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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-07-15 · Heft 29 (15.7.1884) · p. Seite 466

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 29 (15.7.1884)
Date
1884-07-15
Page
Seite 466 (sequence 14)
Language
German
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466 jährlich; sie werden durch eine persönliche Steuer gedeckt,! welche jedes Mitglied zahlt und deren Höhe jedes Jahr von den Memunim (Verwaltern) bestimmt wird. Der Schohet hält vom Fleischer als Bezahlung die Köpfe der getödteten Thiere. Es giebt dort zwei Synagogen, deren Instandhaltung von dem Verkauf (durch Versteigerung) der Mizvoth gedeckt wird. Die einzige Gesellschaft Thireh's, die kürzlich gegründete Biccur-Cholim bezweckt, den ärmeren Kranken das Erforderliche herbeizuschaffen und für die nöthige Krankenpflege Sorge zu tragen. Der localen Ueberlieferung nach, wäre die Gemeinde von Tireh die Aelteste des ganzen Bezirks; jedoch ist diese Anciennetät durch nichts erwiesen. Zwei Grabschristen des Begräbnißplatzes zu Thireh, welche das Datum des Jahres 5141 (1381 vom christlichen Zeitalter) aufweisen, scheinen den Beweis zu führen, daß die ersten Israeliten, welche sich in dieser Stadt niederließen, nicht aus Spanien stammten, wie die meisten derjenigen, welche die Küsten des Mittelmeeres bewohnen. Dank ihrem Fleiß und ihrer Sparsamkeit, erfreuen sich die Israeliten von Thireh eines viel größeren Wohlstandes als diejenigen des inneren Landes. Ihren Verdienst verdanken sie zum größten Theil den Verwüstungen des Phylloxera, da das Haupt-Ausfuhr-Product Thireh's die blauen Traubenrosinen sind, welche seit einiger Zeit bedeutend im Preise gestiegen sind. Nun besitzen dort einige Israeliten Weinberge und Ackerboden, welche heute bis 20°/0 ihres Werthes bringen. Viele Israeliten handeln mit Baumwolle, Getreide oder fabricirten Waaren. Man findet auch Schuster, Schneider und Blcchschläger unter ihnen. Einige israelitische Kinder befinden sich als Lehrlinge bei griechischen Meistern. Auch sind die Beziehungen der Juden zu der übrigen Bevölkerung sowohl in Tireh, wie in den anderen Städten des Innern, die allerbesten. Ueberall sind Juden unter den städtischen und verwaltenden Behörden. Tie Kinder haben nicht die geringste Bildung, kaum lesen sie fließend die Thora -— selbstverständlich ohne auch nur das geringste davon zu verstehen. Nachdem der Gemeinde hierüber Vorstellungen gemacht worden sind, hat sich dieselbe entfchlosien, außer der Talmud-Thora noch ein anderes Schul-Jnstitut zu gründen und demselben große Opfer zu bringen. A;din. — Von Thireh nach Aidin gelangt man vermittelst einer fünfstündigen Eisenbahnfahrt. Vom Bahnhof nach dem Judenvirtel sind nur wenige Schritte. Der Abstand zwischen dem schönen Meanderthal, welches man soeben verlassen, und den schlechtgepflastern Straßen mit ihren traurigen und zerfallenen Häusern, welche man nun betritt, ist ein großer für den Reisenden. Wie in einem Ameisenhaufen sieht es aus in den Cortigos, einer Art Höfe, in denen die ärmeren Familien in kleinen, übereinandergestellten Holzabtheilungen hausen, woselbst sowohl die Luft wie das Licht nur mit Mühe Eingang finden. Dies ist der Anblick des Judenviertels zu Aid in. Die Kinder werden in der Talmud-Thora unterrichtet. Eine jede dieser Talmud-Thora's besteht aus einem Zimmer von 4 Meter Länge auf 3 Meter Breite, welches den verschiedentlichsten Zwecken dient. Es ist die Wohnung des Rabbiners und seiner Familie und oft sogar des einen oder anderen seiner verheiratheten Kinder; hier kocht oder wäscht die Rebbissa, während in einem anderen Winkel der Rabbiner seinen Unterricht erlheilt; hierher kommen des Morgens vor Sonnenaufgang die Andächtigen den Ticcunhassod ablesen; auch werden hier die Scheluhim untergebracht. Die Einnahmen der Gemeinde Aidin betragen unfähr 5,400 Frs., wovon 1,200 Frs. von einer Steuer auf Wein und Käse herrühren, und das Uebrige von einer Personalsteuer, welche die jüdische Verwaltung den wohlhabenderen Mitgliedern auferlegt. Die Ausgaben werden folgendermaßen eingetheilt: das Honorar des Oberrabbiners, 1,500 Frcs.; Kleidungsstücke für bedürftige Kinder und Korn für die Armen bei Gelegenheit des Osterfestes, 1,400 Frcs.; Unterstützung der Scheluhim, 900 Frcs.; Bezahlung eines Samas, 600 Frcs.; Diverses, 1000 Frcs. (Schluß folgt.) Vermischtes. Ethnographische Vorspiegelungen. Das ethnographische Schematisiren hat den verschiedenen Völkern verschiedene Eigenschaftswörter eingebracht, die stationär ausschließlich für sie gebraucht werden, und welche diese Nationen charakterisiren sollen. So heißt das deutsche Volk „bieder", das französische „leichtsinnig", das spanische „stolz und ritterlich", das russische „gutmüthig" u. s. w. Liest man aber die Blätter der Geschichte nach, so fällt es oft genug auf, mit welchem Unrecht diesem oder jenem Volke derartige Epitheta beigelegt werden. Die Spanier haben sich in der Geschichte als herrsch- und habgierig, fanatisch und grausam erwiesen; wo ihre Fahne einzog, war Schrecken, despotischer Druck, schonungslose Brutalität heimisch. In den jüngsten Jahren hat sich die sog. „Gutmüthigkeit" des russischen Volkes sehr verdüstert, Scenen an unzähligen Orten erwiesen es als geneigt zu Raub und Mord, zu schonungsloser Mißhandlung Wehrloser, zu tückischen Anschlägen gegen Leben und Eigenthum. Daß unter dieser Bölkcrschcmatisirung die Juden ganz besonders gelitten haben, brauchen wir gar nicht hervorzuheben. Die Ueberzahl der Schriftsteller, wenn sie dieselben generell zeichnen wollen, haben ihre hergebrachten Stichwörter, die sie immer wiederholen, und die sie mehr oder weniger zuzuspitzen und zu verschärfen suchen. Es ist dies aber überhaupt nur Spiegelfechterei, die vor dem wirklichen Bilde wie Dunst verschwinden, vor dem Bilde, das wir aus der Geschichte und dem Leben erhalten.

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