleichenberg statt. Zur Gründung den Beschädigten zu helfen. Der christliche Russe Perlofs eines israelitischen Spitals in Leipnik (Mähren) hat Herr gewährte den Juden ein Asyl. Die russischen Blätter sprechen! Wilhelm Ritter v. Gutmann 15000 Gulden bestimmt. — ihre Entrüstung über das Vorgefallene aus." ^an schreibt uns aus Brüx (Böhmen) vom 4. Juli: Der Man berichtet aus Petersburg von gestern: Anläßlich bedeutende Oekonom Herr Emmanuel Heller aus Brüx der traurigen Vorgänge in Kunawino drängt Katkoff zu einer ist der erste Israelit, der in den k. k. Landesculturrath schleunigen Lösung der Judenfrage in diesem oder jenem Sinne, von Böhmen von sämmtlichen landwirthschastlichen Vereinen da, so lange die Frage offen bleibe, dieselbe nur den dunklen und Landwirtheu als Telcgirter gewählt worden ist. Es ist Instinkten der rohen Maffe diene. Katkoff theilt die Ansicht, diese Thatsache um so erfreulicher, als Herr Heller, dieser daß die Exzeffe durch eine verbrecherische Agitation vorbereitet eifervolle Vertreter landwirthschastlicher Interessen, auch ein worden, welche die rechtlose Lage der Juden in Rußland ihren Mann von warmem jüdischen Herzen ist. Zwecken nutzbar mache. — Aus Podolien wird eine fortdauernde Auswanderung der Juden nach Amerika gemeldet. Ieur Das Stillleben in jüdischen Gemeinden der asiatischen Türkei. Das Mai-Bulletin der Alliance isr. tmiv. bringt hierüber einer intereffanteu Bericht. Herr Pariente, Director der Schule der Alliance in Smyrna, hat vor kurzem einige israelitische Gemeinden der astatischen Türkei besucht. Anbei einige Auszüge des trefflichen Berichts, welchen er diesbezüglich an das Central-Comit»'' gerichtet hat. Thireh. — Die StadtThireh befindet sich circa lOOKilom. westlich von Smyrna. Ihre Bevölkerung wird auf 1ü UOO Seelen, darunter circa 300 israelitische Familien geschätzt. Die Stadt ist äußerst malerisch an einem Hügel gelegen. Sie ist amphitheatralisch an denselben gebaut, inmitten einer üppigen Vegetation. Von außen gesehen, macht sie mit ihren 34 Minarets einen säubern und eleganten Eindruck, von innen dagegen bietet sie das traurigste Schauspiel. Außer dem Bazar, welcher, nachdem er vor Kurzem abbrannte, neu errichtet wurde, sind alle Häuser verfallen und entbehren jeden Comforts. Die Wohnungen des Judenviertels — alte gebrechliche Spelunken — wie Gerüste über einander aufgerichtct, zittern bei jedem Windstoß und drohen, zusammenzustürzcn. Eine jede Familie besitzt ihr eigenes Haus, jedoch hält man cs nicht der Mühe werth, auch nur einen Hammerschlag daran zu wenden, sei es um hier eine Treppenstufe zu befestigen, oder um dort eine Diele oder einen Balken in Stand zu setzen. Bon jeher nannten die Israeliten Thireh „das kleine Safed", mit Bezug auf eine der vier orthodoxen Städte des gelobten Landes. Dies bezeugt zur Genüge, daß die Israeliten dieser Stadt zu den frömmsten gehören. Das Familienleben daselbst ist ein patriarchalisches, die Sitten sind l e t o n. rein. Die Frauen tragen ein unschönes Nationalcostüm, welches die ganze Brust entblößt läßt. Bon den Männern kleiden sich einige nach europäischer Sitte, jedoch tragen sie den Fez. Man heirathet gewöhnlich jung; die Männer zwischen 13 und 1t> Jahren, die Frauen von 12 bis 15 Jahren; man findet Großväter von 29 Jahren. Diese Gewohnheiten bleiben selbstverständlich nicht ohne Einfluß auf die Körperbildung. Die Züge der Israeliten zu Thireh sind unregelmäßig, spitz und eckig, der Teint dunkel, die Gestalt klein und untersetzt, der Gang langsam und schleppend, besonders bei den Frauen, welche fast immer Holzschuhe tragen. Tie Kinder sehen im Allgemeinen gut aus und scheinen intelligent. Vom 10. Jahre an verlassen sie die Talmud-Thora, um in das Geschäft eingewciht zu werden. Ihre Bildung, wie die der Eltern, beschränkt sich auf das Hebräische und die jüdischspanische Schrift. Die Frauen beschäftigen sich nur mit der Wirthschaft. Als einzige Kunst lehrt man die jungen Mädchen eine Art türkischen Tanz und schlechte Lieder. Nichts ist einfacher als die Organisation dieser interessanten Gemeinde. Nicht einen einzigen Bettler giebt cs; ein Jeder arbeitet und verdient sein Brod; man begnügt sich mit wenigem, jedoch man streckt nicht die Hand aus. Ein armer fahrender Citroneu-Händler hat darum ersucht, eine jährliche Summe an die Alliance zahlen zu dürfen. Sein kleiner Handel kann ihm täglich allerhöchstens 2 Francs abwerfen; die Sabbath- und Festtage abgerechnet. Trotzdem ist er der Besitzer des Hauses, welches er bewohnt. Der Kohel (die Administration der Gemeinde) hat keine i anderen Spesen, als das Honorar des Oberrabbiners und eines Samas, sowie die Hülfe, welche man den vorüberziehenden Scheluhim ertheilt, eine wahre Plage für die Gemeinden des Orients. Diese Kosten belaufen sich auf cr. 3000 Frs.