Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 29 (15.7.1884)
- Date
- 1884-07-15
- Page
- Seite 460 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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unterricht des jüdischen Volkes. Um schon frühzeitig den | Kindern das Gottesgesetz einzuschärfen, wurde wie bei keinem | anderen Volke auf der ganzen Erde in jeder, auch der klein-! sten Gemeinde, der Unterricht als eine der ersten und heilig-; sten Elternpflichten betrachtet. Mochte derselbe sich auch nur auf Religionskenntnisse beschränken und somit sehr einseitig sein, er führte aber zu einem Bildungsstreben und schützte die Jugend vor sinnlicher Entartung und zügelloser Ausschweifung, wie wir sie bei den morgenwie abendländischen Völkern finden. Durch den frühzeitigen Unterricht in der Thora wurde der Impuls zum beständigen Nachdenken und j zwar über die idealen Gegenstände des Lebens, über Gott und des Menschen Beziehungen zu ihm, über den Werth des Lebens mit und ohne Pflichterfüllung. Jeder irgendwie Befferbegabte hielt sich zum Studium des Gesetzes berufen und betrachtete die Auszeichnung darin als seinen schönsten Ruhm. Dieser unleugbare Charakterzug des jüdischen Stammes ist ein Lichtpunkt in den dunkelsten Zeiten seiner Leidensgeschichte, er ist die Leuchte, die ihm die Fähigkeit verlieh, sich auch in anderen Wissenszweigen, wie in Sprachen, in der Rechtsgelehrsamkeit und in der Medicin auszuzeichnen und so trotz aller Schwierigkeiten und Kämpfe, die man seinem Fortschritt überall in den Weg legte, sich die höhere Lebensstufe zu erringen, auf der es jetzt in allen Culturländern seine berechtigte Anerkennung von allen Klaffen vorurtheilsfreier Bürger genießt. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 2. Juli. Die Jahreszeit, welche die leidenden! Menschen in Maffe nach den Bädern führt, erinnert uns j daran, daß wir einer recht intereffanten Broschüre noch nicht1 gedacht haben, die uns vor einigen Monaten zugekommen:! Ueber Baden und Bäder bei den alten Völkern, namentlich bei den Hebräern, Griechen und Römern. Eine hygienische Skizze von Dr. Sam. Spitzer, Oberrabbiner in Effek (Belevar, Fleischmann). Der Berf. stellt aus den: großen Material von Notizen über „Baden uud Bäder", welche aus den biblischen, talmudischen, griechischen und römischen Schriftstellern geschöpft wird, die wichtigsten Notizen zusammen, behandelt sie in ihrem Zusammenhänge systematisch und bietet uns so ein recht anschauliches Bild dieses wichtigen Culturmomentes aus dem Alterthum. Im ersten Abschnitt behandelt er das Baden und zwar erstens aus religiösen Motiven, die religionsgesetzlichen Vorschriften und dann aus vorherschend sanitären Rücksichten, sowie das Bad als Reinigungs- und Erfrischungsmittel, dem er noch ein Capitel über „supernaturale Bäder" d. h. aus Aberglauben hinzufügt. Für alle diese Gegenstände findet er Stoff genug am Nil und am Jordan, in Griechenland und in Rom. Der zweite Abschnitt behandelt die Bäder, und zwar die gewöhnlichen Bäder, Seebäder, Heilquellen, künstliche Bäder und deren Einrichtung. Man sieht, der Verf. griff seinen Gegenstand von allen Seiten an und wenn seine Abhandlung auch nicht erschöpfend genannt werden kann, so wird sie den Leser doch vielfach belehren und interessiren. Die eine Bemerkung wollen wir nicht übergehen, daß der Verf. sich doch zu sehr auf die alten Bibelexegeten beschränkt und von den neueren keinen Gebrauch macht, wodurch hier und da eine Mangelhaftigkeit erzeugt wird. — Wir haben in voriger Nummer über das treffliche Werk Güdemanns, . bie Verhältnisse, die Geistesrichtung und die Cultur der Juden in Italien während des Mittelalters referirt. Gewiffermaßen als Ergänzung dient eine in Nr. 15 der Revue äes Rtnäes! juives (Paris, Durlacher, Januar bis März 1884) begonnene Abhandlung: „Die Juden in Rom vor der öffentlichen Meinung und in der Literatur". Diese Periode der jüdischen Geschichte hat in jüngster Zeit die besondere Wichtigkeit erlangt, daß bei der Prüfung der von Ernst Renan ausgestellten! Hypothese, die jetzigen Juden fein gar keine unmittelbaren Abkömmlinge der palästinensischen Hebräer, sondern stammten vorzugsweise aus den maffenhaften Proselyten zum Judenthume, sich alle seine Beweise, wie wir erörtert haben, als nichtig und zum Theil, z. B. was die slavischen Juden betrifft, als lächerlich herausgestellt haben, nur diese Periode in Rom einigen Anhalt bietet und diese deshalb einer besonderen Untersuchung bedarf. Dieselbe wird von Herrn I. A. Hild unternommen, und was in diesem ersten Abschnitt uns vorliegt, welcher die Zeit von der Einnahme Jerusalems durch Pompejus bis zur Regierung des Augustus befaßt, ist mit Umsicht, Unbefangenheit und kritischem Scharfblick durchgeführt. Die Ansammlung der Juden in Rom, die Stellung, die sie einnahmen und in Folge der in Rom herrschenden staatlichen und religiösen Verhältniffe einnehmen mußten, ihre sich von selbst ergebenden Einrichtungen und die Ver- I Änderungen, die mit dem Wechsel der politischen Zustände : eintreten mußten, werden aus den nicht allzu reichen Notizen, J die uns überkommen sind, klar dargestellt. Der Berf. nkacht i von vornherein aufmerksam, wie vielfach im 6. u. 7. Jahr- : hundert die vorhandenen Texte, namentlich betreffs der Juden, gefälscht und gestrichen worden. Die hauptsächlichen Objekte in dieser Periode sind die Aeußerungen Ciceros in der Rede! pro Flacco und das Verhalten Cäsar's hinsichtlich der Juden, i Der Verf. charakterisirt den zweideutigen Charakter Ciceros zsehr treffend, der als echter Advokat und Rabulist in der Verteidigung seiner Clienten oder im Angriff auf seine! Gegner sich gewissenlos aller Kunstmittel bedient, um seinem! Zwecke zu dienen, sei es anzuklagen oder zu vertheidigen. Was er bei Berres mit den schärfsten Waffen anklagte, gerade dasselbe vertheidigte er bei Flaccus. Aus diesem Standpunkte