Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 29 (15.7.1884)
- Date
- 1884-07-15
- Page
- Seite 464 (sequence 12)
- Language
- German
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464 Blätter selbst, daß die Juden dort im friedlichstem Verhält-; i niß zu den Christen standen, meist Handwerker waren, von ' „Wucher" und „Ausbeuten" keine Spur! Es werden nur ' die haarsträubendsten Details geschildert — aber wir wollen 1 unsere Leser damit verschonen. So viel steht jetzt unwider- ' lcglich fest, daß es eine organisirte Antisemitenverschwörung . giebt, die bald hier, bald dort einen Haufen Barbaren besoldet, um auf die Juden loszustürzen. Darum erheben die Antisemitenblätter über die Vorgänge in Nischny ein kannibalisches Triumphgeschrei, und verkünden laut, daß alle Juden niedergemetzelt werden müssen! Und dies geschieht von einer Presse, die unter strenger Censur steht! was sollen wir hiervon denken?! — Auch in der oben genannten Colonie bei Pultawa fand eine abermalige Invasion von ca. 30 Bauern statt, an deren Spitze ein Gutsbesitzer in B., doch schlugen die Dorfpolizisten die Angreifer zurück, von denen zwei todt auf dem Platze blieben, drei verhaftet wurden. Warschau, 2. Juli. Meldung der „Pol. Korr.": In Folge der letzten Juden-Excesse hat die Auswanderung von Juden nach Amerika besonders in der Umgebung von Kamenicc, Pocolski, Prskurow und Balta neuerdings große Dimensionen angenomen. Moskau, 23. Juni. Dem Moloch, den das christliche Mittelalter in der Beschuldigung des Blutgenusses gegen die Juden errichtet hat, um zahllose Opfer auf dessen glühende Arme zu legen, sind neun Märtyrer dargebracht worden. Wir haben in vor. Nr. die Nachrichten aus Nischnynowgorod gebracht. Eine Corrssp. der „Köln. Ztg." unter obigem Datum berichtet folgende grausige Details: „Schon vorgestern hatten sich hier unbestimmte Gerüchte über neuerliche Ausschreitungen gegen die Juden, welche in Nischny Nowgorod vorgefallen seien, verbreitet; dieselben beruhten auf Privatnachrichten und die Zeitungen schwiegen. Erst heute erfährt man die Wahrheit. Die Veranlassung der traurigen Scenen war auch diesmal das Gerücht, die Juden hätten ein Kind geschlachtet. Dasselbe entstand angeblich folgendermaßen: In der Vorstadt Kunawino spielten vor einem Hause, in dem sich die Synagoge besindet, Kinder; ein dreijähriger Knabe fiel in eine Pfütze, die anderen eilten herbei und führten ihn weg. Ta rief eine Frau der Mutter des Knaben zu: „Die Juden schlachten dein Kind!" Dieser verhängnisvolle Ruf, den die Geschichte auf ihren Blättern so oft verzeichnet, war das Signal zu einem Auflauf gegen die Juden. Wüthende Volksmassen rotteten sich vor der Synagoge zusammen, zertrümmerten die Fenster, drangen in das Innere und begingen unerhörte Nnmenschlichkeiten. Darauf theilten sich die Massen und richteten ihr Zerstörungswerk gegen die Häuser der Juden. Sechs Häuser wurden vollständig zerstört, dabei wurden neun Personen erschlagen und außerdem viele schwer verwundet. Kunawino ist durch die Oka von der Stadt getrennt; da keine Brücke über den Fluß führt, die Polizei in der Vorstadt aber nur schwach verteten war, so erklärt sich die Verzögerung eines wirksamern Einschreitens der Polizeimacht. So erwies sich denn im Augenblick der Zerstörung die Polizei dem tobenden Volke gegenüber als machtlos. Nach etwa zwei Stunden gewährte das Judenviertel den Anblick einer Brandstätte. Als alles vorüber war, lag die Straße mit Trümmern bedeckt, an den Ecken standen Polizisten, glänzten die Helme der Pompiers. Militärmacht erschien der Entfernung des Lagers wegen erst am Morgen des 8. In Häusern, welche von Russen und Juden bewohnt waren, richtete sich die Bolkswuth nur gegen die Juden und ihr Eigenthum. Juden, welche sich auf den Boden der Häuser geflüchtet, wurden von oben auf die Straße gestürzt, unter den Hurrahrufen der Masse aufgefangen, buchstäblich zertreten und in Stücke gerissen; die verstümmelten Leichname von Männern, Frauen und Kinder blieben nackt auf der Straße liegen. Ein sehr wohlhabender jüdischer Lieferant, Namens Dützelmann, dessen Comptoir erstürmt worden, bot sein ganzes Barvermögen — gegen 8000 Rubel — für sein Leben; er erklärte sich auch bereit, den christlichen Glauben anzunehmen, aber während die rasende Menge einen Augenblick zauderte, traf ihn ein Steinwurf an die Schläfe und zum Tode. Und alle diese Scheußlichkeiten wurden in wenigen Stunden vollbracht, ohne daß etwas dagegen geschah, weil keine Macht da war, die es hätte verhindern können. Wir schließen diesen Bericht mit einer Mittheilung, welche unsere Zustände kennzeichnet. Der Gouverneur richtete an den Divisionscommandeur der im Lager stationirten Truppen das Gesuch um schleunige militärische Hülfe, der General erklärte, daß er ohne Genehmigung des Obercommandirenden des Moskauer Militärbezirks über Truppen nicht verfügen dürfe. Es wurde nach Moskau telegraphirt und von dort nach Petersburg und wieder zurück. Als die Truppen am andern Morgen anlangten, verliefen sich die Volksmassen, die Rädelsführer verdufteten und die Statisten wurden verhaftet." Nischny, 30. Juni. Von den 112 wegen antijüdischer Ausschreitungen am 7. Juni Verhafteten wird Niemand vor der gerichtlichen Aburtheilung freigelassen. Die Polizei ist beauftragt, innerhalb einer dreitägigen Frist ein Verzeichniß der Hebräer aufzustellen, welche ungesetzlicher Weise in Nischny wohnen. (So telegraphirt man. Die Bedeutung der letzteren Maßnahmen ist Jedermann einsichtlich!!) — Die „N. fr. Pr." berichtet dasselbe wie die „Köln. Ztg.", nur noch mehr Details über die grausenerregenden : Scheußlichkeiten, die da verübt worden, und die nach dem ■ Ausdruck der Schrift „von der Erde zum Himmel schreien!" — i Dort wird noch hinzugefügt: „Die Exzedenten waren aus