Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 29 (15.7.1884)
- Date
- 1884-07-15
- Page
- Seite 462 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227501-3227531--41875-3310383- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
462 stürmten auch die Synagoge und die Schule, wo sie Werke > vandalischer Verwüstung anrichteten. Derartiges geschieht in j einer Gemeinde, welche zwei Meilen von der Hauptstadt entfernt liegt. Um die Juden zu schützen und die Ordnung wieder herzustellen, wurde gestern Militär nach Szt. Endren entsandt. Pest, 1. Juli. Ueber die Antisemiten äußerte sich Kos suth folgendermaßen: Lassen wir jetzt die Fragen unerörtert, in welcher Weise, durch welche Mittel die Antisemiten ins Haus gelangt; thatsächlich bilden sie jetzt eine aus 17 Mitgliedern bestehende parlamentarische Partei. Was ist nun zu thun? Das ist die Frage. Prüfen wir einmal ihr Programm, in welchem sie ihre Wünsche aufgezählt haben. Die einzelnen Punkte dieses Programms beweisen, daß der Antisemitismus nichts als eine wirthschaftliche Frage sei. Die genannte Partei wird einsehen, daß einzelne ihrer Wünsche je nach den wirthschaftlichen Interessen erfüllt werden können, zum Theil schon erfüllt sind. Die massenhafte Einwanderung der Juden beispielsweise ist Etwas, was Niemand wünscht; eine Invasion, die keine materiellen Mittel, keine Arbeitskraft ins Land bringt, kann nur schaden, nicht nützen. Doch das gilt nicht blos für die Juden. Lassen wir auch die Walachen und andere Stämme nicht herein, wenn sie massenhaft, ohne intellektuelle Mittel und Arbeitskraft unsere Gemeinden überfluthen. Das ist also keine Judenfrage. So ist es auch mit den übrigen Punkten dieses Programms. Ich weiß, daß der Antisemitismus im Lande stark verbreitet ist. Der Direktor eines großen Unternehmens, mit welchem ich in Verbindung stehe, sagte mir, von dieser Frage sprechend: „Sie wären der einzige liberale Mann im Lande, wenn Sie heimkämen." . . . Vor Kurzem war ein einfacher Landmann aus der Baranya bei mir. „Ter Antisemitismus ist auch bei uns verbreitet — sagte er auf meine Frage — weil die Juden die Güter zusammenkaufen." — „Ist es überall so?" fragte ich. — „Bei der deutschen Bevölkerung nicht", lautete die Antwort. — „Das ist eben der Kern der Sache; die Deutschen sind sparsamer, wirthschastlicher und findiger; während der Ungar oft leichtsinnig ist; die Juden nützen dies aus, dann schimpft man über sie. In Italien, Frankreich und England giebt es keinen Antisemitismus und wird es auch keinen geben, weil der Italiener, der Franzose, der Engländer gerade so findig ist, wie der Jude und die wirthschaftlichen Vortheile gerade so auszubeuten versteht, wie der Jude. Die Antisemiten-Partei wird also einsehen müssen, daß ihr Streben nichts Anderes sei, als die Wahrung wirthschastlicher Interessen. Wenn sie trotzdem fortfahren wird, den Racenhaß zu verkünden, dann werden Gesellschaft und Regierung zu energischeren Mitteln greifen müssen." Pest, 2. Juli. (Privatmitth.) Der Jahresbericht der hiesigen Landes - Rabbinerschule für das Schuljahr 1883— 84 ist vor einigen Tagen, unmittelbar nach Schluß der an der Anstalt abgehaltenen Prüfiingen erschienen. Die Rabbinerschule besuchten im abgelaufenen Schuljahre 70 Schüler, von welchen 16 der oberen Abtheilung angehörten. Dem Jahresbericht voran geht die Arbeit, welche mit dem vorigen Jahresberichte schon hätte erscheinen sollen: „Die Sinne. Beitrage zur Physiologie und Psychologie im Mittelalter, Aus hebräischen und arabischen Quellen von Prof. Dr. David Kaufmann. Wir kommen auf dieselbe demnächst zurück. Pest, 3. Juli. Bei der heutigen engeren Wahl in Kecskemet erlitt die antisemitische Partei eine Schlappe, indem in beiden Bezirken in Folge eines Compromisses der Regierungspartei und der äußersten Linken ihre Candidaten durchfielen, trotzdem Berhovay, Onody, vr. Racz und andere antisemitische Hauptagitatoren vor der Wahl und während derselben alles aufboten, um das Volk zu haranguiren und den Sieg an ihre Fahne zu heften. Es kam sogar wieder zu einem blutigen Zusammenstoß zwischen dem fanatischen Pöbel und dem in Bereitschaft stehenden Militär, das mit dem Bajonett intervenirte. Der antisemitische Abgeordnete Racz, der den Pöbel zum Angriff aufforderte, wurde verhaftet. Troppaa, k. k. Schlesien 29. Juni. (Privatmitth.) Ihre interessanten Leitartikel im heurigen Jahrgange Ihrer sehr sehr geschätzten Zeitschrift „über die fortschreitende Entwickelung wie über die Rabbinerversammlungen und Synoden" lassen mich vermuthen. Laß Ihnen Nachrichten über nachträgliche Erfolge der letzteren nicht unwillkommen sein dürften. Dies veranlaßt mich zu der Mittheilung, daß der Vorstand der hies. isr. Cultusgemeinde den Beschluß faßte, vom Neujahrsfeste 5645 an das Gebetbuch der neuen Synagoge in Berlin auch in unserem hiesigen Gotteshause einzuführen und werden die hier einzuführenden sich von jenem nur in dem Gebete für das allerhöchste Kaiserhaus unterscheiden. Hoffentlich werden dieselben, die nun nichts enthalten, was mit der Auffassung und Gesinnung unserer vorgeschrittenen Gemeindeglieder divergiren würde, viele derselben zum Gottesdienste heranziehen, dem sich bisher ein großer Theil fern hielt. Diesem Beschlüsse ging eine reifliche Erwägung von Seite eines zu diesem Zwecke eingesetzten Comites voraus, das es sich zur Aufgabe machte, aus den in diesem Geiste gearbeiteten Gebetbüchern eins auszuwählen und vorzuschlagen und auch mehrere talmudisch gebildete Männer unserer Gemeinde zu besiagen, die denn auch zu dem oben angeführten Beschlüsse ihre Zustimmung gaben. Allein bedauerlich ist es, daß in dem großen deutschen Reiche, wo bereits sehr viele Gemeinden diese oder ähnliche Gebetbücher eingeführt haben, für die Jugend noch kein Gebetbuch existirt, dessen Text mit dem des einzuführenden gleichlautend wäre.