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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-07-15 · Heft 29 (15.7.1884) · p. Seite 459

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 29 (15.7.1884)
Date
1884-07-15
Page
Seite 459 (sequence 7)
Language
German
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459 Wortes handelte. Aber wenn wir auch schon über die Bezeichnungen der einzelnen Begriffe in unserer Muttersprache; keinen Zweifel hätten, würden nicht die Sätze in ihrer Verbindung oft einer Erklärung bedürfen, da sie nicht immer behauptend, sondern fragend, zweifelnd, bewundernd, nicht selten auch ironisch oder räthselhaft aufzufassen sind. — Wenn nun schon beim mündlichen Vortrag auf diesen Unterschied in der Satzsorm sehr zu achten ist, wenn der Sinn nicht mißverstanden werden soll, um wie viel leichter konnte ein Mißverständniß beim geschriebenen Worte, dem das Seelenvolle des mündlichen Wortes fehlt, entstehen. Aus diesem Grunde entstanden schon frühzeitig in Israel Lehranstalten, in denen von den geistig und sittlich hochstehenden Männern des Volkes, den Propheten, das Gotteswort öffentlich gelehrt und selbstverständlich auch erklärt und zu dessen Beobachtung angeregt und eindringlich ermahnt wurde. Und das Streben nach solcher Belehrung mußte wohl nicht so gering gewesen sein, da wir in Elias' und Elischas' Zeiten nicht nur zahlreichen Prophetenschülern im Lande begegnen, die den Meister überall hin begleiten, sondern auch von schlichten Landleuten erfahren, daß sie an Sabbath- und Neumondstagen den Propheten aufsuchten, um seine Lehre zu vernehmen. Ganz besonders aber waren Esra und Nechemiah und mit ihnen im innigen Verein die derzeitigen Propheten Chaggai, Secharjah und Maleachi ernstlich bemüht, durch häufige Thoravorlesungen an Sabbathen und Festtagen, so wie auch an den beiden Wochentagen Montag und Donnerstag das Gotteswort unter dem Volke zu verbreiten und zum Verständniß zu bringen. Nach der Rückkehr der Exulanten aus der babylonischen Gefangenschaft betrachtete es namentlich Esra, der Schriftgelehrte und Priester, als das Nothwendigste, den Geist für die Lehre Moschehs neu zu erwecken und die Herzen dafür zu erwärmen. Und diesem Streben ist es wohl hauptsächlich zu verdanken, daß sich zu jener Zeit ein Bund der angesehensten Männer bildete, der sich die fortgesetzte Aufgabe stellte, die Wahrheiten der Thora, den Gottesdienst und die Wohlthätigkeit als specielle Bestimmung des jüdischen Volkes zu betrachten. Es waren dies die Männer der großen Synode, die nH;- dd:2 die an der Spitze des Volkes standen, als seine Repräsentanten in den inneren, wie in den äußeren Staats- und Civilangelegenheiten, als die höchsten Lehrer und Richter. — Daß diese Aufgabe von ihnen als die Basis des jüdischen Volkes betrachtet wurde, bekundet einer der letzten Männer derselben, Simon der Gerechte, mit den Worten: „Auf drei Dingen beruht die sittliche Welt, auf Gotteslehre, auf Gottesdienst und Wohlthätigkeit". Oder wie sich in späterer Zeit Rabbi Simon, Sohn Gamliels, darüber äußert: „Wegen dreier Gegenstände besteht die Welt: wegen der Wahrheit, des Rechts und des Friedens." Um die Thora aber zum Verständniß zu bringen, war schon damals eine Uebersetzung nöthig; denn das Volk hatte im babylonischen Exil die Muttersprache theilweise vergessen, theilweise mit fremden Dialecten, mit dem Chaldäischen und Asdodischen vermischt. Darum ordnete Esra an, daß bei der Thoravorlesung ein Meturgeman mit fungirte, der die vorgelesenen hebräischen Worte sofort ins Chaldäische, was allgemein verständlich war, übersetzte und erläuterte. Diese so verständige Einrichtung wurde während der ganzen Periode des zweiten Tempels beibehalten und so der Grund zu vielen Lehrhäusern in Palästina, wie in den Ländern am Euphrat und Tigris, wo sich der größere Theil der Juden aufhielt und sich in seinen geistigen und religiösen Bestrebungen den Glaubensgenoffen im Lande anschloß. So entstanden die berühmten Hochschulen zu Tiberias, Jamnia, Pumpadita und Nahardea. Eine andere, aber nicht minder intelligente Richtung bemerken wir bei den Juden in Egypten, wo sie gleichfalls seit Jeremia's Zeiten bei der Zerstörung des ersten Tempels unter Nebucadnezar hingeflüchtet waren. Hier schloffen sie sich besonders seit Begründung Alexandriens der griechischen Strömung an. So sehr sie aber auch für griechische Cultur zugänglich waren, vergaßen sie doch ihres jüdischen Ursprunges nicht. Ja ein hochstehender Freund. des Königs Ptolomäus Philometor wußte diesen so sehr für die Thora zu begeistern, daß er sie ins Griechische übersetzen ließ. Durch diese Uebersetzung, die unter dem Namen der Septuaginta bekannt ist, wurde die Thora den gebildetsten Völkern des Alterthums bekannt. Die unbefangen denkenden Geister unter den Griechen und durch dieselben auch später unter den Römern überzeugten sich durch diese Uebersetzung, wie die Lehren des ' Judenthums hoch über allen heidnischen Anschauungen standen.! Die Gotteslehre fand so im weiten römischen Reiche immer J zahlreichere Anhänger und Freunde, zu denen namentlich Ge-! lehrte gehörten, denen die Uebersetzung nicht immer genügte. | Sie verlangten nach einer Originalkenntniß. Dies Streben S führte zu einer Sprachvergleichung, die bis zu unserer Zeit! fortgesetzt wurde. — Seit der Reformationszeit, wo die Bibel den! europäischen Ländern zur einsichtsvollen Kenntn iß gebracht werden sollte, wurden häufig Sprachforscher nach dem Schau- > platz der biblischen Begebenheiten gesandt, um die Stätten! aus eigener Anschauung kennen zu lernen, wo sich die bej deutungsvollsten Ereignisse zutrugen, von denen die Bibel berichtet. Und hierdurch wurde die Naturwie Länder- und j Völkerkunde des Orients bedeutend bereichert. Man darf > somit die hebräische Sprache als diejenige der orientalischen j betrachten, die unter den Gottgläubigen seit 2000 Jahren das höchste wissenschaftliche Interesse erregte. Biel wichtiger aber als für die Wissenschaft im Allgemeinen, die mit dem gründlichen Studium der Thora in unmittelbarer Verbindung steht, wurde die hebräische Sprache für den Volks-

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