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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-07-15 · Heft 29 (15.7.1884) · p. Seite 455

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 29 (15.7.1884)
Date
1884-07-15
Page
Seite 455 (sequence 3)
Language
German
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455 während des Jahres 1882 gestorbenen Kinder nach. Dem' Tabellenwerke ist eine Einleitung aus der Feder des Dezer-; uenten für Bevölkerungsstatistik im königlichen statistischen j Büreau vorangestellt, in welcher die Ergebnisse nach gewissen - Gesichtspunkten bearbeitet sind und der wir folgendes ent-' nehmen. I Bon je 1000 ehelichen bezw. unehelichen Kindern starben Lis zur Vollendung des ersten Lebensjahres: von ehelichen! Knaben 247 evangelische, 242 katholische, 170 sonst christ-! liche, 186 jüdische; von ehelichen Mädchen 211 evan-! gelische, 204 katholische, 154 sonst christliche, 157 jüdische: von unehelichen Knaben 394 evangelische, 412 katholische, 422 jüdische, von unehelichen Mädchen 358 evangelische, 383 katholische, 393 jüdische. Bon den ehelich Geborenen starben sonach bis zum Ablauf des ersten Lebensjahres bei beiden Geschlechtern viel weniger jüdische als christliche Kinder, von den unehelich Geborenen dagegen erheblich mehr jüdische als christliche. Ueber das Religionsbekenntniß der Bäter unehelicher Kinder weiß man nichts Bestimmtes. Da aber die Bevölkerung des preußischen Staates aus 98-/z Prozent Christen und l1^ Prozent Juden besteht, so wird wohl ein hoher Prozentsatz Bäter der von jüdischen Müttern unehelich geborenen Kinder aus Christen bestehen. Wird diese Voraussetzung als zutreffend anerkannt, so erklärt dieselbe auch die bekannte Thatsache, daß bei Jüdinnen verhältnißmäßig erheblich weniger uneheliche Geburten Vorkommen als bei Christinnen. Die Ursache dieser durch langjährige statistische 1 Beobachtungen und in den verschiedensten Ländern festgestellten Erscheinung würde dann in dem zwischen der christ-! lichen und jüdischen Bevölkerung bestehenden Rassenunterschiede' zu suchen sein; denn auch die christlich-jüdischen Mischehen geben nur verhältnißmäßig wenigen Kindern das Leben. Die preußische Statistik bietet seit der Errichtung der Standesämter für die Beurtheilung der einschlägigen Berhältniffe gute Unterlagen, da seit dem Beginn des Jahres 1875 bei den Eheschließungen das Religionsbekenntniß beider Gatten und bei den Geburten ehelicher Kinder das Religionsbekenntniß beider Eltern statistisch erhoben worden ist. Im Durchschnitte entfielen während der Jahre 1875 bis 1882 in preußischen Staate auf jede Eheschließung zwischen evangelischen Personen 4,48 Geborene, darunter 0,l 9 Todtgeborene, zwischen katholischen Personen 5,38 Geborene, darunter 0,19 Todtgeborene, zwischen anderen christlichen Personen 3,12 Geborene, darunter 0,20 Todtgeborene, zwischen jüdischen Personen 4,54 Geborene, darunter 0,45 Todtgeborene, zwischen christlichen Männern und jüdischen Frauen 1,88 Geborene, darunter 0,07 Todtgeborene, zwischen jüdischen Männern und christlichen Frauen 1,54 Geborene, darunter 0,06 Todtgeborene. Tie christlichjüdischen Mischehen erzeugen mithin sehr viel weniger Nachwuchs als christliche oder jüdische Ehen, und es macht hierbei keinen großen Unterschied, ob bei derartigen Mischehen der Mann oder die Frau dem jüdischen Religionsbekenntniffe angehört. Auch in Bezug auf die Lebensfähigkeit der Kinder äußert die Raffenverschiedenheit der Eltern merklichen Einfluß. Unter je 1000 Geborenen befanden sich nämlich Todtgeborene bei Kindern aus Ehen zwischen evangelischen Personen 41,68, zwischen katholischen Personen 37,38, zwischen anderen christlichen Personen 33,47, zwischen jüdischen Personen 32,88, zwischen christlichen Männern und jüdischen Frauen 38,46, zwischen jüdischen Männern und christlichen Frauen 37,30. Die Todtgeburtsziffer der von jüdischen Eltern Geborenen ist mithin beträchtlich niedriger, als die Todtgeburtsziffer der aus christlich-jüdischen Mischehen entstammenden Kinder. Ferdinand von Hitler über den Antisemitismus?) Bon Ferdinand Hiller, dem berühmten Concertmeister in Köln, dem Freunde Felix Mendelssohns, dem Componisten der reizendsten Kammermusikwerke und des Oratoriums Jeremias, der auch einer der beliebtesten musikalischen Schriftsteller ist, erschienen jüngst „Erinnerungsblätter" (Köln 1884). In diesem Buche äußert er sich über Liszt's neueste antisemitische Broschüre in folgender, höchst bemerkenswerther Weise: „Liszt überbietet Plötzlich die fanatischesten Schreihälse durch einen antisemitischen Aufruf der gehässigsten Art, er, der frei wie Niemand dastehende Künstler, er, der fromme Priester des Gottes der Liebe. Die Wahrheit zu sagen, ich glaube nicht, daß er diese Bannbulle geschrieben, glaube auch nicht, daß sie von ihm herrührt. Warum er sie über sich ergehen ließ, die unvermeidlichen Folgen zu tragen sich entschloß, das ist freilich nicht erklärlich — nicht begreiflich. . . Als vor vierzig Jahren Felix Mendelssohn im Gewandhaussaale zu Leipzig, Franz Liszt zu Ehren, die ganze gebildete Gesellschaft eingeladen hatte und ihm ein Concert veranstaltete, wie er es weder vorher noch nachher irgend Jemandem zu Liebe gethan, wer hätte damals glauben mögen, daß der große Virtuose des großen Eomponisten einst in solcher Weise gedenken würde. Es ist allerdings lange her und viel liegt dazwischen, vor Allem der Tod des Letzteren! Geradezu komisch klingt es aber, wenn Liszt den jüdischen Künstlern vorwirft, sie handelten nach dem Worte Molitzres: „Et nul 1) Es ist allerdings nicht allzuhoch anzuschlaaen, wenn jetzt Männer, die das Judenthum verließen, gegen den Antisemitismus sich wenden, denn dieser macht eben keinen Unterschied zwischen Juden und getauften Juden. Jndeß ist jede Richtigstellung willkommen, und sie kommt hier von einer höchst achtbaren Persönlichkeit. Redaction. 29*

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