Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 29 (15.7.1884)
- Date
- 1884-07-15
- Page
- Seite 458 (sequence 6)
- Language
- German
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458 und Tempeln auf der ganzen Erde zum täglichen Ausdruck des Gottesbekenntnisses und der Gottverehrung. zur Anbetung und Lobpreisung des höchsten Wesens dient. „Warum aber sollen wir noch fortgesetzt in einer fremden Sprache beten? Erfordert das Judenthum beim Gottesdienst die hebräische Sprache?" — Auf diesen so oft gehörten Einwand antwortet der Talmud schon vor mehr als 1200 Jahren: MBic-nsv!? yiz£ $02 m2~2"m2":2n bzz ^snon „Es ist erlaubt in jeder Sprache zu beten, die man versteht und die Andacht ist die wesentlichste Bedingung beim Gebet." — Wenn trotz dieses entschiedenen Urtheils selbst der Talmudlehrer unsere Glaubensgenoffen heute noch überall beim öffentlichen Gottesdienst die hebräische Sprache beibehalten haben, so muß dem ein höheres Moment, als die bloße Gewohnheit oder das Borurtheil zu Grunde liegen. — Die Juden waren sich bewußt, daß die Sprache ihrem Gehalt, wie ihrem Laute nach das sicherste äußere Band bildet, das sie in ihrer Zerstreuung überall als Religionsvolk einigt, daß diese gleiche Gebetsprache unter allen Nationen in den ver-! schiedensten Ländern ihnen in den Synagogen, in welchen sie! sich mit ihren Glaubensbrüdern zur gemeinschaftlichen Gottesverehrung vereinigten, eine Heimath biete, in der sic in Freud' und Leid den Beistand finden, den die Thora gebietet. „So! ein Fremdling sich bei Dir aufhält, so sei er Dir wie ein! Einheimischer. Ihr sollt ihm Liebe erweisen, denn Ihr wäret Fremdlinge im Lande Mizraim." So ein Fremder in früheren Zeiten in der Synagoge sich fand, bewiükommte man itpr als Bruder, erkundigte sich nach seinen Lebensverhältniffen und bedurfte er irgend welcher Unterstützung, so gereichte es; Jedem zur Freude, ihm den brüderlichen Dienst erweisen zu können, dessen er bedurfte. So fand er im wahren Sinne des Wortes in dem Versammlungshaus 7122:^ rrz als Fremdling bald eine Heimath. Wie so mancher in der Fremde Sterbende, der auf einem Schlachtfelde oder in einer sonstigen Gefahr unerwartet seinen Geist aufgeben mußte, fand in dem kurzen: r.s“^ ycs* seinen einzigen und letzten Trost in dem Bewußtsein, mit seinen letzten Odemzügen noch Zeugniß seiner hingiebigcn Gottangehörigkeit gegeben zu haben. Wer weiß nicht, mit welcher seltenen Pietät die jüdischen Söhne auch in unserer modernen Zeit, wo sie sich sonst dem religiösen Leben schon entfremdet haben, das Trauerjahr und den Sterbetag ihrer Eltern mit Gebet begehen, wie sie im Trauerjahr den öffentlichen Gottesdienst möglichst täglich besuchen, um das das als Sterbegebet cingeführt ist, nicht zu versäumen. Es würde diese Andachtsübung aber sicher nicht so hoch angesehen werden, sobald dieses Gebet in einer andern als der traditionellen Sprache eingeführt würde, und diese heiligende Pietät würde sich verlieren. Mit diesem religiösen Sinn sehen wir in unserem Jahrhundert oft noch ein anderes frommes Werk verbunden, das den zum ewigen Leben Heimgegangenen ein Denkmal bei den Hinterbliebenen errichten soll. Gar mancher Begüterte, dem es darum zu thun ist, unter allen Umständen an seinem Sterbetag das Kaddischgebet verrichtet zu sehen, bedenkt die jüdischen Waisenkinder mit einem Fond, oder errichtet womöglich selbst ein Waisenhaus, damit man seiner jährlich am Sterbetage zur Ehre Gottes und zum Heile elternloser Kinder in Liebe gedenke. Wer sich von dieser segensreichen Wirksamkeit der hebr. Sprache überzeugen mag, braucht nur die Geschichte der meisten jüd. Waisenhäuser in Deutschland zu lesen. Das Auerbach'sche Waisenhaus in Berlin, das zu Paderborn für Westfalen und die Rheinprovinz, sowie das zu Hamburg, die zusammen circa 120 arme elternlose Kinder verpflegen und erziehen, verdanken ihre Hauptexistenzmittel solchen Spenden. In gleicher Weise werden die jüdischen Lehrervereine, deren 4 in Deutschland bestehen, an den Sterbe- und Jahreszeitstagen von Begüterten zur Unterstützung der Hinterbliebenen Wittwen und Waisen der jüd. Lehrer vielfach bedacht, so daß sich mit der Zeit ein dauernder Fond bilden konnte. — Man darf daher mit Recht behaupten, der Beibehaltung der hebr. Sprache beim öffentlichen Gottesdienst sei die Versorgung zahlreicher Waisen und Wittwen, die sonst dem Elende preisgegeben wären, zu verdanken. — Der hebräischen Sprache hat aber die gesammte cultivirte Menschheit und nicht nur wir Juden noch bedeutungsvollere Anstalten errichtet, ich meine Lehrhäuser, von denen das Licht der Wahrheit und Gotteserkenntniß ausstrahlte. So hoch die Werke der Menschenfreundlichkeit im Judenthum auch geschätzt werden, die Verbreitung der Gotteserkenntniß — wie die Rabbinen es nennen rrr,n ’r.o.n wurde als die höchste Menschenaufgabe betrachtet. Auch die Weisen anderer Nationen betrachteten dieses als das höchste Ziel menschlichen Strebens. Aber unter keinem Volk finden wir mehr Lehrstätten, die der Gotteserkenntniß gewidmet waren, als in Israel. Ihr nächster Zweck war, gründliche Kenntniß der Thora. Um dieselbe zu erlangen, mußte man selbstverständlich das geschriebene Gotteswort in seiner Ursprache verstehen. So lange Israel noch in seinem Baterlande lebte, war zwar das Hebräische die Muttersprache, in welcher die Thora niedergeschrieben war. Wer aber darum der Meinung ist, daß man auf die Kenntniß der Sprache weiter keinen Fleiß zu verwenden gehabt hätte, der müßte wohl glauben, daß ein Volk seine Muttersprache von selbst verstünde. Das ist aber ein großer Jrrthum. Wer hätte denn nicht erfahren, daß in jeder Sprache dieselben Begriffe mit verschiedenen Ausdrücken,! wie auch umgekehrt, daß man mit einem und demselben! Worte verschiedene Begriffe bezeichnet, so daß schon aus diesem j Grunde die Sprache um so mehr einer Erläuterung bedurfte, da es sich dabei um das richtige Verständniß des Gottes-